Die Sophienstraße im Wandel der Zeit : Ureinwohner im Mitte-Kiez

Früher arbeiteten hier unzählige Handwerker. Dann kam die Wende. Und die Sanierung. Die Sophienstraße vergisst ihre Geschichte.

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Hier gab es früher noch Schirmmacher, Korbflechter und Goldschmiede. Jetzt sind hauptsächlich angesagte Kleidungsläden und Cafés auf der Sophienstraße.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
29.03.2012 09:23Hier gab es früher noch Schirmmacher, Korbflechter und Goldschmiede. Jetzt sind hauptsächlich angesagte Kleidungsläden und Cafés...

Wenn Traudel Balzer ihre schwarz gerahmte Brille von der Nasenspitze setzt, sich eine Zigarette anbrennt und sagt: „Ick will Ihnen mal ’ne Historie flüstern“, dann verwandelt sich das schicke, hippe Berlin Mitte noch einmal in das Quartier der Arbeiter und Kleinbürger von früher. Die Lofts in den Hinterhöfen werden zu Fabriken, die Coffee-Shops und Designer-Boutiquen zu heruntergekommenen Mietskasernen – und die denkmalgeschützte Sophienstraße wird wieder zur Handwerkergasse, in der einst Droschkenkutscher, Schirmmacher und Korbflechter arbeiteten. Alles ausgestorbene Berufe. Traudel Balzer ist eine der Letzten von ihnen, die übrig geblieben ist. Mit ihren silbergrauen Haaren, dem weißen Kittel und ihrer Kodderschnauze wirkt sie wie eine Figur aus einem Hans-Fallada-Roman, die aus Versehen in die Gegenwart gebeamt worden ist. Am 6. September 1926 eröffneten Gertrud und Ernst Balzer die Bäckerei und Konditorei Balzer in der Sophienstraße 37. In den sechziger Jahren zog sie auf die andere Straßenseite, in die Nummer 30/31– und da steht sie heute noch.

Wenn man die Bäckerei Balzer betritt, ist es, als wenn man durch eine Zeitschleuse gezogen wird. Vorne an der Theke gibt es Schrippen für 30 Cent; hinten in ihrem Arbeitszimmer lässt sich Balzer auf einen Stuhl sacken und rührt mit einem Löffel in ihrem tiefschwarzen Kaffee. Das Mobiliar sieht aus, als wäre auf der Rückseite eines dieser bleigrauen Schilder eingestanzt: VEB Möbelkombinat Hellerau. DDR-grüne Fliesen an den Wänden, DDR-braune Kacheln am Boden, an der Garderobe hängen ein Wischmopp und ein Plastikbeutel von Schlecker. Die Historie, die Traudel Balzer einem flüstern will, ist ihre eigene. Die Geschichte ihrer Bäckerei. Die Geschichte der Sophienstraße, die sie besser kennt als jeder andere. Sie ist das lebendige Gedächtnis der Handwerkergasse, ihre „alte Seele“, wie sie selbst mit ihrer kratzigen Stimme sagt, der man anhört, dass Frau Balzer seit 60 Jahren eine Schachtel Zigaretten am Tag raucht.

Die Sophienstraße, 1837 nach Königin Sophie Luise benannt, ist eine der ältesten und schönsten Straßen in Berlin Mitte. Sie beginnt an der Rosenthaler Straße, direkt an den Hackeschen Höfen, und endet nach 400 Metern an der Großen Hamburger Straße. In den zwanziger Jahren säumten unzählige Werkstätten und Kleingewerbe die Straße. In den Gewerbehöfen fertigten Industriearbeiter Nähmaschinen und Fahrradketten. Anfang der achtziger Jahren belebte die SED-Bezirksleitung die Tradition wieder und siedelte neue Handwerker an: Zinngießer, Goldschmiede, Holzbildhauer. Heute erinnert nur noch eine verblasste Malerei an einer Giebelwand daran, „Handwerk & Tradition“ steht darauf. Die Gegend um die Sophienstraße ist zu einer der angesagtesten Adressen Berlins aufgestiegen. 212 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln flossen von 1993 bis 2010 in die Spandauer Vorstadt. Sie zogen eine Milliarde Euro an privaten Investitionen nach sich. Ein gesamter Stadtteil wurde denkmalgerecht saniert, die historischen Altbauten gerettet und die Brachen, die faulten wie schwarze Zähne im Gebiss, geschlossen. Eine Erfolgsgeschichte meinen die einen, beispielhaft dafür, wie man ein marodes Viertel modernisieren und aus einer Ruine ein Märchenschloss machen könne. Das Viertel habe seine Seele verkauft, sagen die anderen, gleichförmig sei es geworden, unbezahlbar.

Zwei Drittel der Bewohner sind seit Beginn der Stadtteilsanierung weggezogen. Die meisten Handwerker sind verschwunden, die Keramikerin, der Holzbildhauer, die Stroh-Sophie mit ihrem Erzgebirgskunstladen und die Handweberin Angela Binroth-Gierke. In ihre Werkstätten sind Galerien, Anwaltskanzleien und Architektenbüros eingezogen. Nur einige wenige Alteingesessene konnten sich halten: Die Instrumentenwerkstatt von Boris und Anke Schoenherr, in der sie die Klarinetten und Querflöten der Berliner Philharmoniker reparieren, das Puppentheater Firlefanz, die Kneipe „Sophien 11“ von Monika Bothe – und die Bäckerei Balzer. Einerseits haben sie alle von dem Boom profitiert und von den Touristen, die in Scharen die Straße entlangflanieren; sie haben die Geschichte der Straße zu ihrem Markenzeichen gemacht, in jedem Reiseführer sind sie zu finden. Andererseits zerfrisst sie alle die Ungewissheit, wie lange sie noch Teil dieser Geschichte bleiben werden. Die Mieten schießen weiter nach oben, 11 Euro kostet der Quadratmeter im Durchschnitt. Die Gegend ist zu teuer geworden für Leute wie sie – ihre Mietverträge laufen bald aus. Wenn sie verschwinden, stirbt auch ein Teil des alten Berlin.

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