Eine S-Bahn-Reise : Der Ring, der uns verbindet

Eine Stunde, 37 Kilometer, 27 Bahnhöfe, sieben Bezirke: Der S-Bahn-Ring ist zugleich Partyzug und Pendlergeißel, Anziehungspunkt für Sprayer ebenso wie für Nostalgiker. Eine Rundreise auf einem Berliner Wahrzeichen.

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Heißgeliebt oder meistgehasst? Der Ring, der, wenn er fährt, ganz Berlin miteinander verbindet.
Heißgeliebt oder meistgehasst? Der Ring, der, wenn er fährt, ganz Berlin miteinander verbindet.Foto: dpa

Auf dem Weg über die Swinemünder Brücke kommen, langsamen Schrittes, die Zweifel. Eine Geschichte über die Ringbahn? Ehrlich? Im Kreis fahren, von A nach A also, ganz gemütlich, wenn jeder von A nach B hetzt? Nicht ankommen wollen, wo jeder doch gerade ankommen will? Eine Strecke so fahren, wie es sie eigentlich gar nicht gibt, weil sie niemand so erlebt: Den Ring einmal komplett – wer macht das schon, außer betrunkenen Kids in der Nacht zu Sonntag? Jetzt ist Berufsverkehr. Einsteigen, losfahren, aus dem Fenster schauen, zwischendurch immer mal wieder aussteigen. Ein unzeitgemäßes, vielleicht absurdes Vorhaben. Einmal herum, eine Stunde, 37 Kilometer, 27 Bahnhöfe, sieben Bezirke. Eine Runde Berlin, gegen den Uhrzeigersinn.

Gleich zu Beginn wird es hässlich. Eingequetscht zwischen zwei Einkaufszentren bietet der Bahnhof Gesundbrunnen wenig mehr als Stein gewordene Zweckmäßigkeit. Ein Eingangsgebäude soll demnächst endlich hinzukommen, das Baugerüst steht schon, zuvor hatte sich nur ein mickriger roter Service-Bungalow auf dem Vorplatz verloren. Aber egal, auf, hinein!

„S 42 Richtung Ring, zurückbleiben bitte!“ Türen schließen. Destination: Wedding. Hier oben, zwischen Westhafen und Schönhauser Allee fand 2002 wieder zusammen, was die Mauer einst getrennt hatte. Zum „Ringschluss am Wedding-Day“ rückte die gesamte Berliner Prominenz an. Strahlender Klaus Wowereit. Ewig her. Längst gähnt wieder der Alltag im alten Arbeiterbezirk. Missmutige Gesichter beim Ein- und Aussteigen. Der Blick die Müllerstraße hinunter zeigt drei ewig rote Buchstaben. S. P. D. Kurt-Schumacher-Haus. Ein steinernes Relikt. Die Partei, die hier einst 70 Prozent und mehr einfuhr, haben bei der letzten Abgeordnetenhauswahl, Stimmbezirk 431, von 1 081 Wahlberechtigten noch ganze 91 gewählt.

Keine Zeit für Politik. Nach Ring, zurückbleiben bitte. Mütze aus, Schal lockern, warm werden. Einen ganz eigenen Geruch hat sie, diese S-Bahn, metallen, ein bisschen säuerlich auch, nicht zu verwechseln mit der muffig-warmen U-Bahn. A propos U-Bahn: Heller ist es hier als dort, weiter auch, man hat mehr Platz, und, klar, mehr Aussicht. Über Westhafen und Beusselstraße geht es zur Jungfernheide. Es dominieren große Flächen, hier wird gearbeitet statt gewohnt. Hellweg, Bühnenverleih, Güterwaggons. In der Wellblechwelt ein bisschen alter Backsteinprunk. Behala Westhafen, Gewerbelinie Ring. Beim Halt in Jungfernheide meint man, den Zug schnaufen zu hören. Großes Umsteigen, U7, nach Spandau und Rudow. Dann geht’s nach Süden, scharfe Linkskurve, und rechts tauchen die Märchentürme der Westend-Kliniken auf.

DER RINGBAHN-ROMANTIKER

Als erster Treffpunkt ist gewählt: der S-Bahnhof Westend, Spandauer Damm, Ausfallschneise, irgendwo zwischen Schloss Charlottenburg und Ikea. „Ich war immer ein Liebhaber der Verkehrsmittel“, sagt Jürgen Meyer-Kronthaler. Seit 25 Jahren schreibt der ehemalige Rias- und heutige Deutsche-Welle-Redakteur, „kurz jmk“, für die „Berliner Verkehrsblätter“, kurz „BV“. Eine der zwei großen Liebhaber-Zeitschriften im Berliner Raum. Im Ostteil sind zu Mauerzeiten noch die „Verkehrsgeschichtlichen Blätter“ entstanden, kurz „VB“. Für den Laien kaum zu unterscheiden. Im Lokal „Zur Haltestelle“ trinkt man Schultheiss vom Fass. Das Interieur: Asbach-Uralt-Leuchtreklame, Holzvertäfelung, Wagenrad-Kronleuchter, dunkle Gemälde in Goldrahmen. Unter der Decke: Rettungsring, Fischernetz und Gitarre – Freddy-Quinn-Ensemble. Hinterlegt ist das alles mit 105,5 Spreeradio. Wir sind, kurz gesagt, in einem dieser großartigen Altberliner Saufläden.

Das Leben von Meyer-Kronthaler, Jahrgang 1950, große randlose Brille, Seitenscheitel, Sakko über Pullunder über Hemd, ist ein Leben in und mit der Bahn. Erster Bänderriss, Ehrensache, beim Abspringen vom fahrenden Zug. Gute, alte Zeit. Meyer-Kronthaler erzählt von früher. Von den Knutschtouren der Nachkriegszeit, als Pärchen sich in die meist leeren Mutter-Kind-Abteile verkrochen. Von seinem Heimatbahnhof, Halensee, der früher noch so einen schönen großen Glasvorbau hatte. Und vom ursprünglichen Namen: „SS-Bahn!“, sagt Meyer-Kronthaler und lehnt sich zurück. Klug gesetzte Kunstpause. „Kurz für Stadtschnellbahn.“ Puh. Das alte Kürzel spuckte der Volksmund im Laufe der Vierziger recht schnell wieder aus. Darauf ein großer Schluck.

„Können Sie mal die Luft aus den Gläsern lassen?“ Schwieriges Thema jetzt: die S-Bahn nach dem Krieg. „Schon allein aus Daffke hab ich die genommen“, sagt Meyer-Kronthaler. Denn die Elterngeneration boykottierte „Ulbrichts Stacheldrahtbahn“ nach 1961. Betrieben wurde sie weiterhin von der Reichsbahn, gefahren von linientreuen DDR-Bürgern. Die S-Bahn, ein Kuriosum des Kalten Kriegs: „Ein maroder, rumpelnder, total überalterter Wagenpark“, sagt Meyer-Kronthaler. Als die Stones-Fans 1965 die Waldbühne verwüsten, werden auf der Heimfahrt die Züge gleich mit zerlegt. „Die S-Bahn war Freiwild, da war viel Kalter Krieg dabei auf beiden Seiten. Jeder Gullydeckel war politisch.“

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Einmal um den Ring mit Klaus Rühmann
Einmal um den Ring mit Klaus Rühmann

Die während der Teilung verfallenen Ringbahnhöfe wurden nach 1990 Stück um Stück wieder aufgebaut, die Strecken saniert. Trotz der andauernden S-Bahn-Krise, die auch Meyer-Kronthaler alias jmk in seiner Zeitschrift kritisch begleitet, ein versöhnliches Fazit vom Liebhaber: „Die Ringbahn ist doch ein wunderbares Symbol für die Vereinigung. Die Menschen in Ost und West haben in den gleichen Zügen gesessen. Es war ihre gemeinsame S-Bahn.“ Schöner Schlusssatz.

Doch unten auf dem Bahnsteig hat jmk, ewiger Bahnfahrer, noch einen Spruch parat. Er schaut missbilligend beim Entwerten zu, sagt: „Django stempelt nicht. Django hat Monatskarte.“

Gute Laune bei der Weiterfahrt. Die ganze Ringbahn-Romantik ist ja schon ansteckend, am Bahnhof „Messe Nord / ICC“ überfällt einen gleich der Gedanke: Wie viel schöner war doch der alte Name. Witzleben! In den Blick komm: das gemeinsame Erlebnis Ringbahn. Die Rituale: Das Wegziehen des Rucksacks vom Nebensitz, wenn sich jemand setzen will. Die stummen Codes. Das Aneinander-vorbei-Starren. Die müde Stille im Feierabendverkehr. Das Abfahrtssignal, unverkennbares „Döö-dööööö-dööp“, verewigt von Elektro-DJ Paul Kalkbrenner im Film „Berlin Calling“. Zurückbleiben bitte, Nostalgie und Spinnereien abschütteln, vorbei geht es am Flaggenmeer der Messe und dem silbernen Kongressding, vorbei am Westkreuz, das ohnehin nur zum Umsteigen taugt. Schnell weiter jetzt! Vorbei an Halensee, Pronto Autoservice, Natursteingalerie, immer neue riesige Brachflächen und das immer neue Staunen darüber, wie viel Platz diese Stadt noch hat.

Die Bahn ist jetzt fast leer. Hohenzollerndamm, Heidelberger Platz, die Häuser verändern sich, werden älter, massiver. Hier hat die Stadt plötzlich Giebel. Bürgerliches Berlin. Vor den wuchtigen Gründerzeitdomizilen, entlang der Stadtautobahn aber auch: endlose Graffiti-Galerien. Fette, bunte Buchstaben, hastig nebeneinandergequetscht. Ringbahn, Abenteuerspielplatz der Heranwachsenden. Das Licht der Öffentlichkeit meidet die Sprayerszene, ist nachtaktiv. „Trainwriting“, das Bemalen von Zügen, das ist das ultimative Wagnis für die Gruppen, es ist gefährlich, die Aktionen in Depots oder auch an Bahnhöfen sind perfekt durchgeplant – wie ein Bankraub. Das Adrenalin ist dabei fast so wichtig wie gute Farbe. Bei Youtube kann man leicht die entsprechenden Videos finden, produziert von den Crews mit narzisstischer Akribie. Üblicher Ablauf: Vermummte Gestalten stürmen aus dem Gleisbett, die Dosen in Umhängetaschen, dann stäubt schon die Farbe, teils beidhändig wird die Grundierung auf die Waggons gemalt. Ein paar Umrisse, fertig. Die Anwesenheit des Zugführers stört keinen. Was soll er machen, allein gegen zehn? Die Crew ist längst weg, bevor die Polizei auftaucht.

Hinter dem Bundesplatz geht es ein Stück hinauf zum Innsbrucker Platz. Der Blick weitet sich. Nie war er bisher größer, der graue Himmel über Berlin. Am Schöneberger Gasometer geht es in sanfter Kurve wieder hinunter, zum Südkreuz, bunte Wände all the way.

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