Direktverbindung aus Berlin wird eingestellt : Letzter Halt: Nowosibirsk

Ohne Umsteigen bis Nowosibirsk: Das ging am Sonnabend zum letzten Mal per Zug. Die Fahrt dauert 84 Stunden, führt über drei Staatsgrenzen und durch fünf Zeitzonen - und so mancher will partout nicht aufs Flugzeug umsteigen.

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Kurswagen nach Sibirien. Bis Mittwoch sind Reisende und Schaffnerin unterwegs.
Kurswagen nach Sibirien. Bis Mittwoch sind Reisende und Schaffnerin unterwegs.Foto: Sandra Dassler

Hier schließt nichts automatisch. Die Schlafwagenschaffnerinnen fordern ihre Passagiere freundlich auf, von den Türen zurückzutreten, um diese dann in echter russischer Handarbeit zu verriegeln. Pünktlich 17.24 Uhr pfeift der deutsche Zugführer.Dann fährt er los, der letzte Zug von Berlin-Zoologischer Garten nach Saratow – mit dem letzten durchgehenden Kurswagen nach Nowosibirsk. Die Zurückgebliebenen winken, Bahnfans schießen letzte Fotos von den fünf Waggons der Russischen Staatsbahn.

Sie brachten immerhin noch einen Hauch von weiter Welt in den Bahnhof Zoo, in dem seit Mai 2006 fast keine Fernzüge mehr hielten. Am Sonnabend hat sich nun auch Saratow aus dem Fahrplan verabschiedet – und damit verschwindet Berlins längste Verbindung auf der Schiene, denn im Zug fährt auch ein Kurswagen ins rund 5000 Kilometer entfernte Nowosibirsk mit, das nach 84 Stunden und einer Fahrt über drei Staatsgrenzen und durch fünf Zeitzonen erreicht wird. Einmal pro Woche war der Zug im Bahnhof Zoo abgefahren. Vorbei.

Kurswagen gab es früher häufiger, weil sie umsteigefreie Verbindungen auch auf schwach nachgefragten Strecken ermöglichen. Denn dabei wird der Waggon an einem Unterwegsbahnhof an einen anderen Zug gehängt, die Fahrgäste bleiben sitzen. Der Kurswagen nach Nowosibirsk wurde in Saratow, gut 900 Kilometer südöstlich von Moskau, umrangiert. Da Rangieren Zeit und Personal benötigt, ist diese Reiseart fast ausgestorben, der Zug von Berlin nach Kiew mit Kurswagen nach Kaliningrad, Lemberg, Dnepropetrowsk, Donez, Simferopol, Charkow und Odessa wurde 2012 eingestellt.

Für die russische Bahn habe sich die Fahrt nicht mehr gelohnt, heißt es. Zu gering sei die Nachfrage gewesen. Das Flugzeug ist schneller – im günstigsten Fall braucht man einen halben Tag – und nicht viel teurer. Die Zugfahrt kostete knapp 300 Euro; ein Flugticket für Januar wäre am Sonnabend im Internet beispielsweise für 275,86 Euro zu haben gewesen.

Für viele, die gestern am Bahnhof Zoo, am Hauptbahnhof oder Ostbahnhof in die Schlafwagen nach Saratow, Tscheljabinsk oder Nowosibirsk stiegen, war das keine Alternative. „Ich bin sehr traurig“, sagte eine Dame, die über Weihnachten zu ihren Enkeln fuhr: „Viele ältere Menschen haben Angst vorm Fliegen, für sie ist der Zug bequemer.“ Außerdem könne man in den Kurswagen viel Gepäck mitnehmen, was bei mehrfachem Umsteigen, in Moskau sogar mit einem Bahnhofswechsel verbunden, schwierig und im Flugzeug praktisch gar nicht möglich sei.

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