Darf die Bundeswehr auf die Netzkonferenz?

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Digitalkonferenz in Berlin : Die re:publica ist erwachsen geworden
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Beim Planungstreffen des re:publica-Teams. Rechts im hellroten Shirt: Mitgründer Andreas Gebhard.
Beim Planungstreffen des re:publica-Teams. Rechts im hellroten Shirt: Mitgründer Andreas Gebhard.Doris Spiekermann-Klaas

Vor der diesjährigen Konferenz hat sich die Bundeswehr gemeldet. Sie wollte einen Stand aufbauen. Einerseits wollte man dem Militär keine Werbefläche bieten. Andererseits sahen die re:publica-Planer ein, dass auch die Bundeswehr fähige IT-Kräfte braucht. Zum Beispiel, um im Ernstfall Hackerangriffe gegen Atomkraftwerke abzuwehren. Außerdem soll die Konferenz doch ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein, keine Selbstvergewisserung Gleichgesinnter. Am Ende stellte sich heraus: Die interne Diskussion war überflüssig, sämtliche Standflächen bereits ausgebucht. Vielleicht wird nächstes Jahr weitergestritten.

Zu den Klischees, die über die re:publica, ihre Macher und Besucher existieren, gehört die Vorstellung, es handele sich um einen elitären Zirkel von Besserwissern, die sich selbst als Avantgarde begreifen. Die sich in ihrer eigenen Filterblase als Nerds feiern und als Digitale Boheme. Weil nur sie das Internet verstünden.

Dienstagabend im Prassnik, einer rustikal eingerichteten Kneipe an der Torstraße. Um einen massiven Holztisch drängen sich die re:publica-Mitarbeiter zum geselligen Abend. Es sind deutlich mehr Frauen als Männer. Sie sind zwischen 20 und 50 Jahre, keine „Digital Natives“, alle hier sind mit Fernsehen und Zeitschriften aufgewachsen und mussten sich den Umgang mit dem Netz erst erarbeiten. Kleine nicht repräsentative Umfrage: Wer in der Runde twittert privat? 13 von 22 heben die Hand. 18 haben einen G-Mail-Account, 16 Netflix abonniert, 15 bedienen sich bei Kinox.to. 15 haben früher Tetris gespielt, sieben Monkey Island, nur einer Candy Crush. Sieben waren schon mal im Darknet. Bloß drei haben in ihrem Leben getindert. Wirklich nur drei, sonst keiner? Na gut, acht.

Wer das Team der re:publica in den Wochen vor der Konferenz bei der Planung begleitet, der merkt: Das sind keine Computerfreaks. Sondern Menschen, die verzweifeln und die Technik verfluchen, wenn bei der Server-Umstellung zwei Wochen vor Konferenzbeginn ihre Mails und persönlichen Einstellungen verschwinden. Die elitäres Gehabe affig finden. Die es bedauern, wie wenig Ahnung sie vom Netzverhalten heutiger Kinder und Jugendlicher haben. Im Vorjahr haben sie einen 16-Jährigen zu einem Vortrag eingeladen. Er sollte den re:publica-Besuchern erklären, was seine Altersgenossen an Programmen wie Snapchat schätzen. Der Junge stellte kurz vor dem Termin etwas an, seine Eltern verpassten ihm Hausarrest. Er wurde per Video zugeschaltet.

Freddy Mercury statt Biz Stone

Vor sieben Jahren, da waren sie noch in der Kalkscheune, sollte es eine Überraschung geben. Johnny Haeusler, einer der Gründer, hatte eine Live-Schaltung nach San Francisco geplant, zu Biz Stone, dem Mitgründer von Twitter. Die Technik versagte, die Leitung kam nicht zustande. Um die Pause zu überbrücken, schlug Haeusler eine Runde Karaoke vor: „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Es klang eher schrecklich, wurde aber Tradition. Jede re:publica endet seitdem mit „Nothing really matters, nothing really matters to me ...“

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Konferenz ausgerechnet in Berlin ins Leben gerufen wurde und dann so rasant gewachsen ist. Menschen, die seit dem ersten Mal dabei sind, sagen: Geburtsfaktoren waren das Überangebot Kreativer, niedrige Lebenshaltungskosten und die daraus resultierende Freiheit, bei Ideen nicht ausschließlich auf wirtschaftliche Verwertbarkeit achten zu müssen, Spielraum für idealistische Projekte zu haben. Zu den Stammrednern der Konferenz gehört der Berliner Blogger Felix Schwenzel. Auf seiner Seite „wirres.net“ schreibt er über digitale Phänomene und Popkultur. Er nennt sie „Fachblog für Irrelevanz“.

Schwenzel sagt, er durchschaue die Programmmacher der re:publica nicht. Er habe Bekannte, die sich mit wirklich fundierten Vorträgen beworben hätten. Über Prinzipien des Modebloggens zum Beispiel oder Herausforderungen politischer Aufklärungsarbeit im Netz. „Die wurden alle abgelehnt, während ich seltsamerweise jedes Mal genommen werde.“ Dieses Jahr wird er über den deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytiker Erich Fromm sprechen. Will prüfen, ob sich mit mit dessen humanistischem Menschenbild gegen Populismus angehen lässt. Er sagt, im Grunde spreche er jedes Jahr über das gleiche Thema: wie man die Welt doch noch retten könne. Bloß dass er seine Anregungen sonst immer aus dem Internet hole – „und diesmal eben aus alten Büchern“. Obwohl, auch die habe er sich natürlich als E-Book runtergeladen.

Echte Verpeiltheit oder Understatement?

Manche Redner drängen bei den Programmplanern darauf, vormittags oder spätestens am frühen Nachmittag auftreten zu dürfen. Dann ist nämlich die Chance am größten, dass es Fernsehteams mitbekommen und darüber berichten. Bei Felix Schwenzel ist das genau anders: Er will immer am letzten Tag auftreten und möglichst ganz zum Schluss. Er sagt, er kriege einfach seine Vorträge nie rechtzeitig fertig und arbeite noch während der re:publica daran. Deswegen kenne er die Konferenz eigentlich nur als permanente Drucksituation. Bei Felix Schwenzel weiß man nie, wie viel des Gesagten auf echte Verpeiltheit hindeutet und wie viel bloß Understatement ist. Das passiert einem auf dieser Konferenz öfter.

Es gibt früh Dabeigewesene, die sagen: Die re:publica ist zu groß geworden, zu teuer, zu öde. Sie habe sich verkauft, lasse Sponsoren ans Mikro, anstatt echten Netzmenschen das Wort zu geben. Wer mit Daimler und IBM paktiere, sei unglaubwürdig. Vielleicht ist es wie mit Musikkritikern, die bei Erfolgsbands immer nur das erste Album richtig gut fanden und alle folgenden als Anbiederung an den Massengeschmack verdammen. Ich war schon auf der re:publica, da hast du noch Analogfernsehen geguckt.

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