Drittes Reich : Juristen ohne Recht

Zur Zeit des Nazi-Regimes wurde vielen jüdischen Juristen die Arbeitserlaubnis entzogen. Berliner Anwälte erinnern nun mit einem "Stolperstein" und zwei Büchern an ermordete jüdische Kollegen.

Claudia Keller

Er hat 1928 die Gründung der Berliner Verkehrsbetriebe als Notar beurkundet: Doktor Heinrich Veit Simon muss ein anerkannter Rechtsanwalt gewesen sein. „Die Kanzlei am Pariser Platz 6 war sehr groß“, sagte seine Tochter am Mittwochabend. Als Kind sei sie oft den Korridor mit den vielen Türen im Büro des Vaters entlanggelaufen. Wenn sie über die behagliche, großbürgerliche Welt spricht, in die sie hineingeboren wurde, wird Judith Kleins Stimme brüchig. Auch wenn vor ihr über 200 Zuhörer sitzen.

Judith Klein ist aus Washington nach Berlin gekommen. Die Bundesrechtsanwaltskammer und die Berliner Rechtsanwaltskammer hatten sie ins Centrum Judaicum in die Oranienburger Straße eingeladen. Die Kammern haben kürzlich zwei Bücher mit dem Titel „Anwalt ohne Recht“ herausgegeben (Bebra Verlag), die das Schicksal jüdischer Anwälte nach 1933 dokumentieren. Das eine Buch schildert die Biografien von 1800 Berliner Anwälten, das andere die Lebensläufe von jüdischen Juristen außerhalb der Hauptstadt.

Am Mittwoch verlegte die Präsidentin der Berliner Anwaltskammer zudem einen „Stolperstein“ vor dem Haus in der Oranienburger Straße 1. Dort hatte Julius Blumenthal seine Kanzlei. Nach dem Berufsverbot hatte sich Blumenthal um die Rechtsabteilung der jüdischen Gemeinde gekümmert. Nachdem Gemeindemitglieder verhaftet worden waren, bot er sich als Geisel an. 1942 wurde er im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen.

Sie habe zuhause ein Foto, das zwei ältere Herren in einem Garten zeige, sagt die 82-jährige Judith Klein. Das seien ihre Großväter gewesen, sie hätten zusammen Jura studiert. Als sich ihre Kinder verliebten, sei ihr Glück perfekt gewesen. Dass der eine Jude war und der andere nicht, spielte keine Rolle. Die Kinder heirateten und bekamen fünf Kinder. Eines davon ist Judith Klein. „Die Familien dachten, es geht ewig so weiter.“

1933 entzogen die Nazis Heinrich Veit Simon die Erlaubnis, als Notar tätig zu sein, 1938 erteilten sie ihm gänzlich Berufsverbot. Angebote, für Kanzleien in New York zu arbeiten, lehnte der damals 55-Jährige ab. Er wollte seine jüdische Mutter und Schwestern nicht zurücklassen. Ihre Kinder versuchten die Simons, außer Landes zu bringen. Judiths Mutters war zwar keine Jüdin, dennoch waren die Kinder gefährdet. Judith gelangte mit einem Kindertransport nach England. Beim Versuch, Devisen für die Kinder zu beschaffen, wurde Heinrich Veit Simon 1942 verhaftet. Nach einem Monat erhielt seine Frau die Nachricht, dass er verstorben sei. Sie könne den Sarg abholen, dieser dürfe nicht geöffnet werden. Die Frau brach den Sarg dennoch auf. Der Mann darin war ihr Ehemann, sein Gesicht war zertrümmert. Er wurde auf einem Friedhof in Wilmersdorf beerdigt. Kleins Großmutter und Tanten wurden in Auschwitz ermordet, ebenso ihr Bruder.

„Ich habe ein Grab, an dem ich beten kann“, sagt Judith Klein. Sie stockt, wischt die Tränen beiseite und fügt an: „Viele haben nicht mal das.“ Dann geht sie von der Bühne. Im Saal ist es still. Es dauert eine Weile, bis jemand klatscht.

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