Ein Berliner Stadtplan von 1897 : Radfahrer auf dem Holzweg

Auf dem Potsdamer Platz war das Radfahren verboten, und viele Straßen hatten Pflaster aus Holzklötzen. Im Landesarchiv werden jetzt alte Stadtpläne gezeigt - darunter ein Fahrradplan von 1897.

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Fast wie neu. Das Prinzip des Fahrradplans von Kartograf Julius Straube aus dem Jahr 1897 ähnelt dem heutigen: Kräftige Farben stehen für guten Straßenbelag. Der Unterschied: die rot markierten Bereiche sind für Radler verboten.
Fast wie neu. Das Prinzip des Fahrradplans von Kartograf Julius Straube aus dem Jahr 1897 ähnelt dem heutigen: Kräftige Farben...Repro: Landesarchiv Berlin

Von Deutsch Wilmersdorf in die City radelt es sich passabel, aber man muss sich auskennen: Leipziger Straße und Unter den Linden sind zwar gut asphaltiert respektive mit Stirnholz gepflastert, aber für Radfahrer ebenso verboten wie der Potsdamer Platz und die Königstraße jenseits des Schlosses. Wer allerdings weiter will, die Frankfurter Allee raus zum Friedrichsberg etwa, muss sich auf minderwertiges Pflaster gefasst machen. Kein Vergnügen, sofern man keines dieser neumodischen Räder mit Luftreifen fährt. Auch Richtung Pankow wird es hinter dem Exercierplatz rumpelig, und auf der Prenzlauer Allee nach Neu-Weißensee hin muss man bei Gegenverkehr immer auf den sandigen Randstreifen ausweichen. Ein Sommerweg halt, wie so viele am Stadtrand.

All diese Informationen sind einem Fahrradstadtplan zu entnehmen – erschienen 1897 im Landkartenverlag von Julius Straube „unter Mitwirkung des Schutzverbandes Berliner Radfahrer“. Das Landesarchiv widmet diesem Straube zurzeit eine Sonderausstellung, die auf Kartografie spezialisierte Buchhandlung Schropp verkauft Reproduktionen einiger seiner Werke und würdigt ihn demnächst mit einer Abendveranstaltung.

Auffällige Sperrungen zwischen Schlossplatz und Tiergarten

Der Fahrradplan ist einer von vielen aus Straubes Portfolio – und er enthält für zeitgenössische Betrachter manche Rätsel. Der Historiker Benjamin Huth hat sich fürs Landesarchiv mit dem Plan befasst: „Der König hatte womöglich keinen Bock, Radfahrern zu begegnen“, kommentiert er die auffälligen Sperrungen zwischen Schlossplatz und Tiergarten. Die Abneigung Seiner Majestät dürfte begründet gewesen sein: Der Fahrradplan wurde laut Huth mitsamt einem Begleitheft verkauft, das eine Polizeiverordnung enthielt. In der habe es geheißen, dass „das Umkreisen von Fußgängern und Tieren nicht gestattet“ sei. Wenn es die Radler nicht getan hätten, stünde es wohl kaum in der Verordnung, folgert Huth.

Das aus heutiger Sicht eher überraschend als Straßenbelag verwendete Holz sei damals üblich gewesen: günstiger als Stein, weil in der Nähe zu schlagen und am Bauplatz leicht zu verarbeiten – und durchaus solide, denn die Zeit der brüchigen Knüppeldämme war Ende des 19. Jahrhunderts vorbei. Stattdessen wurden die Straßen mit „Stirnholz“ gepflastert, also senkrecht ins Sandbett gestellten Klötzen, denen auch die stahlbereiften Kutschen wenig anhaben konnten. Das Rätsel der „chaussirten“ Straßen – es handelt sich um Wege mit lediglich einer befestigten Spur zwischen losen Randstreifen – konnte Huth durch weitere Kartenstudien lüften, während die erwähnte „Mitwirkung“ des Radlerverbandes mysteriös blieb: „Haben die Mitglieder Informationen zum Straßenbelag geliefert? War es also ein ,Crowdsourcing‘-Projekt im 19. Jahrhundert? Wir wissen es nicht.“

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Andreas Matschenz, Kurator der Ausstellung im Landesarchiv, berichtet von einer erstaunlichen Diskrepanz zwischen Straubes umfassenden (Karten-)Werk und den spärlichen Informationen über den Kartografen: „Er war über Jahrzehnte der Hausverleger des Berliner Magistrats – wohl einfach, weil er so gut war.“ Aber es gebe bis heute kein Foto von Straube und viele Lücken im Bild, das man sich von ihm machen könne. Die Bilder Berlins, die Straube hinterließ, sind dafür umso aufschlussreicher.

Straubes Karten heute

Unter dem Titel „Die Pläne mit der Berolina“ zeigt das Landesarchiv bis Jahresende Straubes Werke: Eichborndamm 115-121 (Reinickendorf), Mo.-Fr. 10-17 Uhr. Themenabend in der Buchhandlung Schropp (Hardenbergstr. 9a) am Di., 25.11. um 20 Uhr, Eintritt: 3 Euro, Anmeldung unter Tel. (030) 235 573 20.

Weitere Karten online

Ein riesiger Fundus historischer und aktueller thematischer Karten steht auf den Internetseiten des Senats. Die Geodatensammlung unter http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp reicht von historischen Luftbildern (ab 1928) bis zu aktuellen Überschwemmungsgebieten.

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