Berlin : Duschen im Container

In der Gropiusstadt ist das Wasser verunreinigt Die Bewohner werden auf dem Parkplatz versorgt.

von und Marius Gerads

Nihad Ismail zieht seinen Rollkoffer durch die Gropiusstadt. Zehn Kanister frisches Wasser will er gerade holen, das mache er jeden zweiten Tag, so auch am Freitag. Denn Nihad Ismail, 32, ist einer von denen, die derzeit ihren Wasserhahn nicht aufdrehen können. Das Wasser in der Gropiusstadt ist mit Keimen verunreinigt, vielleicht noch für viele Wochen.

Jetzt steht Ismail auf der Straße und schaut auf die Bauarbeiter, die vier weiße Container auf einem Parkplatz abstellen und mit großen Rohren verbinden. „Das sind die Duschen für die Anwohner“, sagt ein Bauarbeiter, 20 Stück seien es insgesamt. Ab Sonnabend dürfen die Nachbarn hier unten im Schatten der vielen Hochhäuser duschen.

Nihad Ismail will hier nicht herunterkommen, wegen der Privatsphäre. Er habe zwei Kinder, erzählt er. „Wir kochen derzeit unser Wasser aus dem Hahn in der Küche und gießen es nach dem Abkühlen Tasse für Tasse über die Kinder.“ Das sei doch kein Zustand, oder? Und weil das Wasser in der Waschmaschine nicht so heiß sei, gehe er lieber in den Waschsalon. „Aber das ist richtig teuer. 23 Euro habe ich bezahlt“, sagt er. „Das geht nicht über viele Wochen.“ Aber was solle er machen – die Kinder seien klein, kämen aus dem Kindergarten, da werden die Klamotten nun mal dreckig. Nihad Ismail ist ein bisschen ratlos. Aber jetzt muss er los. Er zeigt auf seine Kanister.

So geht das seit einigen Tagen hier im Neuköllner Süden, wo in der Gropiusstadt das Trinkwasser mit gefährlichen Keimen verunreinigt ist. Betroffen sind insgesamt 388 Privathaushalte und zwei Gewerbemieter in Hochhäusern an der Fritz-Erler-Allee und der Eugen-Bolz- Kehre. „Eine größere Sache“, nennt das der Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU). Die betroffenen Bewohner sind angewiesen worden, das Leitungswasser vor dem Kochen oder Zähneputzen abzukochen. Vom Duschen oder Baden wird abgeraten. Von erkrankten Menschen sei bislang nichts bekannt, sagt Liecke. Die ersten Keime wurden bereits am 6. September gefunden, nachdem „bei Mietern unzulässige Sanitäreinbauten festgestellt und entfernt wurden“, erklärte die Wohnungsbaugesellschaft Hilfswerk-Siedlung (HWS), der die Häuser gehören.

Ob hier auch die Quelle der Verunreinigung liegt, ließ die HWS offen. „Die genaue Ursache kann trotz sorgfältiger Überprüfung durch die Behörden nicht konkret ermittelt werden.“ Wahrscheinlich sind die Bakterien bei Reparaturarbeiten in das Leitungssystem gelangt, sagte Liecke. Die Trinkwasserversorgung der betroffenen Hochhäuser ist miteinander verbunden. Am Übergabepunkt zwischen der Hauptleitung der Wasserbetriebe und dem Hausanschluss sei keine Keimbelastung gefunden worden, also fallen die Wasserbetriebe als Verursacher aus.

An den vier Containern, in denen die Nachbarschaft ab heute duschen kann, soll auch ein Hahn für Frischwasser eingebaut werden. Dort sollten die Mieter auch Frischwasser zapfen können. Kanister mit Trinkwasser seien bereits ausgegeben worden, erklärt Kerstin Weber vom Gesundheitsamt Neukölln. Die Mieter erhalten laut HWS eine „angemessene Mietminderung“.

Verseucht ist das Trinkwasser mit „Pseudomonas aeruginosa“. Die Bakterien sind resistent gegen die meisten Antibiotika und zählen deshalb zu den gefährlichen Krankenhauskeimen. Sie können bei geschwächten Menschen schwere Infektionen verursachen. Für die Desinfizierung des Leitungssystems würden geringe Mengen Chlordioxid eingebracht, sagte Liecke. Diese chemische Reinigung des Trinkwassers sei für den Menschen unbedenklich. Allerdings dauert das Verfahren mindestens zwei bis drei Wochen.

Pseudonomaden werden auch als „Pfützenkeime“ bezeichnet. Sie kommen praktisch überall in der Natur vor und können sich im kalten Wasser vermehren. Bekannter als Pseudonomaden sind Legionellen im Trinkwasser. Die breiten sich vor allem im warmen Wasser aus. Seit November 2011 müssen Besitzer von größeren Häusern ihren Warmwassertank einmal im Jahr auf Legionellen testen lassen. Auch in Krankenhäusern und Schwimmbädern gibt es regelmäßig Legionellenalarm.

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