Berlin : Ein Mann steht seine Frau

Mit seiner einmaligen Stimmlage bezaubert Andreas Swoboda alias Renee die Zuschauer seiner Musical- und Comedyshow

Christoph Stollowsky

Manchmal hat Renee so etwas Sündiges in der Stimme. Dann setzt sie sich einem der Männer an den vordersten Tischen mit einem Hüftschwung auf den Schoß. Sie schlingt den Seidenschal um seinen Nacken und streckt ihre Beine aus im feuerroten Hosenanzug, bis sie in ganzer Länge zur Wirkung kommen. Sie umgarnt, kokettiert, zickt und schmollt, schenkt ihm ein Lächeln – und flirtet mit ihrer weichen, fraulichen Stimme in den höchsten Sopranlagen: „Ich hab so einen süßen kleinen, klitzekleinen Schwips!“ Das bringt den Auserwählten sichtlich aus der Fassung. Denn Renee ist weitaus mehr, als eine Frau normalerweise sein kann: Sie ist Kuschelkätzchen, Charming Girl, Vamp, Powerfrau – und in Wirklichkeit ein Mann.

Der findet nach der Show schnell zurück in seine maskuline Rolle und erliegt nun selbst dem Charme seiner Kunstfigur. „Renee find ich sexy“, sagt der Wahlberliner Andreas Swoboda und ist nun wieder ganz Mann mit einer ganz normalen männlichen Stimme. Fix angelt sich der 30-jährige Musical- und Comedy-Künstler zum Interview am späten Abend den letzten freien Barhocker im Café. Mindestens sechs Jahre jünger sieht er aus. Und am Tresen macht er eine gute Figur in seiner Jeans und dem Sweatshirt mit den Idealmaßen eines leichtgewichtigen Tänzers. Die schlanken Finger streichen über den Rand des Weinglases. „Mein Ziel mit dieser Show“, sagt er, „ist eine authentische Frauenillusion.“

Dafür hat er mit seiner Regisseurin Verena Andresen, dem Texter Simon Weinert und seinen Pianisten Christoph Wagner/Dietrich Bartsch eine Persiflage auf den Starkult inszeniert – Entertainment best mit Witz und Tiefgang: die „Soiree mit Renee“. Andreas Swoboda spielt das Model Renee Fein, ein Mannequin, dessen Herzenswunsch es ist, Popstar zu werden. Aber bei den Proben fürs erste Casting singt und plaudert sie am liebsten über ihren Job, über Liebe und Sex, harte und weiche Kerle, ihre katastrophalen Kochkünste, und schaffte es sogar noch trotz aller Aufgeregtheit, mit dem Mann am Piano zu techtelmechteln.

Andreas alias Renee kostet das ganze Repertoire weiblicher Launen und Ausdrucksformen aus, doch seine Stimme ist der eigentliche Star der Inszenierung. Ihr Umfang und ihre weibliche Klangfarbe sind einmalig für einen Mann. Er singt Chansons und Operetten-Nummern hoch und klar wie eine Mezzosopranistin bis zum dreigestrichenen C, doch im nächsten Moment gleitet die Stimme in tiefe und mittlere Frauenstimmlagen, die unter die Haut gehen wie bei Mariah Carey und anderen Pop-Soul-Sängerinnen.

Eine anatomische Besonderheit macht das möglich: Swobodas Stimmbänder sind für einen Mann sehr kurz und schließen in hohen Tonlagen hundertprozentig zusammen. Diese besondere Eigenschaft seiner Stimme stellte sich während der Ausbildung heraus. Bühnenerfahrung sammelte er schon als 18-Jähriger mit einer Kabarett-Truppe in seiner Jugendheimat, dem Rhein-Main-Gebiet. Zum Musical-Tänzer, -Sänger und -Schauspieler bildete ihn die Hamburger „Stage School“ aus, inzwischen probt er mit der bundesweit führenden Gesangslehrerin für hohe männliche Stimmen von der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik, Renate Faltin.

Dass ihn die Fans im einstigen BKA-Luftschloss am Berliner Schloßplatz und danach im Stadttheater Lübeck bejubelten, wenn er als Chantal im Musical „Ein Käfig voller Narren“ sogar Koloraturen glockenhell schaffte, machte ihm Mut für eigene Produktionen. In die Frauenrolle habe er aber nur langsam hineingefunden, sagt er, lacht wie ein Schuljunge und erzählt von seiner ersten Musical-Comedy-Show „Jacob & Svob“. Zwei charmante Typen, die auf der Bühne um die Gunst des Publikums wetteifern. Beide verkörperte er im flotten Wechsel so echt, dass manche Zuschauer danach fragten: Wer war denn der zweite Schauspieler?

Inzwischen ist Andreas als Renee Fein durch und durch Frau geworden. Sie kann wie Tina Turner „Goldeneye“ singen, als stünde die Soul-Göttin selbst auf der Bühne, findet „dogmatische Geschlechterklischees langweilig“ und verwirrt die Männer, wenn sie ohne Gnade zu flirten beginnt: „Ich will dein Herz und deine Seele – sag Ja!“ Doch am liebsten plaudert sie aus dem Nähkästchen: „Der schwule Mann macht alles, nur eines macht er leider nicht.“ Renee blinkert ironisch. „Ich kann einfach nicht verstehen, warum man als Mann unbedingt eine Frau sein will!“

„Soiree mit Renee“ am 2. und 3. Februar, 20 Uhr, im Café-Theater Schalotte, Charlottenburg, Behaimstraße 22, Kartentelefon: 3411485, Infos: www.renee-fein.de.

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