Eine Nacht im Kreuzberger Luxushotel Orania : Anarchie für Besserverdiener

Kaminfeuer im Sommer, Shuttle nach TXL für 80 Euro, ein unfertiges Gym. Und doch ist das neue Hotel Orania in Kreuzberg charmant. Ein Erfahrungsbericht.

Marcus Werner
Das Luxushotel Orania
Das Luxushotel OraniaFoto: Paul Zinken/dpa

Jahrelang habe ich von meinem Balkon auf das leer stehende Eckhaus am Oranienplatz geguckt. Jetzt sind die Bretterverschläge und Bauzäune weg. Und plötzlich hat der kunterbunte, laute Oranienkiez an seinem Eingang eine gediegene Luxusabsteige. Die musste ich einfach testen.

Wie passt so ein Haus in meine Nachbarschaft, zwischen Dönerläden, Hamburgerbuden, Spätkaufs, das SO 36 und die plüschige Gay-Bar Roses? Und ich muss sagen: Irgendwie passt es. Zumindest jetzt, kurz nach der Eröffnung, geht es in dem Hotel genauso drunter und drüber wie in der ganzen Oranienstraße. Nur kostet das Ganze das Fünffache.

"Kontinental-Früshtsück" und Rechtschreibfehler inklusive

Ich habe das Eröffnungsangebot gebucht. Für zwei Personen inklusive Frühstück. Die kleinste Zimmerkategorie kostete 128,10 Euro. Mittlerweile liegt der Normalpreis bei etwa 140 Euro. Nach der Buchung bekomme ich eine E-Mail mit der Bestätigung „inklusive Kontinental-Früshtsück“. Auf einem Online-Fragebogen will das Management wissen, ob ich privat reise oder „buisness“. Da hatte wohl keiner mehr Zeit, vor Veröffentlichung drüberzulesen. Aber zu pingelig und kleinlich – das wäre nicht Kreuzberg.

Shuttleservice nach TXL: 80 Euro

Im Fragebogen wird mir ein Shuttle zum Flughafen Tegel angeboten, den ich gebrauchen könnte, wollte ich nach der Übernachtung doch direkt nach Stockholm fliegen. Ich rufe an und erkundige mich nach den Details. Ich erfahre: Es handele sich um „irgendeinen Mercedes“. Die junge Frau am Telefon wirkt, als müsse sie sich zusammenreißen, um sich nicht zu entschuldigen: „Der Shuttle-Service kostet 80 Euro. Aber der Fahrer hilft Ihnen auch beim Einladen des Gepäcks.“ „Naja, das tut ein Taxifahrer auch, und die Fahrt in seinem Mercedes kostet rund 30 Euro.“ „Ja, aber die Limousine hat W-Lan.“ Ich verzichte.

Lichtdurchflutet. Die Lobby des Orania
Lichtdurchflutet. Die Lobby des OraniaFoto: Mike Wolff/dpa

Als meine Begleitung und ich einige Wochen später einchecken, werden wir von der jungen Frau an der Rezeption sofort überschwänglich und mit frei an der Bar wählbaren Welcome-Drinks empfangen. „Wollen Sie morgen auch bei uns frühstücken?“ „Ja, das hatte ich auch gebucht.“ „Nein, das nicht. Aber Sie können es natürlich für je 12 Euro einfach dazubuchen.“ Verwirrt zücke ich später in einem einsamen Moment meine Reservierung: „inklusive Kontinental-Früshtsück“ und inklusive „des Frühstück Angebot in unserem Restaurant Orania“. Das volle Paket. Das Missverständnis wird sich später klären lassen.

Kein Schreibtisch, dafür Apple-TV

Das Doppelzimmer – gebucht für zwei Personen – ist ausgestattet mit EINEM Duschtuch, EINEM Handtuch, EINEM Bademantel, EINEM paar Puschen. Naja. Und es gibt keinen Schreibtisch. Das gehört wohl zur Philosophie. Wer noch arbeiten will, muss seinen Laptop auf den Schoß nehmen. Oder ins Motel One am benachbarten Moritzplatz ziehen. Dafür gibt es im Orania Apple-TV. Für alle, die ohne Tisch nicht arbeiten können, und die freie Zeit mit Serien killen wollen.

Später werden wir zu unserem Tisch im Restaurant geführt. Es ist jener direkt vor dem flackernden Kamin. Wie romantisch. Im Winter! An diesem Abend sind es aber noch 27 Grad in Berlin. Der Kamin bollert und heizt. Wir bestellen sofort eine erfrischende Flasche Wasser. Bei Lilli. Die uns gleich auch noch sehr freundlich den Rest des fröhlich herumwuselnden Teams mit Vornamen vorstellt. Nennen Sie es aufgesetzte Service-Kumpeligkeit – ich mag so was.

Barfuß im Restaurant

Unser Vorspeisen-Erlebnis (leckerer warmer Pulpo-Artischocken-Salat und Mozzarella mit Tomate und Matcha für je 12 Euro) ist geprägt von Hitzewallungen. Dank des Feuers bin ich nach einem halben Glas wirklich guten Weißweins (0,1 Liter für 6 Euro) schon benebelt. Ich kann nicht anders und tue das, was ich das letzte Mal vor zehn Jahren auf einem schlecht belüfteten Langstreckenflug getan hatte: Ich ziehe Schuhe und Socken aus und kühle meine nackten Füße an den Metallteilen der Möbel.

Barfuß im Restaurant: Kreuzberg. Dann klage ich dem vorbeifliegenden Kellner mein Leid. Er nickt lächelnd: „Ja, ich weiß. Sorry. Aber unser Kamin braucht hier drin einen leichten Überdruck, damit er nicht in den Raum reinraucht.“ Ich setze meinen Hundeblick auf: „Aber warum denn überhaupt ein Kaminfeuer bei 27 Grad?“ „Die Kamine sollen an sein. Das sieht so nett aus.“ Der Kamin bleibt an.

Zwischen Zwischengang (Parmesan-Tortelloni in Blattsalatsud für 8 Euro und Lachsforelle mit knackiger Lakritzkruste für 14 Euro) und Hauptgang (sehr zarte Kalbsbacke und Petersfisch mit Amalfi-Zitronen für je 26 Euro) gehe ich an die frische Luft. Vor der Tür laufen zwei junge Männer vorbei und gucken beeindruckt lachend durch die Fenster in den Orania-Salon mit dem Pianisten live auf der kleinen Bühne in der Mitte. Einer sagt: „Krass, oder? Vor Kurzem hing vorm Eingang ein Schild mit dem Text: Früher haben wir noch Steine geworfen.“

Ich gehe zurück ans Feuer, da kommt der Hauptgang. Der Kellner erzählt: „Am ersten Mai bleibt das Hotel geschlossen. Falls uns jemand die Scheiben einwirft.“ Mein Mund ist trocken. Am liebsten würde ich die Scheiben von innen einwerfen. Damit endlich kühlere Luft reinkommt. Aber erstens habe ich keinen großen Stein und zweitens will ich mich nicht blamieren. Ich bin ein schlechter Werfer. Dann kommt der Nachtisch (Johannisbeersorbet mit allerlei scharfen und süßen Soßenklecksen für 7 Euro).

Der Fitnessraum ist noch nicht fertig

Bevor wir uns in unser auf herrliche 22 Grad runtergekühltes Kämmerlein zurückziehen, wollen wir noch besichtigen, worauf wir uns bis zum nächsten Morgen freuen dürfen: den Fitnessraum. Im Untergeschoss halte ich meine Schlüsselkarte an die Tür mit dem Hantelsymbol. Vor uns tut sich auf: eine stockdunkle Rumpelkammer. Im Lichtkegel meiner Handy-Taschenlampe steht eine Werkbank mit einem Schraubstock. Keine einzige Hantel in Sicht. In den Ecken stehen eine Leiter und Pappkartons. Blanke Kabel ragen hervor. Dieses Gym ist noch nicht fertig. Dabei wurde und wird es auf der Website vollmundig beworben. Mit Grundriss und Aufzählung aller Trainingsgeräte. Auch in meiner Zimmerbuchung war es als „inklusive“ aufgeführt. Wie ist das möglich? Ich denke an die Diskussion, die uns und denen beim Auschecken blüht. Gute Nacht!

Das von uns gebuchte „Kontinental-Früshtsück“ inklusive „des Frühstück Angebot in unserem Restaurant Orania“ entpuppt sich als Muntermacher. Müsli, Hüttenkäse, Brot, Croissants, Butter, Marmelade, frische Säfte. Der Obstsalat besteht aus drei Sorten Melonen und Äpfeln. Das ist alles. Kein Schnittkäse, kein Schinken, keine Würstchen, kein Speck, kein Lachs, kein frisches Gemüse.

Beim Frühstück doch nicht alles inklusive

Am Nachbartisch erklärt eine ältere Dame erschüttert ihrem Mann: „Den zweiten Kaffee und Saft muss man bezahlen. Wo gibt es denn so was?“ Ich frage den Frühstückskellner nach einem Rührei. „Das kostet extra.“ „Aber wir haben doch das Frühstücksangebot inklusive.“ „Ja, damit ist dieses Kontinental-Frühstück gemeint.“ „Aber auf unserer Buchungsbestätigung steht: Kontinental-Frühstück UND das Frühstücksangebot im Restaurant Orania.“ „Ja, das ist schlecht. Da ist was schiefgelaufen. Aber ich will ja, dass Sie zufrieden sind. Wozu darf ich Sie denn noch einladen?“ Einladen? Wie gönnerhaft. Es! War! Gebucht! Schüchtern bestellen wir Eier mit gebratenen Tomaten und einen dritten Kaffee. Sonst nichts.

Immerhin: Beim Auschecken gibt es keine Diskussion über das angeblich nicht gebuchte Frühstück. Aber das Gym spreche ich an. Die junge Frau lächelt bedröppelt: „Danke für den Hinweis. Wir nehmen alles auf, was wir besser machen können.“ „Aber dass Ihr Fitnessraum nicht fertig ist, das werden Sie doch schon vor meinem Hinweis gewusst haben?“ Wir müssen alle drei lachen. Unsympathisch ist im Orania keiner.

Am Ende kostet das Zimmer wegen des Gym-Problems statt der 128 Euro nur 90 Euro. Das ist selbst für Kreuzberger Verhältnisse gar nicht teuer. Trotzdem! Das Orania passt unterm Strich irgendwie gar nicht zu den Gepflogenheiten in der Oranienstraße. Es akzeptiert nämlich Kreditkarten.

Kurz nach dem Besuch wird mir ein Fragebogen des Hotels zugeschickt. Erste Frage: Wie zufrieden sind Sie mit unserem Fitness-Angebot gewesen?

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