Ein Teil von Berlin feiert Geburtstag : Marzahn legt eine neue Platte auf - auf Russisch

Vor 35 Jahren wurde aus Marzahn ein Bezirk. Das wird jetzt groß gefeiert. Viele Bewohner sind erst ein paar Jahre in Berlin – und stolz auf ihre russischen Wurzeln. Ein Bummel unter kyrillischen Vorzeichen.

von
Bunter Stadtteil. Die Allee der Kosmonauten in Marzahn gehört zu den längsten Straßen Berlins - und ein bisschen russisch hört sie sich auch an.
Bunter Stadtteil. Die Allee der Kosmonauten in Marzahn gehört zu den längsten Straßen Berlins - und ein bisschen russisch hört sie...Foto: dpa

Das gelbe Ortsausgangsschild ist schon zu sehen. Ahrensfelde ist S-Bahn-Endstation, 150 Meter weiter: Brandenburg. Ende der 70er zogen die ersten Familien hier an den Stadtrand, in die damals hochmodernen Plattenbauten. Marzahn wurde 1979 zum eigenen Bezirk. Zuvor gehörten die Äcker zu Lichtenberg, heute ist es Teil des Großbezirks Hellersdorf-Marzahn.

An diesem Wochenende feiert Bürgermeister Stefan Komoß – 50 Jahre, Sozialdemokrat, Protestant – den 35. Geburtstag des Bezirkes mit einem Volksfest.

Drei Tage zuvor wartet Alex – 22, Nichtwähler, Orthodoxer – am Bahnhof Ahrensfelde auf seine Freundin. 35. Geburtstag? Für Alex, seine Freundin, sogar die Türsteher seiner Stammdisko gibt es Marzahn erst seit 20 Jahren.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Alex – rasierter Nacken, strenge, blaue Augen – war zwei Jahre alt, als die Familie 1994 ihr Dorf südlich von Nowosibirsk verließ. Von ihrem Hof an der russisch-kasachischen Grenze bis nach Marzahn sind es 5000 Kilometer – und doch könnte sich Alex hier ausschließlich auf Russisch unterhalten. Zwischen den Marzahner Wohnblöcken mit fünf, elf oder 20 Geschossen gibt es russische Läden, russische Vereine, eine deutsch-russische Schule, ein deutsch-russisches Theater. Eine russisch-orthodoxe Kirche wird gebaut. Alex ist Russlanddeutscher. Einst hatte Katharina die Große im 18. Jahrhundert vor allem Schwaben ins Zarenreich geholt. Viele siedelten an der Wolga, weshalb sie Wolgadeutsche genannt wurden. Stalin deportierte sie später nach Sibirien und Kasachstan.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion förderte die Bundesregierung ihre Einwanderung, auch wenn kaum jemand Deutsch sprach. Allenfalls Alex’ Oma konnte 1994 ein paar Sätze.

Er ist ein Marzahner. Dmitri Geidel ist Juso und Bezirksverordneter.
Er ist ein Marzahner. Dmitri Geidel ist Juso und Bezirksverordneter.Foto: Björn Kietzmann

Fast 30.000 Russischsprachige

Die ersten 1500 Männer, Frauen und Kinder kamen 1992 in ein Marzahner Wohnheim. Zeitgleich zogen viele Altmieter aus ihren Wohnungen, es gab viel Platz für wenig Geld. Bald kamen neben Wolgadeutschen auch Russischsprachige aus der Ukraine, dem Baltikum, Mittelasien: Fast 30 000 Russischsprachige leben nun in Hellersdorf-Marzahn.

Alex wohnt noch bei seinen Eltern. Bald studiert er BWL, dann will er mit seiner Freundin zusammenziehen: „Hier irgendwo!“ Eine 90-Quadratmeter-Wohnung für 675 Euro warm gibt es eben nicht in der Innenstadt.

Plitschplatsch. Die Wohnungen in Marzahn waren fertig, doch die Gestaltung des Umfelds ließ auf sich warten.
Plitschplatsch. Die Wohnungen in Marzahn waren fertig, doch die Gestaltung des Umfelds ließ auf sich warten.Foto: dpa

Im Fuß der Plattenbauten gibt es winzige Kneipen mit Trinkhallencharme. Aus den Boxen surrt russischer Elektropop. Im Laden in der Jan-Petersen-Straße gibt eingelegtes Gemüse und Pilze, Trockenfisch und Kaviar, Wodka und Krimsekt. Ein Rothaariger, dem man den Babyspeck noch ansieht, rennt durch die Gänge. Seine Mutter zischt: „Idi sjuda!“ – „Komm her!“ Auf dem Titel der „Russkij Berlin“ prangt Klaus Wowereit über kyrillischen Texten. Auf der Bank an der Straßenbahnstation lehnt sich eine lallende Frau an einen jungen Mann. Sein ausgemergelter Körper steckt in einer zu großen Jeansjacke. Die beiden blinzeln in die Sonne.

Die Szene erinnert an „Tschick“, den Marzahn-Jugend-Roman von Wolfgang Herrndorf: Darin trifft Andrej „Tschick“ Tschichatschow, ein latent verwahrloster Russlanddeutscher, in der achten Klasse auf Maik Klingenberg, ein einsamer Bürgersohn aus einem der Einfamilienhäuser mit Pool, die es in der Nähe tatsächlich gibt. Doch Tschick spricht Deutsch, der real existierende Mann auf der Bank aber schüttelt den Kopf. Die Russischsprachigen gelten dennoch als gut integriert.

Kein Schwerpunkt für Kriminalität

Marzahn ist kein Kriminalitätsschwerpunkt, die meisten Freunde von Alex haben Abitur, vielen ist Sport wichtig. Die Arbeitslosenquote im Bezirk liegt bei vergleichsweise niedrigen zehn Prozent, unter Russischsprachlern sei sie aber viel höher, sagen Sozialarbeiter. Genaue Daten fehlen. Doch die steigenden Arbeitslosenzahlen der 90er haben es den Neumarzahnern schwer gemacht. Dazu kommt, dass einige in Russland ein Gehöft hatten oder Architekten waren, ihre Qualifikation hier aber nicht anerkannt wurden.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben