Einbruch im KaDeWe : Die Juwelendiebe kamen sogar zwei Mal

Abgebrühte Täter, rätselnde Fahnder und eine neue Schmuckauslage: Die Videoaufzeichnung vom Diebstahl im KaDeWe zeigt, dass der Coup im Kaufhaus gut geplant war. Die Polizei hat mttlerweise 35 Hinweise.

Jörn Hasselmann
KaDeWe
Der Juwelier Christ im KaDeWe öffnete am Mittwoch wieder. -Foto: ddp

Die Juwelendiebe im KaDeWe sind dreister vorgegangen als bislang bekannt. Die Videoaufzeichnungen belegen, dass die Diebe nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal ins Kaufhaus eingestiegen sind. Möglicherweise waren ihre mit Schmuck und Uhren gefüllten Taschen so schwer, dass die Männer den Weg ins Obergeschoss mehrfach zurücklegen mussten. Nachdem die Polizei am Mittwoch nichts dazu sagen wollte, gaben die Ermittler einen Tag später zu, dass es tatsächlich mehr als einen Besuch der Einbrecher gab.

Derzeit werden 35 Hinweise zu dem Fall verfolgt. Am Mittwoch war nur von 20 Hinweisen aus der Bevölkerung die Rede. Alle eingegangenen Hinweise seien prüfenswert, aber eine offenkundig heiße Spur sei bislang nicht darunter, hieß es.

Wie berichtet, stieg die Bande vermutlich am Sonntag gegen 5 Uhr früh durch das Fenster in den ersten Stock und gelangte so in die „Christ“-Filiale im Erdgeschoss. Drei mit Sturmhauben maskierte Männer hatten Schmuck im Wert von über vier Millionen Euro gestohlen. Wann die Diebe ihren Weg zum zweiten Mal zurücklegten, ist offen. Nach Angaben von Experten ist dies ein weiteres Indiz dafür, wie ausgezeichnet der Diebstahl ausbaldowert war.

Der Coup gilt als der spektakulärste der Nachkriegsgeschichte. „Christ“ hat maximal 100 000 Euro Belohnung ausgesetzt, eine heiße Spur hat die Polizei nicht. Die Polizei sucht weiterhin Zeugen, die bis Montag 6 Uhr früh etwas um das Kaufhaus bemerkt haben. Die Tat ist zur selben Zeit von einem Angestellten entdeckt worden.

Experten wie Martin Winckel vom Internationalen Juwelier-Warndienst nehmen derartige Coups unter dem Stichwort „Rififi“ in ihre Statistiken auf – nach dem französischen Gangsterfilm aus dem Jahr 1955. Seitdem steht „Rififi“ für einen intelligenten, professionellen und unbemerkten Einbruch mit hoher Beute. Der Juwelier-Warndienst war 1970 von der Goldschmiedeinnung gegründet worden, er sammelt sämtliche Informationen zu Einbrüchen und Raubüberfällen europaweit. Er gibt Händlern Sicherheitstipps und verteilt Warnungen vor Banden und Betrügern. Brancheninsider wundern sich darüber, weshalb bei „Christ“ selbst die wertvollsten Schmuckstücke nicht über Nacht in einem Tresor eingeschlossen waren. Wie berichtet, bot sich „Christ“ für die Diebe an, weil er als einziger der Luxus-Juweliere im KaDeWe über offene Ladenflächen innerhalb des Kaufhauses verfügt. „Tiffany“ oder „Bulgari“ werden abends mit Panzerglas und Stahlrolläden separat gesichert.

Nur 20 Prozent der Taten rangieren beim Warndienstes unter der Rubrik „Rififi“. Das Gros der Täter setzt auf rohe Gewalt: In gut 70 Prozent der Taten würden die Täter nachts Türen oder Schaufenster mit Hämmern oder Gullydeckeln zertrümmern und dann in Sekundenschnelle alles in der Auslage Greifbare zusammenraffen. Diese Täter nehmen in Kauf, dass die Alarmanlage losgeht und setzen auf Tempo.

In weiteren acht Prozent der Taten werden die Eingangstüren mit Lastwagen oder Autos aufgerammt. Gegen diese Taten haben die Kudamm-Juweliere in den vergangenen Jahren aufgerüstet. Die Schaufenster sind heute stabiler und nachts leergeräumt. „In vielen Geschäften liegt dann nur noch ein Ring im Fenster“, sagte Winckel. Tagsüber zeigen Wachmänner Präsenz, bei „Wempe“ am Kurfürstendamm steht er vor dem Laden, bei „Bucherer“ auf der anderen Straßenseite hinter der Eingangstür.

Der Boulevard in der City-West gilt noch immer als eine der ersten Adressen – auch bei Juwelendieben. Die polnische „Hammerbande“, die zwischen 2001 und 2003 etwa 20 Geschäfte mit Vorschlaghämmern aufbrach, ist von der Polizei verhaftet worden. Nach einem Einbruch bei „Scheibel“ an der Tauentzienstraße fassten die Fahnder sogar die Hintermänner in Polen.

Als wohl spektakulärster Einbruch gilt bis heute der „Sedlatzek“-Coup. Die Einbrecher hatten im Juli 2001 am Kurfürstendamm Ecke Bleibtreustraße mit einem gestohlenen Auto die Eingangstür zerstört. Monate zuvor war dem damaligen Eigentümer Ronald Sedlatzek vom Tiefbauamt verboten worden, schützende Poller auf dem Bürgersteig aufzustellen. Erst nach der Tat genehmigte der Bezirk dann die stabilen Poller. Die Sperren stehen heute noch, doch die Familie hat ihr Geschäft mittlerweile an „Bucherer“ verkauft.

Die Juweliere rüsten weiter nach. In vielen europäischen und amerikanischen Städten werden bei Luxusjuwelieren und auch Banken Sicherheitschleusen an den Eingängen installiert – wie in Gefängnissen. Nachdem sich die erste Panzerglastür geschlossen hat, wird der Kunde elektronisch durchleuchtet, ob er Waffen dabei hat. Erst dann öffnet sich die zweite Tür und der Kunde kann den Laden betreten. Der Clou dieser italienischen Erfindung: Der Metalldetektor erkennt auch, ob und wie viel Edelmetall, zum Beispiel Gold die Person dabei hat. Ist das Gewicht beim Verlassen des Geschäftes größer als beim Betreten, öffnet sich die Tür ins Freie nicht. In Berlin gibt es diese Technik noch nicht, sagte ein Experte.

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