Ein Besuch : Das Mädchen aus der Babyklappe

Lisa war der erste Säugling, der in einer Zehlendorfer Klinik abgegeben wurde. Jetzt hat sie mit ihren Adoptiveltern die Wiege besucht – und viele Fragen.

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Kinderfreundlich. Die Babyklappe im Krankenhaus Waldfriede ist mit Kissen und Kuscheldecken ausgestattet. 20 Babys wurden hier abgelegt. Das erste war Lisa. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Kinderfreundlich. Die Babyklappe im Krankenhaus Waldfriede ist mit Kissen und Kuscheldecken ausgestattet. 20 Babys wurden hier...

Lisa Wald (die Namen aller Familienmitglieder wurden geändert) hüpft ungeduldig die Treppe des Empfangsgebäudes im Krankenhaus Waldfriede hinunter. „Ich weiß, wo sie ist“, ruft die Elfjährige und läuft mit ihrem sechsjährigen Bruder einen kleinen Pfad entlang. Ihre drei Schwestern, acht bis zehn Jahre alt, folgen aufgeregt. Dann stehen die fünf Kinder vor dem versteckt hinter Bäumen angebrachten Schild. „Babywiege“ steht darauf. „Hier lag’ ich drin“, verkündet Lisa. Es klingt andächtig. Und ein wenig stolz.

Dann suchen Lisas Augen die ihrer Mutter. „Stimmt doch, Mama, oder?“ Beate Wald nickt ihr zu: „Ja, und ich weiß noch genau, wie unglaublich klein du warst, als Papa und ich dich das erste Mal gesehen haben. Aber du hast dich ins Leben gekämpft.“

Lisa Wald war das erste Neugeborene, das in eine Berliner Babyklappe gelegt wurde. Gabriele Stangl, die als Seelsorgerin am Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede für die Einrichtung gekämpft hat, erinnert sich noch ganz genau: „Lisa – den Namen haben wir ausgesucht – wog nur knapp drei Pfund, wir mussten sie sofort zur Intensivbehandlung bringen. Die Ärzte wussten nicht, ob sie durchkommen würde.“

Auch um die unbekannte Mutter sorgten sich die Ärzte. „Sie sahen an dem Kind, dass es eine schwere, komplizierte Geburt war“, erzählt Gabriele Stangl: „Ohne ärztliche Behandlung kann die Frau oder das Mädchen es kaum geschafft haben.“

Weil solche Fälle gar nicht so selten sind, hat sich Gabriele Stangl auch dafür eingesetzt, dass Frauen im Krankenhaus Waldfriede ihre Kinder anonym, aber unter ärztlicher Aufsicht zur Welt bringen können, also ohne ihre Identität preiszugeben. Dafür ist sie oft angefeindet worden, aber das Krankenhaus steht hinter ihr, die Ärzte und Schwestern – auch, weil sie in den vergangenen zwölf Jahren vielen Frauen helfen konnten. Und weil sich fast jede dritte Frau entschloss, ihr Kind doch zu behalten und viele andere zumindest ihre Personalien hinterließen.

Die Gegner der Babyklappen und der Möglichkeit von anonymen Geburten argumentieren, dass man den Kindern damit das Recht verweigere, ihre Herkunft zu kennen. CDU-Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will deshalb anonyme Geburten und weitere Babyklappen verbieten. Ihr Parteifreund, der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja, hat sich gegen diese Pläne gewandt. Auch der evangelische Bischof Markus Dröge bezog in seiner Osterpredigt klare Position: Es sei immer noch besser, ein Kind kenne seine Herkunft nicht, als dass eine verzweifelte Mutter es sterben ließe.