Ein Sommertag im März : Zartblauer Himmel, halbgare Steaks

Machtvoll zogen Frühlingsgefühle die Berliner in die Parks. Dort gibt es neue Regeln. Das Ordnungsamt setzt im Tiergarten das Grillverbot durch. Die Steaks mussten wieder eingepackt werden - auch die nicht fertigen.

von und Christoph Henrichs
Kurzurlaub. Am Sonnabend konnte man schon mal Probe liegen auf der Wiese im Mauerpark in Prenzlauer Berg.
Kurzurlaub. Am Sonnabend konnte man schon mal Probe liegen auf der Wiese im Mauerpark in Prenzlauer Berg.Foto: dapd/Bilan

Das ist allererste Sahne. T-Shirts statt Winterjacken, die ersten Spritzer Sonnencreme auf der Haut, Beinebaumeln an den Kais von Spree und Havel. Und endlich mal wieder die Liegestühle aufklappen oder Decken im Park ausbreiten und in den zartblauen Himmel gucken. Frühling in Berlin – ein Tag wie ein Kurzurlaub.

Im Tiergarten sind am Sonnabend zwar die Bäume noch kahl, altes Laub raschelt am Boden, aber die Kohlmeisen trällern schon in den Büschen. Die meisten Bänke und Tischtennis-Platten sind rasch besetzt, die Bellevueallee zwischen Sony Center und dem Schloss des Bundespräsidenten gerät zur Radlerautobahn, und auf dem Neuen See hat die gerade instandgesetzte Ruderboot-Flotte Premiere. Zu Tausenden genießen die Berliner die zarte Wärme. Nur auf dem einstigen Grillertreff an der John-Foster-Dulles-Allee am Tiergarten ist die Laune eingetrübt. Mancher, der seine Steaks gerade bruzzelt, muss sie halbgar wieder einpacken. Erstmals setzt das Ordnungsamt hier das neu erlassene Grillverbot durch.

Alles strömt raus

Die Meteorologen blicken unterdessen verwundert aufs Thermometer. Bis auf 21 Grad klettert es in der Sonne, wie berichtet sind das Maximalwerte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1908. Rekordverdächtig sind auch die Umsätze in Cafés und Restaurants, deren Wirte schon am Freitag schnellentschlossen Mobiliar nach draußen geschleppt haben, obwohl das eigentlich erst ab April geplant war. Wer im Freien serviert, dessen Tische werden von Gästen und den Spatzen gestürmt. Kaum ein Platz ist mehr frei im Café am Charlottenburger Lietzensee, oder im Schleusenkrug an der Tiergarteninsel. „Alles rappelvoll“, heißt es auf dem Restaurantschiff „Van Loon“ am Urbanhafen in Kreuzberg.

Mit den aufblühenden Krokussen und Stiefmütterchen hat aber auch die Testphase für die strengeren Regelungen in manchen Parks begonnen: Im Tiergarten ist ab sofort das Grillen untersagt. Im Treptower Park und im Mauerpark in Prenzlauer Berg gilt dies ab 1. April. In der Grillzone an der John-Foster-Dulles-Allee, einst ein Multi-Kulti-Treffpunkt, fährt am Sonnabend punkt 12 Uhr ein Auto des Ordnungsamtes vor, zwei Uniformierte gehen schnurstracks auf eine Palästinenser-Familie zu, wie vom Würstchenduft angezogen. Die Rauchsäule über der Wiese hat die Griller verraten.

Aufklärung am Grill. Mitarbeiter des Ordnungsamtes schritten am Sonnabend freundlich ein, noch bevor die Steaks gar waren
Aufklärung am Grill. Mitarbeiter des Ordnungsamtes schritten am Sonnabend freundlich ein, noch bevor die Steaks gar warenFoto: dapd/Zinken

"Wir picknicken hier seit Jahren. Wir wussten nichts vom Verbot“, radebrecht ein älterer, bärtiger Mann, während seine Frau im schwarzen Hijab bedauernd auf frisch gewürzte, noch rohe Fleischstücke zeigt und versucht, die Aufpasser einzuladen. Aber nichts hilft, es gibt eine Verwarnung – noch ohne Bußgeld, die Holzkohle müssen sie löschen. 20 Euro soll „die Zuwiderhandlung“ später kosten. Die Männer vom Bezirk bauen einen Infotisch am Wegesrand auf und verteilen Faltblätter in fünf Sprachen an etliche Picknicker, die gar nicht erst dazu kommen, ihre mitgebrachten Grills auszupacken. „Willkommen im Tiergarten“, steht darauf. „Bereiten Sie Ihre warmen Speisen bitte zu Hause zu.“ Einige schimpfen, die meisten resignieren.

Grillschwaden ziehen über den alten Flughafen Tempelhof

Auf den ausgewiesenen Grillwiesen am Tempelhofer Feld geht es unterdessen entspannter zu. Wer dort am Sonnabend die Bruzzelsaison eröffnet, wirft später meist unaufgefordert den Müll in die Container. Hier gab es auch schon im Sommer 2011 kaum Probleme. Klar abgegrenzte Territorien für Freiluftköche scheinen sich zu bewähren. Deshalb will Pankow dieses Konzept auch im Mauerpark testen.

Der ist am Sonnabend von der Mittagssonne in goldenes Licht getaucht. Auf der Wiese verstreut sind Picknickdecken ausgebreitet, Kinder werfen sich ausgelassen eine Frisbeescheibe zu, zwei ältere Frauen in bunter Sportmontur walken durch den Park. Die ersten Grills qualmen. Der 19-jährige Alexander freut sich auf ein saftiges Stück Fleisch. Er sei erst zum zweiten Mal hier, sagt er. Und warum gerade im Mauerpark? „Hier darf man grillen – glaube ich.“ Er lacht.

Dieser Spaß ist aber bald nur noch auf speziellen Flächen erlaubt. In den neuen Regeln steht auch etwas zur Musik, weiß Jürgen D. (38), der versonnen auf einer Gitarre vor sich hinspielt. Selbst musizieren bleibt erlaubt, aber Verstärker darf man nicht mehr aufbauen. Er wohnt um die Ecke, der Mauerpark ist gewissermaßen sein Vorgarten. Vor dem Hintergrund, dass vielleicht schon bald ein Teil des Parks bebaut wird, fürchtet er um die Freiheit und die kreative Szene.

Doch jetzt ist die Stimmung ausgelassen. Fahrradfahrer klingeln Sturm. Auf dem Hügel schaukelt eine junge Mutter mit ihrer Tochter – und kreischt dabei vor Entzücken fast lauter als das Mädchen.

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