Dorotheenstädtischer Friedhof : Bei Gaus und Hermlin

Heute wird Schriftstellerin Christa Wolf beigesetzt Trauerfeier auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

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Letzter Weg.
Letzter Weg.

Angehörige, Verwandte, Kollegen und viele Leser und Freunde von Christa Wolf werden am heutigen Dienstag ab elf Uhr in und vor der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs Abschied von der Schriftstellerin nehmen. Sie war am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Literaturfreunde unseres Landes in Ost und West, denen Christa Wolf viel mehr als den „Geteilten Himmel“ geschenkt und beschrieben hatte, waren von der Todesnachricht an jenem Donnerstag geschockt. Von Trauer und Abschiedsschmerz erfüllt, wird es vielen ein Bedürfnis sein, ihre Lieblingsautorin auf dem letzten Weg zu begleiten. In der Chausseestraße ist alles auf ein großes Begräbnis vorbereitet. Die Rede, die Volker Braun in der Kapelle hält, wird auf den kleinen Vorplatz übertragen, danach wird der Sarg zu Grabe getragen.

Ihre letzte Ruhe findet Christa Wolf, deren Familie diesen Platz auf dem Berliner Prominentenfriedhof ausgesucht hatte, inmitten eines von namhaften Dichtern und – auch politischen – Denkern beherrschten Areals. Schräg hinter der Wolf’schen Doppelgrabstelle ruht seit 1997 Schriftstellerkollege Stephan Hermlin, frische Rosen schmücken das Grab des Autoren Thomas Brasch. Daneben liegen der Komponist Friedrich Goldmann, der berühmte, von seinen Studenten bis heute verehrte Literaturwissenschaftler Hans Mayer, und auch Kollege Arnolt Bronnen, der umstrittene Schriftsteller und Dramatiker, hat hier nach dem Tode 1959 seine letzte Ruhe gefunden.

Allein die wenigen Quadratmeter rund um das Grab, an dem heute von vielen Trauergästen eine Handvoll Sand auf den Sarg geworfen wird, erzählen lange Kapitel und Geschichten jüngster deutscher Vergangenheit. Das Gegenüber von Christa Wolf ist Günter Gaus, jener Journalist, der von 1974 bis 1981 die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR leitete. In dieser Zeit, als beide, Gaus und Wolf, jeder auf seine Weise und mit seinen Mitteln, wider die Mikrobe der menschlichen Dummheit zu Felde zogen, war die Schriftstellerin ein gern gesehener Gast bei den Veranstaltungen der Ständigen Vertretung, die in der Hannoverschen Straße Menschen aus Ost und West zusammenführte und so mehr für das gegenseitige Verstehen tat als manch Politiker mit seinen schwarz-weiß-gefärbten Sonntagsreden.

Gaus war 2004 gestorben, aber noch immer bleibt die Erinnerung wach – wie überhaupt ein Besuch dieses Friedhofs einem Spaziergang durch die deutsche Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte gleicht: Je mehr Touristen in diese Stadt kommen, desto größer ist das Interesse an dem 1763 angelegten Friedhof mit dem Luther-Denkmal am Eingang und den Gräbern von Bertolt Brecht, Helene Weigel, Johannes Rau, Otmar Suitner, Herbert Marcuse, Karl-Friedrich Schinkel, Erwin Geschonneck, Anna Seghers, Johannes R. Becher, Heinrich Mann, Paul Dessau, Ruth Berghaus, Fritz Teufel, Bärbel Bohley, Dietrich Stobbe – und nun auch Christa Wolf. Lothar Heinke

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