• Eine Ausstellung dokumentiert die Geschichte des "Städtchens", wo die DDR-Spitze in den Anfangszeiten residierte

Berlin : Eine Ausstellung dokumentiert die Geschichte des "Städtchens", wo die DDR-Spitze in den Anfangszeiten residierte

Michael Brunner

1960 okkupierten die obersten Arbeiter und Bauern die idyllische Walsiedlung Wandlitz, doch "Pankow" wurde zum Synonym für die Partei- und Staatsführung der "Zone"Michael Brunner

Penibel war die DDR. "Am Donnerstag, dem 8. Juli 1958, um 12.35 Uhr empfängt der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik Mitglieder der sowjetischen Parteidelegation zu einem kurzen Besuch in seinem Wohnhaus im Städtchen", heißt es im Ablauf-Protokoll "für den Besuch der sowjetischen Parteidelegation, die anlässlich des V. Parteitags (der SED) in Berlin weilt". Eine ziemliche Untertreibung. Um die Mittagszeit fuhr vor Piecks Villa am Majakowskiring 29 in Pankow eine ganze Reihe von Limousinen vor, aus denen ein paar sehr mächtige Männer stiegen: Zuerst der sowjetische Staats-und Parteichef Nikita Chruschtschow, mit ihm SED-Chef Walter Ulbricht und SED-Politbüromitglied Otto Grotewohl. Wilhelm Pieck empfing die Genossen kurz und herzlich, ließ Wein kredenzen und stieß mit ihnen an.

Die Szene ist auf einem Foto festgehalten, das derzeit in einer Ausstellung in Piecks ehemaliger Villa zu sehen ist. "Die Pankower Tafelrunde - Das Städtchen: Wohnsitz von DDR-Politikern 1945 bis 1960", haben die Ausstellungsmacher Claudia Berger und Hans-Michael Schulze als Titel gewählt. Sie wollen zeigen, wie sich das Villenviertel um den heutigen Majakowskiring entwickelte, nachdem es nach Kriegsende von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt und nach russischem Vorbild mit Wachen, Zaun und Schlagbaum umgeben wurde. So kam es, dass "Pankow" während des Kalten Krieges zu einem Synonym für die Partei- und Staatsführung und die ganze DDR wurde. "Städtchen" ist eine Übersetzung aus dem Russischen. Es klingt zwar hübsch, bezeichnet aber dennoch nichts als eine abgeschottete Siedlung für die obersten Funktionäre. Die Kunsthistoriker Berger und Schulze haben Zeitzeugen interviewt, das SED-Parteiarchiv mit den Nachlässen der ehemaligen DDR-Machthaber und das Berliner Landesarchiv durchstöbert. Da ist zum Beispiel der Abschiedsbrief des Maschinenbauministers Gerhard Ziller. "Es ist schwer, das Vertrauen der Genossen zu verlieren", schrieb Ziller am 13. Dezember 1957 an Politbüro-Mitglied Otto Grotewohl. Der Minister sah sich dem folgenreichen Vorwurf des "parteischädigenden Verhaltens" ausgesetzt. Für die Genossen im "Städtchen" war er Luft, nachdem er der Fraktion um Ulbricht-Gegner Karl Schirdewan zugerechnet worden war. Das war zu viel für den Mann, der als KPD-Mitglied bereits in der Nazizeit im Zuchthaus gesessen und nach seiner Entlassung im Jahr 1936 bei seinen Genossen auf eine Mauer des Schweigens gestoßen war. "Also Genossen, verzeiht mir, die Schuld liegt bei mir", schrieb Ziller säuberlich mit seinem Füllfederhalter. Danach erschoss er sich.

Gleich neben dem Furchtbaren das Banale: Man hatte zwar in Pankow die Weltrevolution im Kopf, zahlte aber ganz regelmäßig Miete an die Hauseigentümer. Wilhelm Pieck entrichtete nach einem Vermerk vom Dezember 1945 insgesamt 351,50 Mark für 195 Quadratmeter. Der Schriftsteller und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher zahlte für sein 186-Quadratmeter-Haus 372 Mark und SED-Chef Walter Ulbricht musste für 227 Quadratmeter 430,35 Mark entrichten. Ab 1960 bewohnten die Mitglieder des Politbüros ihre neuen Häuser in der Waldsiedlung in Wandlitz. Die zweite Reihe der DDR-Politiker blieb in Pankow. Piecks Villa wurde 1975 zum Gästehaus der Regierung. Nach dem Mauerfall wurde die Senatskulturverwaltung Eigentümerin. Im Jahr 1998 übertrug der Senat das Haus an den Bezirk Pankow.

Der verantwortliche Pankower Kulturstadtrat Alex Lubawinski sagte gestern, dass er mit der Ausstellung auf keinen Fall dem Heimatmuseum Konkurrenz machen will. Pläne für die ehemalige Präsidentenvilla gibt es gleichwohl. "Das Haus soll künftig für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt werden", sagte Lubawinski. Was er auf gar keinen Fall wolle, sei "ein Klub für DDR-Nostalgiker, in dem sich Veteranen gegenseitig auf die Schulter klopfen". Es gehe darum, mit Legenden aufzuräumen."Die Pankower Tafelrunde", dienstags und donnerstags 14 bis 18 Uhr, sonntags 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Telefon: 480 98 162.
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