Berlin : Die Recher von Kreuzberg

Initiative setzt sich für die Erhaltung alter Friedhöfe ein Nächste Woche sind Freiwillige eingeladen, beim Laubharken zu helfen.

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Mit Bürgersinn und Harke. Schauspieler Hans-Jürgen Schatz (l.), Friedhofsgärtner Peter Dörr (M.) und Pfarrer Jürgen Quandt suchen noch Mitstreiter, die am 15. November den Kirchhof an der Bergmannstraße pflegen wollen. Foto: Mike Wolff
Mit Bürgersinn und Harke. Schauspieler Hans-Jürgen Schatz (l.), Friedhofsgärtner Peter Dörr (M.) und Pfarrer Jürgen Quandt suchen...

Berlin - Die eine Hälfte des gusseisernen Tores fehlt – das passt in die Friedhofsatmosphäre. Irgendwie muss es in den Jahren abhandengekommen sein, aus dem Zaun, der die Grabfläche umschließt. Über die Jahre verblasst die Farbe in der Gravur, überwuchert das Grabmal, reißt der Stein. Im Herbst versinkt zusätzlich alles unter leuchtendem Laub und verstärkt den Eindruck der Vergänglichkeit.

Doch am 15. November werden Friedhofsangestellte kommen und hier, auf dem Kirchhof Dreifaltigkeit II in Kreuzberg, gemeinsam mit Bürgern Laub harken und Unkraut ausreißen. Auf Initiative von Pfarrer Jürgen Quandt, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofverbands Berlin Stadtmitte und des Schauspielers Hans-Jürgen Schatz, der sich seit Jahren für die Erhaltung historischer Friedhöfe einsetzt, soll das Bewusstsein für den Verfall geschärft werden. Auf Berliner Friedhöfen nimmt der bedenkliche Ausmaße an. Das Problem ist: Es ist zu wenig Geld da, das die Friedhofsträger in die Pflege der Flächen stecken können.

Dabei sind die Friedhöfe ein Spiegel der Geschichte – das größte Museum Berlins, heißt es bei der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe, die die Restaurierung historischer Gräber organisiert. Vor 40 Jahren sei man in West-Berlin noch besorgt gewesen, dass die Friedhofsflächen nicht ausreichen, sagt Quandt. Doch die Trauerkultur hat sich verändert. „Bestatter und Friedhofsträger haben diese Entwicklung nicht rechtzeitig erkannt“, sagt er. So seien nun viele Friedhöfe von der Schließung bedroht.

An Adolph Menzels Wandgrab sickert das Salz durch die Ziegelmauer, es hinterlässt weiße Spuren auf dem Stein. 1905 wurde Menzel in einem Staatsbegräbnis auf dem Friedhof Dreifaltigkeit II beigesetzt. Hans-Jürgen Schatz hat mit der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe für die Restaurierung solcher Gräber gerade einen Erfolg errungen: Der Bund stellt für das kommende Jahr 46 000 Euro zur Verfügung. Davon werden fünf Gräber erneuert, darunter Menzels. Schatz sagt: „Die Gräber repräsentieren eine andere Zeit. Das ist Geschichte zum Anfassen.“ Deshalb hat er den bürgerschaftlichen Einsatztag auf dem Friedhof angeregt, für den die Aktion „Saubere Sache“ des Tagesspiegels Pate stand.

Pfarrer Quandt fehlen zunehmend die Einnahmen aus Friedhofsgebühren und Grabpflegegeld. Er schätzt, dass von allen Beisetzungen auf seinen Friedhöfen mehr als zwei Drittel Urnenbestattungen sind. Darüber hinaus werden viele Urnen bei anonymen Sammelbestattungen „im Fünfer-Pack“ versenkt. Das ist noch billiger. „In unserer wirtschaftlichen Situation sind die Leute nicht mehr bereit, so viel Geld für eine Beerdigung auszugeben“, sagt Quandt. Weil die Angehörigen oft in anderen Städten leben, verzichten viele gleich auf ein Grab mit Inschrift.

Es hat sich etwas verändert in der Art, wie die Menschen mit dem Tod umgehen, davon ist Quandt überzeugt. Die überlieferten Trauerriten gelten oft nicht mehr – viele kennen ihre Bedeutung gar nicht. „Die Menschen versuchen heute, individuell mit dieser unausweichlichen Erfahrung umzugehen“, sagt Quandt. Die einen lassen sich im Meer verstreuen, die anderen wollen eine Baumbestattung, in Friedwäldern außerhalb der Stadt. „Das entspricht einem natürlichen Verständnis von Werden und Vergehen“, sagt Quandt.

Er möchte das gar nicht aufhalten. Doch er will versuchen, die Friedhöfe als letzte Ruhestätte wieder attraktiver zu machen. „Wenn die Friedhöfe am Ende nur noch Denkmal sind, ist die Gefahr noch größer, dass sie verkommen.“ Quandt und Hans-Jürgen Schatz freuen sich auf freiwillige Helfer, die sich mit ihnen für das Bewusstsein um das kulturelle Erbe einsetzen – mit Harke und Schubkarren. Franziska Felber

Die Helfer treffen sich am Donnerstag, 15. November, um 10.30 Uhr am Eingang Friedrichswerderscher Kirchhof, Bergmannstraße 44, Kreuzberg. Bitte unbedingt feste Schuhe mitbringen, außerdem werden noch Arbeitshandschuhe, Gartenscheren, Harken und weitere Materialien benötigt. Anmeldung unter Tel. 31 98 60 29 oder E-Mail info@stiftung-historische- friedhoefe.de. Zur Verpflegung gibt es Kaffee, Wasser, Suppe, Brote und Kuchen.

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