Diskussion um Gratis-Fahrten in Berlin : Kostenloser Nahverkehr ist in anderen Städten gescheitert

Die Idee vom kostenfreien Nahverkehr wurde anderswo schon umgesetzt – und wieder abgeschafft.

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In der estnischen Hauptstadt Tallinn sind die innerstädtischen Straßenbahnen, Busse und Züge neuerdings gratis – für Einheimische. Touristen brauchen ein Ticket für 1,60 Euro.
In der estnischen Hauptstadt Tallinn sind die innerstädtischen Straßenbahnen, Busse und Züge neuerdings gratis – für Einheimische....Foto: Imago

Die Grünen haben ein Piratenthema gekapert: Die Vision vom kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, die sie auf ihrem Landesparteitag am Wochenende beschlossen haben. Pirat Christopher Lauer freute sich am Montag, dass „die Grünen zwei Jahre nach unserem Einzug ins Abgeordnetenhaus den Schuss gehört haben“. Genaueres wolle die Fraktion in einer Studie klären lassen, die die Idee bis ins Detail prüft. Eine große Aufgabe, denn den Mehrkosten stehen enorme Einsparungen gegenüber, wenn weniger Auto gefahren würde: Allein der volkswirtschaftliche Schaden durch Verkehrsunfälle summiert sich in Berlin laut Polizei pro Jahr auf 1,1 Milliarden Euro. Lärm lässt Menschen erkranken, Abgase greifen Bauten an. All das wollen die Piraten berechnen lassen. Von wem, ist offen. Aber das Ergebnis „soll so gut sein, dass die anderen in Zugzwang kommen zu erklären, warum sie’s nicht machen“, sagt Lauer.

Weltweite Erfahrungen mit kostenlosem Nahverkehr

Erfahrungen mit kostenfreien „Öffis“ gibt es rund um die Welt. Gerade hat die estnische Hauptstadt Tallinn die zu Jahresbeginn eingeführte Freifahrt für die rund 400 000 Einwohner von Bahnen und Stadtbussen auf die Regionalzüge ausgeweitet, weil die Busse auch durch Umsteiger überlastet wurden, die das Geld für den Zug sparen wollten. Die Gratisnutzung ist auf die Einwohner beschränkt. Ob die Stadt sich das Angebot langfristig leisten kann, ist unklar. Andere sind schon gescheitert. Im belgischen Hasselt wurde die freie Fahrt in den meisten Bussen nach 17 Jahren gerade abgeschafft. 1997 war sie eingeführt worden, weil die Stadt trotz – oder wegen – immer weiter ausgebauter Straßen im Verkehr erstickte. Die Zuschüsse für den Bus wurden aus eingesparten Straßenbauprojekten und der Parkraumbewirtschaftung generiert. Die Nutzerzahl vervierfachte sich – und am Ende kapitulierte die Stadt, weil das Geld nicht reichte.

Portland, die Fahrradmetropole der USA.
Klare Ansage: Dieses Wandgemälde stammt von einem Fahrradverleih, aber trifft zugleich das Lebensgefühl vieler Bewohner von Portland im US-Staat Oregon.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Stefan Jacobs
30.12.2012 15:26Klare Ansage: Dieses Wandgemälde stammt von einem Fahrradverleih, aber trifft zugleich das Lebensgefühl vieler Bewohner von...

Seattle und Portland stellten Gratisfahrten wieder ein

Auch die Millionenstadt Seattle an der US-Westküste und Portland im Staat Oregon haben die Gratisfahrten in der City 2012 nach jeweils fast 40 Jahren abgeschafft. Anlass in Portland war eine Finanzierungslücke, aber schon vorher hatte es Probleme gegeben, weil Busse wegen vieler Kurzstreckenfahrgäste langsamer vorankamen, Passagiere ohne Ticket in die Außenbezirke weiterfuhren und unerwünschte Mitfahrer wie Drogendealer angelockt wurden.

In Brandenburg hatten Lübben und Templin ebenfalls Buslinien zeitweise auf kostenlosen Betrieb umgestellt – aber dort wären sie sonst eingestellt worden, weil kaum jemand mitfuhr und die Fahrscheine ohnehin nicht einmal 20 Prozent der Kosten deckten. In Berlin bewältigen Busse und Bahnen dagegen schon jetzt den Andrang in Spitzenzeiten kaum. Auch machen die Einnahmen aus dem Fahrscheinverkauf hier mehr als die Hälfte des Budgets aus, die dann wegfielen. Wie teuer die Infrastruktur dafür – Druck der Tickets, Verkauf, Kontrollen – ist, sagen weder Bahn noch BVG.

Niemand weiß, was ein kostenloser Nahverkehr kostet

Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb schätzt, dass der Ansturm zusätzlicher Passagiere „ein Milliardenprogramm an Investitionen“ erfordern würde – für Fahrzeuge, Signaltechnik und Personal. Zur Gegenfinanzierung könnten zwar Projekte wie die 500 Millionen Euro teure Verlängerung der Stadtautobahn gestoppt werden, aber als bessere Alternative zum komplett steuerfinanzierten Nahverkehr sieht der Verband „günstigere und einfache Tarife, die die Hemmschwelle senken“. Der Verkehrswissenschaftler Martin Randelhoff von der TU Dresden, der die bisherigen Gratiskonzepte untersucht hat, zieht ein ähnliches Resümee.

Was die Piraten jetzt herausfinden wollen, müssten die Grünen längst wissen: Kostenloser Nahverkehr gehörte schon vor der Wende zu den Forderungen der Alternativen Liste. Gründlich durchgerechnet wurde diese Idee allerdings nie, sagt Michael Cramer, der für die Grünen seit Jahrzehnten Verkehrspolitik macht.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen geht davon aus, dass ein kostenfreier öffentlicher Nahverkehr bundesweit mindestens zwölf Milliarden Euro kosten würde.

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