Digitaler Wandel : Berlins Museen sind museumsreif

Wlan? Apps? In vielen Berliner Museen sind das noch Fremdworte, wie eine neue Studie zeigt.

Julia Dziuba

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Schauen statt Tippen: Das Medizinhistorische Museum in Mitte landete zusammen mit dem Botanischen Garten in der TLGG-Digitalstudie auf den letzten Plätzen.
Schauen statt Tippen: Das Medizinhistorische Museum in Mitte landete zusammen mit dem Botanischen Garten in der TLGG-Digitalstudie...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor dem Eingang des Medizinhistorischen Museums auf dem Charité-Campus in Mitte ist es ruhig in der Mittagshitze. Zwei Frauen sitzen an der Rampe zum Eingang und unterhalten sich. Schräg hinter ihnen steht eine Stele, die auf das Museumsgebäude hinweist. Ohne Hinweis auf den Online-Auftritt des Museums, ohne Verweis auf sein Facebook-Profil.

Das Museum ist eine historische Einrichtung der Charité und hat unter anderem rund 750 anatomisch-pathologische Präparate ausgestellt. Etwa 90 000 Besucher kommen nach Angaben des Museums jährlich hierher – fotografieren oder ihr Smartphone benutzen dürfen sie aber nicht. Eine App mit Zusatzinformationen oder einem virtuellen Rundgang durch die drei Ebenen umfassenden Ausstellungen fehlt entsprechend.

Ein App-Angebot, die Nutzung sozialer Medien, digitale Technologien in den Ausstellungen, der Servicecharakter des Online-Auftritts – all diese Kriterien hat die Berliner Agentur TLGG nun repräsentativ für 40 Berliner Museen untersucht. Vom Alliiertenmuseum bis zum Schloss Köpenick kommt die Digitalagentur durchweg zu einem ernüchternden Fazit: „Die getesteten Museen bestanden den Digitalisierungstest nur mit Ach und Krach und der Durchschnittsnote ,ausreichend’“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Von Juni bis Juli untersuchte die Agentur vor Ort und digital die Museen auf ihr digitales Angebot. Einen Auftraggeber gab es nicht, die Museen wurden auch nicht in die Untersuchung miteinbezogen. „Wir wollten uns den Blick des Besuchers bewahren, für den das Erlebnis im Mittelpunkt steht“, heißt es weiter. Die Agentur ist auf digitale Transformation spezialisiert und berät unter anderem den Energieriesen e.on und die Biermarke Astra.

Nur 30 Prozent der Museen haben Wlan

Bei den untersuchten Berliner Museen stellte die Untersuchung unter anderem fest, dass zwar 97 Prozent von ihnen eine eigene Online-Präsenz haben, aber nur bei etwa einem Drittel auch online Tickets gekauft werden können.

In den Museen selbst haben die Besucher kaum Möglichkeiten, ihren Besuch, beispielsweise über Twitter, zu dokumentieren und mit anderen Nutzern zu teilen: Nur 19 Prozent der Museen weisen auf offizielle Hashtags (Schlagworte, die die Kommunikation in den sozialen Medien strukturieren) hin, nur die Hälfte der untersuchten Häuser auf ihre Präsenz in den sozialen Medien. Hintergrund hierfür könnte die Tatsache sein, dass nur 30 Prozent der Museen über eigenes Wlan verfügen, mutmaßt die TLGG.

Knapp zwölf Prozent der Museen bieten eigene Apps an – aber zumeist nur mit Grundlageninformationen: „Digitale Sprachführer, exklusiver Content, weiterführende Angebote – Fehlanzeige“, hat die Untersuchung ergeben.

Berlinische Galerie der digitale Spitzenreiter

Gleichzeitig gibt es aber auch positive Beispiele in der Stadt: Die Berlinische Galerie in Kreuzberg landete mit einer Gesamtnote von 2,3 auf dem ersten Platz. „Digitale Kommunikationsmittel und Onlinekanäle haben eine derart phänomenale Reichweite, dass sie für uns essentiell geworden sind“, sagt Museumsdirektor Thomas Köhler zu der Online-Strategie seines Museums. Es hat seinen Angaben zufolge zwischen 150 000 und 200 000 Besucher jährlich und bespielt von Facebook über den Bild-Dienst Instagram bis zu Youtube sämtliche Online-Kanäle. Auch werden spezielle Blogs und Apps zu Ausstellungen angeboten.

Das Medizinhistorische Museum landete dagegen zusammen mit dem Botanischen Garten in Dahlem auf den letzten Plätzen der Studie. Der Direktor des Medizinhistorischen Museums, Thomas Schnalke, war am Mittwoch zunächst für eine Reaktion nicht zu erreichen – dafür aber Besucher vor Ort: Christopher Rapphold aus Kamen, der in Berlin Urlaub macht und das Medizinhistorische Museum bereits zum zweiten Mal besuchte, hält nichts von einer größeren digitalen Ausrichtung: „Ich war fast zwei Stunden hier und finde es sehr interessant. Eine digitale Aufbereitung bräuchte ich persönlich nicht“, sagte er.

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