Berlin : Die Regenbogenfamilie

Thomas Welter und Ingmar Zöller ziehen ihre Kinder als schwules Paar groß. Einblicke in den Alltag der Familie

Jörg Oberwittler

Die Eltern von Julius und Lucie sind 41 Jahre alt und seit 18 Jahren ein Paar. Sie leben im schick sanierten Prenzlauer Berg, sind Gutverdiener in festen Jobs und haben eine Familie. Nur, dass es keine Mutter in der Familie gibt – sondern zwei Väter.

Der fünfjährige Julius und die zweijährige Lucie wachsen in der Nähe des Kollwitzplatzes auf. Im Innenhof des Hauses spielt Julius mit den Nachbarskindern im Sandkasten, in der Wohnung sitzt Tochter Lucie bei „Vati“ Thomas Welter auf dem Arm, während „Papa“ Ingmar Zöller zum Feierabend den Balkon putzt. Jede Menge glückliche Familienfotos hängen an den Wänden. Eine Bilderbuchfamilie, eine Foto-Idylle, die die Botschaft transportiert: Wir sind eine ganz normale Familie.

Doch Thomas Welter, der als promovierter Volkswirt in einem Verband arbeitet, weiß, welche Probleme in den nächsten Jahren auf seine Kinder zukommen werden: Hänseleien von Mitschülern, weil die Eltern schwul sind. Diskriminierung in der Pubertät, weil die Haut der Kinder schwarz ist. Thomas Welter ahnt, dass der Tag kommen wird, an dem sein Sohn berichtet, dass ihn der Türsteher in der Disco wegen seiner Hautfarbe nicht reingelassen hätte. „Darüber mache ich mir eigentlich mehr Gedanken als über die Tatsache, dass wir eine Regenbogenfamilie sind“, sagt Welter.

Die Rollenbilder von Mutter und Vater, sagt Ingmar Zöller, würden auch in heterosexuellen Familien immer mehr verschwimmen: Väter würden mit ihren Kindern kochen, Mütter mit ihnen Fußball spielen. Warum sollte da nicht auch eine Familie mit zwei Vätern funktionieren? Weibliche Bezugspersonen haben Julius und Lucie außerdem täglich: die Erzieherinnen in der Kita und sogar drei Großmütter – Ingmar Zöllers Vater war zweimal verheiratet.

Mit dem Wort „Adoption“ ist Julius groß geworden. Er weiß, dass er in den USA geboren ist und seine Eltern ihn genau wie seine Schwester über eine Agentur in Chicago adoptiert haben. Dort ist es für homosexuelle Paare einfacher, Kinder zu adoptieren, weil nicht alle schwarzen Kinder Adoptiveltern finden.

Doch gemeinsam adoptieren durften Welter und Zöller die Kinder nicht. In Chicago steht die Adoption nur Einzelpersonen und Eheleuten zu; auch das deutsche Adoptionsrecht sieht das so vor. Welter und Zöller sind rechtlich nicht verheiratet, sondern lediglich „verpartnert“. Wenn etwa Zöller, der als Augenarzt arbeitet, plötzlich stürbe, würde sein Mann sämtliche Schulden der Praxis erben und auch auf den Kosten der Eigentumswohnung sitzen bleiben. Aber seine Kinder hätten keinen Anspruch auf Halbwaisenrente. Denn adoptieren durfte nur Thomas Welter. Der Gesetzgeber müsse sie gegenüber heterosexuellen Paaren endlich rechtlich gleichstellen, sagt Welter – zum Wohl der Kinder.

Im Alltag macht die Familie hingegen durchweg positive Erfahrungen. „Zwei weiße Männer, die mit zwei schwarzen Kindern auf dem Fahrrad durch die Gegend fahren – da wissen alle sofort Bescheid, dass wir eine Regenbogenfamilie sind", sagt Thomas Welter schmunzelnd. Kita-Erzieherinnen und Schulleiterinnen würden viel Toleranz beweisen, die Leute auf der Straße eine große Neugierde. Zwar seien die Fragen manchmal etwas unbeholfen, sagt Thomas Welter, aber nie diskriminierend.

Es war ein Kampf mit den Behörden, die Adoption in Deutschland anerkennen zu lassen. Geglückt ist das bei Lucie erst vor einigen Wochen, hingezogen hat es sich zwei Jahre lang. Sie würden etwas „Illegales“ tun, habe ihnen ein Beamter gesagt. Ob das „zum Wohl des Kindes“ sei, habe eine Richterin zweifelnd gefragt, sagt Welter. In diesem Moment habe er Panik bekommen, dass ihnen das Jugendamt die Kinder wegnehmen könnte.

Wenn man „Papi“ Ingmar beobachtet, wie er vor dem Abendessen liebevoll mit den Kindern auf dem Küchenboden herumtollt und Thomas Welter dann kurze Zeit später beim Fernsehschauen vom Küchentisch aus ermahnt: „Julius, nicht zu nah!“, scheint es unbegreiflich, wie Richterinnen dies anzweifeln können. Und wie ihnen in einer Talkshow, die die beiden Väter besuchten, konservative Politiker ins Gesicht sagen konnten: „Sie sind keine Familie! Familie sind Vater und Mutter.“

Denn in solchen Momenten wird klar: Auch das ist eine Familie. Zwar keine ganz alltägliche – aber eine sehr glückliche. Jörg Oberwittler

1 Kommentar

Neuester Kommentar