Berlin : Die Olympischen Spiele von Tempelhof

Seit einer Woche werden auf dem alten Flughafen die Wettkämpfe gezeigt Zeit für eine Zwischenbilanz: Geht jemand hin? Nicht so viele, doch unglücklich wirkt nur der Wirt.

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… und gucken und sitzen. Tagsüber ist es noch ein bisschen leerer, entspannter – geschwitzt wird hier vor allem wegen der Hitze. Foto: Davids
… und gucken und sitzen. Tagsüber ist es noch ein bisschen leerer, entspannter – geschwitzt wird hier vor allem wegen der Hitze....Foto: DAVIDS

Auf Picknickdecken sitzen sie hier, mit einem Bier in der Abendsonne, und starren auf die Leinwand. Olympia ist hier zu sehen, Tennis, Brustschwimmen, Rudern – Applaus, Applaus! Abends, wenn’s nicht mehr so heiß ist, kommt hier auf dem Tempelhofer Feld richtig gute Stimmung auf. „Ich sitze nach der Runde mit meinem Hund gerne hier“, erzählt eine Frau im Gras, „die Stimmung ist so entspannt“. Und das Panorama richtig schön. Hinten leuchtet die Großstadt.

Applaus brandet auch tagsüber über die schütter mit Sonnenbadenden und Fernsehguckern gefüllte Wiese. Und wenn die Deutschen mal eine Medaille holen, dann ertönt schon mal der routinierte Kommentar: „Okay, Gold – wir können nach Hause.“

Hayar, 23, kommt aus Mitte und hat mit Joe, 20, und Marcel, 24, schon ein paar Stunden mit körperlicher Ertüchtigung und Olympia-Gucken zugebracht. Sie hocken unter Sonnenschirmen, haben Gläser in der Hand und gehören zu einer Sportgruppe, die einmal die Woche trainiert. Diesmal auf Anregung ihres Trainers eben auf dem Public-Viewing-Areal gleich am Eingang in der Nähe des S-Bahnhofs Tempelhof, wo man außer London gucken und Bier trinken auch in Sportarten reinschnuppern kann. Die von Bierwagen und Fressständen gesäumte Wiese mit den zeitweise bespielten Mitmacharealen gefällt ihnen viel besser als Public Viewing auf der Fanmeile am 17. Juni. Obwohl Joe totaler Fußballfan ist. „Hier kann sich jeder Essen und Trinken mitbringen“, sagt er, „und es ist nicht so voll“.

Das genau ist nach einer Woche Olympia-Public-Viewing allerdings genau der Kummer von Mirko Perleberg. Der joviale Wirt mit dem silbergrauen Schnauz betreibt in Tegel das „Haxenhaus“. Für seinen mit rot-schwarz-goldener Girlande ausstaffierten Wernesgrüner-Getränkestand hat er für 17 Tage 10 700 Euro Miete berappt. Ein Minusgeschäft, glaubt er. Obwohl die Sonne aus allen Knopflöchern strahlt, läuft das Geschäft mit dem Durst eher mau. „Nüscht zu verdienen hier, die Leute bringen alles mit.“ Und zu leer sei es auch. Mehr Werbung und mehr Bühnenprogramm müsse her, findet er. „Das gab’s bislang nur Freitag und Sonnabend.“ Seine Schankkräfte hat er wieder nach Hause geschickt. „Ick steh’ nur noch alleine hier.“

Ein paar hundert Meter weiter hockt eine Mittvierzigerin aus Nordrhein-Westfalen vor der Leinwand, die zu Besuch in Berlin ist. „Wenn Public Viewing, dann so“, lobt sie die relaxte Atmosphäre. Als hätten sie’s gehört, pflichten ihr unisono eine Frau und zwei Männer aus Neukölln bei, die mit Badmintonschlägern und Fernglas bewehrt ein Stück weiter auf der Picknickdecke hocken. „Ist doch super hier, man trampelt sich nicht tot“, kommentieren sie die ausgesprochen übersichtliche Menschenansammlung. Das Bad in einer enthusiastischen Fanmenge vermissen sie ebenso wenig wie den fetten Goldmedaillenregen. „Völlig wurscht, es gibt doch trotzdem etliche Höhepunkte.“

Es stimmt also, was die Veranstalter der „Spiele in Berlin“ vermuten: Olympia-Public-Viewer und Fußballfanmeilen-Besucher haben nicht wahnsinnig viel gemeinsam. Das sagen die Organisatoren, die bis zum 12. August in den Metallcontainern hinter der Großbildleinwand hocken. Das sagt auch Michael Stiebitz, der ehrenamtliche Präsident des veranstaltenden Berliner Hockey Clubs. Klar sei beides Sport auf einer Großbildleinwand, aber beim Fußball ginge es nur 90 Minuten um eine einzige Sportart und hier täglich von 10 bis mindestens 22 Uhr um ganz verschiedene, das ziehe ganz andere Leute. „Die starken Entscheidungen in der Leichtathletik, die kommen ja erst in der nächsten Woche.“ Und das Publikum tausche sich den ganzen Tag über fünf- oder sechsmal aus. 25 000 Menschen habe man am Eröffnungswochenende grob gezählt, unter der Woche 6000 täglich, sagt er.

Obwohl von denen gerade nur ein Bruchteil zu sehen ist, geht für ihn und seine professionellen und ehrenamtlichen Leute die Idee, Olympia nicht nur per TV zu konsumieren, sondern durch Hockeyspielen, Morgen-Yoga oder Biathlon auf Rollskiern selbst zu erleben voll auf. Ab kommender Woche seien auch die Schulklassen eingeladen, zu Sport und Spielen aufs Feld zu kommen. Platz für weitere Hobby-Olympioniken gibt’s genug. „Millionen Zuschauer haben wir ja noch nicht da“, sagt Stiebitz. Gunda Bartels/Axel Gustke

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