Edith Hancke wird 85 : Den Rock heben? Wo kämen wir denn da hin!

Ein Labsal an Berlinischer Schnodderigkeit: Edith Hancke, eine der letzten großen Volksschauspielerinnen, feiert heute ihren 85. Geburtstag.

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Im Jahr 2008 spielte Edith Hancke in der Komödie am Kurfürstendamm die Josephine Zillerthal in „Pension Schöller“.
Im Jahr 2008 spielte Edith Hancke in der Komödie am Kurfürstendamm die Josephine Zillerthal in „Pension Schöller“.Foto: picture-alliance/ dpa

An sich eine Routineoperation, die Mandeln, da war die kleine Edith gerade acht. Aber der Chirurg hatte wohl einen schlechten Tag, rutschte ab, kam an die Stimmbänder – für eine angehende Schauspielerin eine Katastrophe. Aber die spätere Berufswahl war damals natürlich noch nicht zu ahnen. Und schon gar nicht war zu erwarten, dass die lebenslange Erinnerung an den verunglückten Eingriff, die helle, etwas piepsige, doch genau dadurch auch markante Stimme, einmal so etwas wie das Markenzeichen von Edith Hancke werden sollte, zumal in Verbindung mit unüberhörbar Berlinischem Zungenschlag. Die Rolle der Liebhaberin war mit dieser stimmlichen Besonderheit allerdings ausgeschlossen, und auch figürlich lag sie nicht gerade nahe, da machte sich die Schauspielerin, die heute ihren 85. Geburtstag feiert, keine Illusionen: „Ich war viel zu frech, ich war überhaupt nicht sexy.“ Ihrer Karriere hat das offensichtlich nicht geschadet.

Es war nicht gerade ein Blitzstart zu einer Bühnenlaufbahn, die vor fast 65 Jahren 1949 als Hedwig in Ibsens „Wildente“ am Berliner Renaissance-Theater begann. Ihre Herkunft legte die Schauspielerei kaum nahe, wenngleich die Eltern immerhin oft ins Theater gingen. Geboren am 14. Oktober 1928 in Charlottenburg als Tochter eines Bankangestellten, besuchte Edith Hancke erst eine Haushaltsschule, bevor sie eine Schauspielerausbildung beginnen durfte. Eine der Aufführungen, die in ihr die Lust am Theater geweckt hatten, war noch im Krieg Lessings „Minna von Barnhelm“ gewesen, mit Hannelore Schroth in der Titelrolle. Auch weil ihr nach der Vorstellung die Schroth in der U-Bahn begegnete. „Ich war fassungslos, dass die nicht mit einem Auto fährt.“

Allzu groß scheint der Widerstand der Eltern gegen die Berufswahl nicht gewesen zu sein. „Mein Vater hat nur gesagt, Kind, du musst wissen, worauf du dich da einlässt. Da kommen sicher manche Herren, die dir viel versprechen, was auf eine unschöne Art enden könnte.“ Aber sie war vorsichtig, ihr passierte das nicht.

Ohnehin schien anfangs gar nichts zu passieren, denn bei der Abschlussprüfung an der Wilmersdorfer Schauspielschule fiel sie erst mal durch: Man bescheinigte ihr „Talentlosigkeit“. Und auch ihre erste Rolle, die ihr dennoch im selben Jahr angeboten wurde, die Adelheid in der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“, hätte sie sich durch übergroße Schamhaftigkeit fast selbst vermasselt. Defa-Regisseur Erich Engel hatte beim ersten Vorsprechen verlangt, dass sie den Rock hebe und ihre Beine zeige, was sie entrüstet ablehnte. Das war’s erst mal, aber er hat sie schließlich doch engagiert – zum Glück.

Den Weg zur Bühne hat dann ihre Schauspiellehrerin Marlise Ludwig geebnet, die den Kontakt zu Regisseur Ernst Schröder vermittelte. Der aß mit ihr zunächst mal Erbsensuppe, „von einem kleinen Ofen, was nach dem Krieg eben so da war“. Zudem war noch die Begutachtung durch den Direktor der Bühne, Kurt Raeck, zu bestehen. Als Vorspielpartner wurde ihr leider Wolfgang Gruner mitgegeben, wie sie 2009, anlässlich ihres 60. Bühnenjubiläums, dem Tagesspiegel erzählte: „Ich bin ja schon klein, aber der Gruner war noch ein bisschen kleiner.“ Und dann sollte sie ihn als Vater auch noch umarmen, was ziemlich komisch ausgesehen haben muss und Raeck nicht recht überzeugte. „Seien Sie so lieb, ich würde es gerne noch mit einem Herren sehen, der etwas größer ist.“ Das überzeugte, sie bekam die Rolle.

Seither ist Edith Hancke zu einer der großen deutschen Volksschauspielerinnen aufgestiegen, in unzähligen Theater-, Kabarett-, Film- und Fernsehrollen, eine der letzten Vertreterinnen des früheren West-Berliner Bühnenglanzes, „eine Labsal an Berlinischer Schnodderigkeit“, „die Duse von der Otto-Suhr-Allee“, wie der legendäre Theaterkritiker Friedrich Luft sie rühmte. Klar, dass sie wieder und wieder mit dem Goldenen Vorhang ausgezeichnet wurde, mit dem Bundesverdienstkreuz und der Goldenen Kamera sowieso. Und wer kann schon von sich behaupten, dem Schauspielerberserker Klaus Kinski eine geklebt zu haben, nicht nur gespielt, sondern real. Das war 1961 bei den Dreharbeiten zur Edgar-Wallace-Verfilmung „Die seltsame Gräfin“. Kinski musste Edith Hancke ein wenig würgen, übertrieb aber auch damit maßlos, sodass seine Partnerin es mit der Angst bekam und zulangte. Die Szene musste wiederholt werden.

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