Berlin : Ein Walzer für den toten Freund

Piano Plus: Ein Hauskonzert beim israelischen Botschafter

Elisabeth Binder

Dies ist die Saison, in der die üblichen Prominenten jeden Abend fünf Einladungen annehmen könnten und in der Regel nur zwei schaffen. Schwere Entscheidungen sind da zu treffen. Manchmal zieht man eine Niete, manchmal das große Los. Letzteres galt für diejenigen, die, wie Gary Smith und Cherno Jobatey, zum Hauskonzert des israelischen Botschafters Shimon Stein kamen. Die vielfach ausgezeichnete israelische Pianistin Revital Hachamoff spielte, und sie tat dies mit so viel Temperament und Intensität, dass sie auch eine ausgebuchte Philharmonie in ihren Bann gezogen hätte.

Den Walzer von Chopin widmete sie David. Wer das war, erzählte sie beim anschließenden Empfang: ein junger Mann und ein sehr guter Freund, mit dem sie viele tiefe Gespräche hatte, er lehrte im College, spielte Horn und war unglaublich nett. Und eines Tages wurde er von einem Palästinenser erschossen. Der Soldat suchte die Mutter, um die Todesnachricht zu überbringen, und klingelte bei der Nachbarin, der Pianistin: „Ich sollte ihm die Arbeitsanschrift geben und weigerte mich zunächst, so dass er mir sagte, worum es ging.“ Sie hat den ganzen Tag lang geweint und musste trotzdem bei einem Konzert Chopin spielen. Auch da konnte sie nicht aufhören zu weinen. „Aber so ist das Leben in Israel, man macht immer weiter.“

Sogar die Mutter des toten Freundes kam eine Woche später in ihr Konzert. Es gibt in dem Walzer eine Stelle, die klingt wie ein Horn, traurig und liebevoll. Die Freunde sagten, wenn David nur eine Minute Zeit gehabt hätte, mit dem Palästinenser zu reden, dann wäre er nicht erschossen worden. Seine Mutter engagiert sich seitdem in einer Elterngruppe, die aus Palästinensern und Israelis besteht, die ihre Kinder verloren haben und wollen, dass sich etwas ändert.

„Piano Plus“ hieß das Stück des Komponisten Ronen Shapira. Gemeinsam mit ihm arbeitete die Pianistin mit der wilden Lockenmähne für das israelisch-arabische Jugendorchester, „eine fantastische Erfahrung“, wie sie sagt. In „Piano Plus“ höre man alles, den Krieg zwischen der arabischen und der westlichen Welt, Rock, Pop, Blues, ein spanisch-jüdisches Gebet und alle möglichen anderen Musikrichtungen. Sie bearbeitet dabei nicht nur die Tasten mit großer Verve, sondern auch das Instrument selber. Sie trommelt und schlägt und wird in ihren wilden Läufen wie ein reißender Strudel, bis die Musik irgendwie atemlos endet. Und das, sagt sie, hört man auch, und daran glaubt sie auch: „Sobald der Lärm endet, können wir endlich anfangen zu leben.“

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