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Ein Wissenschaftler erforscht den Koran : Im Zweifel Allah

16.08.2012 14:05 Uhrvon
Mit Denken. Hureyre Kam, 31, will den Islam voranbringen. Das ist schwer. Reform sei in der islamischen Welt leider ein Schimpfwort, sagt er.Bild vergrößern
Mit Denken. Hureyre Kam, 31, will den Islam voranbringen. Das ist schwer. Reform sei in der islamischen Welt leider ein Schimpfwort, sagt er. - Foto: Paul Zinken

Hureyre Kam wird einer der ersten deutschen Koran-Theologen. Auf ihm ruhen Hoffnungen. Er soll den Islam modernisieren. Sein größter Gegner dabei ist das Pathos der Eiferer.

Manche Träume sind wie verirrtes Licht und schnell vergessen. Andere können ein Leben auf den Kopf stellen.

Als Hureyre Kam 17 Jahre alt war, träumte er von einer Existenz als Gelehrter, als Intellektueller. Er träumte von einem Leben voller Poesie und Erkenntnis. Und die Welt, die ihm bis dahin oft als Abfolge wenig interessanter Begebenheiten erschienen war, auf die sich einzulassen er nicht sonderlich viel Mühe verwendet hatte, lag auf einmal vor ihm wie ein Buch. Er brauchte nur darin zu lesen.

So begab sich Hureyre Kam, Sohn türkischer Einwanderer, auf eine ebenso romantische wie deutsche Bildungsreise, wie einst die Helden in den Schriften von Novalis, E.

T.A. Hoffmann und Goethe. Er las den „Faust“, er las Aristoteles, Kant, Nietzsche – und immer wieder im Koran.

Heute ist Hureyre Kam 31, Magister in Philosophie und Islamwissenschaften und sitzt an seiner Doktorarbeit in islamischer Theologie. Er ist einer der Ersten, die das in Deutschland tun. Wenn Kinder aus Einwandererfamilien studieren, werden sie oft Ärzte oder Ingenieure, weil sie in diesen Berufen auch in der Heimat ihrer Eltern arbeiten können. Hureyre Kam aber schreibt über die Suche nach Gott, nach Allah. Denn Wissenschaft, Theologie bedeutet für ihn etwas Umfassendes. Es bedeutet Hingabe.

Ein Ladenlokal in Berlin-Neukölln reicht ihm dafür. Fahles Neonlicht fällt auf Linoleumboden und Resopaltische. In einer Ecke steht ein Becken mit Wasser. Hureyre Kam streut weißes Algenpulver hinein, so dass das Wasser sämig wird wie Leim. Er marmoriert Papier. Es ist eine alte osmanische Kunst, die Ruhe und Konzentration verlangt. Hureyre Kam nimmt einen Pinsel und tropft sachte Gelb und Orange auf das Wasser. Die Tropfen weiten sich zu Kreisen und öffnen sich ineinander.

Wenn er ihre Bewegungen betrachte, sagt Hureyre Kam, ordneten sich seine Gedanken. Dann ist er bei sich und erfüllt von jener Helligkeit, die ihn streifte, als er ein Jugendlicher war.

Nach einer halben Minute nimmt er einen hölzernen Stab und zieht ihn durch das Becken, von oben nach unten, von links nach rechts, langsam und sanft. Hastige Bewegungen würden alles zunichte machen. Man müsse die Regung des Wassers spüren. Die zarten Wellen ziehen die Farben in die Länge und wieder in die Breite und hinterlassen bizarre Muster. Er greift zu einem Blatt Papier und bedeckt vorsichtig das Wasser, nur für einen Moment. Dann zieht er die Farben mit dem Papier ab und legt es zum Trocknen.

Hureyre Kam, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, ist ein Pionier, und er hat sich viel vorgenommen. Mithilfe des Islamgelehrten Abu Mansur al Maturidi aus dem neunten Jahrhundert will er seiner Religion neue Wege weisen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam ist neu in Deutschland; vor Kurzem wurden die ersten Zentren für islamische Theologie an den Universitäten Münster/Osnabrück, Frankfurt am Main, Tübingen, Erlangen-Nürnberg eingerichtet. Die Bundesregierung fördert die Lehrstühle mit 20 Millionen Euro und setzt große Hoffnungen in die neuen Theologen: Sie sollen den Islam mündig machen und europäisieren. Der Druck ist groß, schon wehren sich die ersten Professoren gegen die Vereinnahmung durch die Politik. Wenn Hureyre Kam den Druck aushält und eine gute Doktorarbeit abliefert, hat er glänzende Aussichten auf eine akademische Karriere. Er gehört zu einer neuen Generation, zu einer neuen Schicht, zu einem neuen deutschtürkischen Bildungsbürgertum.

Seine kleine Kunstwerkstatt hat er im Hinterzimmer eines türkischen Bildungsvereins eingerichtet. Den hat sein Vater gegründet. Vorher war in dem Ladenlokal ein Männercafé, der Vater hat die Billardtische durch Regale voller Bücher ersetzt, er organisiert Sprachkurse, Lesezirkel und gibt eine deutsch-türkische Zeitschrift heraus. Er will unbedingt, dass seine Landsleute lesen und sich bilden.

Es ist ein heißer Sommertag, die Luft in den Räumen ist stickig. Hureyre Kam würde jetzt gerne einen Kaffee trinken, doch das geht nicht. Es ist Ramadan. Fastenmonat. Rausgehen will Kam trotzdem. Er streicht die kinnlangen schwarzen Haare hinters Ohr, verschraubt die Farbgläser und wäscht die Pinsel aus.

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