Berlin : Die Seiten gewechselt

Hans-Joachim Mengel galt als „Don Quijote der Uckermark“, weil er gegen Windräder kämpfte Doch jetzt gibt er auf und verdient sogar mit an der alternativen Energie. Gezwungenermaßen, wie er sagt.

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Im grünen Bereich. Hans-Joachim Mengels Grund und Boden ist künftig Teil eines Windparks. Seine früheren Mitkämpfer in einer Inititiave gegen die Verschandelung des uckermärkischen Landschaftsbildes sind enttäuscht. Foto: Thilo Rückeis
Im grünen Bereich. Hans-Joachim Mengels Grund und Boden ist künftig Teil eines Windparks. Seine früheren Mitkämpfer in einer...

Wartin - Hans-Joachim Mengel gibt den Kampf auf – den gegen die Windräder, der ihm den Beinamen „Don Quijote der Uckermark“ einbrachte. Stattdessen wird der 65-Jährige, der nicht nur im Nordosten des Landes, sondern in ganz Brandenburg wie kein anderer für den Protest gegen die sogenannte „Verspargelung der Landschaft“ steht, selbst Windmüller. „Wenn der Leithammel erkennt, dass das Ziel nicht mehr erreichbar ist, muss man sich überlegen, das zu beenden“, sagt Mengel. „Den Kampf habe ich leider verloren.“ Die von ihm gegründete Initiative „Rettet die Uckermark“ hatte vor Jahren den Anstoß für landesweite Proteste gegen die riesigen Windparks gegeben. Dass Mengel jetzt selbst Geschäfte mit einem Windrad macht, brachte ihm heftige Kritik aus den eigenen Reihen ein. Deshalb zieht sich Mengel aus der Politik zurück. Am Mittwoch legte er sein Mandat im Kreistag nieder. Seine Gesundheit habe in dem jahrelangen Kampf gelitten habe, sagte er.

Bereits im August hatte Mengel einen Vertrag mit dem Windkraftunternehmen Enertrag unterzeichnet, eine Firma aus der Region, von der es heißt, sie leiste Pionierarbeit für die Energiewende in Brandenburg. Nirgends sonst im Land, nur noch in der Prignitz stehen so viele Windräder dicht an dicht wie hier im Nordosten Brandenburgs. Die meisten von Enertrag. Nun will das Unternehmen auch auf dem Grundstück des Politikwissenschaftlers von der Freien Universität Berlin in dem 500-Einwohner-Ort Wartin eine Windkraftanlage errichten. Dann bekommt Mengel nach eigenen Angaben 40 000 Euro pro Jahr an Pacht. Insgesamt sollen es 20 Windräder werden, in Sichtweite zum Ort, etwa einen Kilometer entfernt. Mengel wohnt dort in Schloss Wartin, es gilt als eines der bedeutendsten Herrenhäuser Brandenburgs, gelegen unweit der alten Bahnstrecke zwischen Berlin und Stettin. Der 65-Jährige hatte das Schloss nach der Wende saniert, heute beherbergt es die Europäische Akademie, die Seminare für Studenten aus Berlin und Stettin anbietet. Mengel ist Chef der Trägerstiftung.

„Seit 15 Jahren kämpfe ich für die Erhaltung der Landschaft und gegen den Widerstand der politische Kräfte, damit vernünftig geplant wird und nicht allein das Geld regiert“, sagt Mengel. „Ich bin nicht prinzipiell gegen die Windindustrie. Aber was in der Uckermark abgegangen ist, war völlige Fehlplanung. Flächendeckend wurde eine der schönsten Kulturlandschaften Europas zugepflastert. Der Tourismus nimmt schweren Schaden, ebenso die Lebensqualität der Bürger.“

Aber auch gegen den Windpark bei Wartin konnte Mengel nichts mehr ausrichten. Im Gemeinderat wurde er für befangen erklärt, weil auch sein Grundstück im neuen Windpark liegt. Und weil der schon nicht zu verhindern ist, will Mengel wenigstens etwas davon haben. „Die Hälfte der anderen Verpächter sitzt im Westen. Wenn ich den Vertrag nicht unterschrieben hätte, dann hätten wir 20 Windräder vor der Tür und sonst nichts“, sagt Mengel. „Andere hätten Profite gemacht, wir zahlen dafür.“ Jetzt bekomme er quasi eine Entschädigung. Das Geld will der 65-Jährige in die Stiftung und in die Akademie stecken. „Ich habe lange mit mir gerungen.“

Seine Mitstreiter von „Rettet die Uckermark“ aber sind enttäuscht. 2003 kam die Initiative aus dem Stand mit elf Prozent der Stimmen in den Kreistag, 2008 waren es noch etwas mehr als sieben Prozent. Sie machte mobil gegen eine aus ihrer Sicht verschandelte Landschaft, gegen Windräder nahe den Dörfern, deren Flügel mit ihrem steten Rauschen die Stille kaputt machen und weite Schatten auf die Häuser werfen. Bernd Hartwich, der in einem Dorf bei Prenzlau wohnt und für die Initiative im Kreistag sitzt, ist wütend über Mengel. „Wir haben jahrelang gegen die Windräder gekämpft, damit machen wir uns jetzt unglaubwürdig gegenüber unseren Wählern“, sagt der 67-Jährige. Dabei hat auch Hartwich resigniert. Zwar habe die Initiative bei den Windparks einiges erreicht, etwa größere Abstände zu Siedlungen oder zu Vogelschutzgebieten, „aber wir kämpfen auf verlorenem Posten, gegen die Macht des Geldes kommen wir auch nicht an“.

Frank Bretsch, der Chef der SPD-Fraktion im Kreistag, sagt, die Stimmung in der Uckermark habe sich gewandelt. Geld fließe dank Windparks in die Gemeindekassen, die Energiewende sei bei den Menschen angekommen – wegen der Energie aus den Biogasanlagen, für die Bauern immer mehr Mais anbauen, aber auch wegen der Pläne Polens, ein Atomkraftwerk zu errichten, möglicherweise kurz hinter der Grenze. „Die Akzeptanz für die Windräder wächst“, sagt Bretsch. Mengel aber sei jetzt beim „Tanz um das goldene Kalb erwischt worden“. Seinen Mitstreitern habe er damit einen Bärendienst erwiesen.

Es bisschen kämpfen darf Mengel noch gegen den Windpark vor seinem Schloss. Im Vertrag mit Enertrag gibt es sogar eine Klausel, die ihm das erlaubt. Jedenfalls so lange, bis die Pläne rechtskräftig sind.

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