Einschusslöcher in Berlin : Narben im Stein

Vom 16. April bis 2. Mai 1945 tobte die Schlacht um Berlin. Viele Einschusslöcher aus den Kämpfen sind noch im Zentrum zu sehen. Sie erzählen von einer Zeit, die uns immer fremder wird. Eine Annäherung an die Gegenwart des Krieges.

Ulf Schubert
Denkmal. Die Einschusslöcher in der Villa Parey (Sigismundstraße 4a) wurden bei der Sanierung bewusst erhalten.
Denkmal. Die Einschusslöcher in der Villa Parey (Sigismundstraße 4a) wurden bei der Sanierung bewusst erhalten.Foto: William Veder

Im Ohr der Katze. Ein Loch. Im Stahlträger, ein großes Loch. Im Buch der Bibliothek ein Loch. An den Rändern der Fenster und Türen. Einschusslöcher, Risse, Splitter. Kann man noch sehen, die Einschussrichtungen, großes Geschütz, kleines Geschütz. Im Stahlbeton sind nicht so viele Löcher. Im Sandstein viele. Vor 70 Jahren kamen die Soldaten der Roten Armee und schossen zusammen mit den deutschen Soldaten Löcher, überall Löcher rein. Aber die Löcher in den Häusern verschwinden, so wie die jungen Männer alt werden und die alten Männer sterben.

Die Schlacht um Berlin dauerte zwei Wochen. 16. April bis 2. Mai 1945. In den letzten Tagen wurde um das Stadtzentrum mit dem Regierungsviertel gekämpft. Die Löcher in den Häuserfassaden sind Spuren, sind Zeugnisse dieser Kriegstage. Das war die Idee: Wir schauen uns diese Fassaden an, laufen rein in den damaligen inneren Verteidigungsring, auch Abschnitt Z genannt. Lassen sich Kämpfe rekonstruieren, gelangt man von den Löchern des Jahres 2015 zu den Soldaten der Roten Armee, zu den Soldaten der Wehrmacht?

Mein Führer heißt Nick Jackson, ist Engländer, hat in Cambridge Archäologie studiert und arbeitet heute als Stadtführer in Berlin. Er hat sich auf Touren zum Zweiten Weltkrieg spezialisiert. Jeden Tag läuft er auf den Spuren der Vergangenheit, des Krieges, fünf Stunden durch das Berliner Zentrum. Seine Gäste, viele Engländer, mögen schaurige Nazigeschichten. Immer noch. Ehrlich gesagt, er sei sie ein bisschen leid, sagt Nick, die Kunden aus England, die ihre Identität suchen und sie im Nazikrieg finden.

Nick nennt die Einschusslöcher Narben. Was macht man mit den Löchern in den Häuserfassaden, soll man ihr Verschwinden aufhalten? Aber wenn man die Löcher lässt, dringen vielleicht auch Feuchtigkeit und Frost ein, für das Mauerwerk wäre das irgendwann verheerend. Viele Häuser werden saniert. Geschichte wird gedämmt. Nick sagt: Man spachtelt die Geschichte zu. Geschichte verschwindet hinter neuen Fassaden.

Narben im Stein: Einschusslöcher im Berliner Zentrum
Wie erinnern, wie erzählen? Tagesspiegel-Autor Ulf Schubert (links) und Stadtführer Nick Jackson erkunden zusammen die Spuren des Zweiten Weltkriegs im Berliner Zentrum.Weitere Bilder anzeigen
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01.05.2015 14:17Wie erinnern, wie erzählen? Tagesspiegel-Autor Ulf Schubert (links) und Stadtführer Nick Jackson erkunden zusammen die Spuren des...

Mein Spaziergang mit Nick ist eine Suche, und ich merke, dass ich mich verlaufe. Ich werde unruhig, denke, dass es das, wonach ich suchen wollte, schon tausendfach gibt, dass jeder Fitzel dieser Geschichte kartiert ist, und dass das trotzdem manchmal nicht hilft, eine Haltung zu ihr zu entwickeln.

Mir fällt das Lied von Rainald Grebe ein:

Guido Knopp

Die Geschichte hab ich griffbereit
Wie eine Tafel Schokolade
Ich zieh sie aus der Tasche
Wenn ich Hunger auf sie habe
Jam, jam, jam, das schmeckt so gut
...
Hitlers Helfer, Hitlers Frauen
Hitlers letzte Sekretärin
Hitlers Hund
...
Ich sitz vor der Geschichte
Es ist irgendwie nicht meine
Bitte, Guido, bitte, bitte
Ich hätte so gerne eine
...
Geschichte ist so geil
Ich wär so gern dabei gewesen

Im Jahr 2015: Nicht viele Menschen am Landwehrkanal. Hier laufen wir los. Am Mittag: Ein Mann sitzt am Ufer des Kanals und füttert Schwäne mit Brot. Er hat einen Lieblingsschwan. Er nennt ihn Ciccio. „Ciccio, komm her, komm her, komm an Land.“ Harmlose Gegenwart. Schon vorbei. Wird so nicht wieder vorkommen.

Wie viele der Soldaten von damals leben heute überhaupt noch? Vor zehn Jahren konnte man sagen, ist ja noch nicht so lange her, der Endkampf, der Krieg, die Nazis. Das Leid. Die Geschichte ist in diesen zehn Jahren unfassbar viel weiter weggerückt als in den Jahrzehntschritten davor. Ein Soldat, der bei Kriegsende 20 war, war 2005 robuste 80. Jetzt ist er fragile 90. Oder tot. Wie mein Großvater, damals Arzt im Lazarett. Meine Mutter war drei, als er sie zum letzten Mal auf dem Arm hatte. Davon gibt es noch ein Foto.

Ich weiß noch nicht einmal, wie sich so ein Geballer anhört. Ratatatatatata, pui, pui, pui, peng, peng, pengpengpengpengpeng? So wie im Film? Arrrgh, sie haben mich erwischt? Hört sich die Schießerei im Krieg, hören sich die Geschütze, großes Geschütz, kleines Geschütz, Haubitze, hören sich die Gewehre heute anders an?

Kopflos. Die Statuen vor dem Martin-Gropius-Bau zeugen noch von den heftigen Kämpfen rund um das Gebäude.
Kopflos. Die Statuen vor dem Martin-Gropius-Bau zeugen noch von den heftigen Kämpfen rund um das Gebäude.Foto: William Veder

Am Checkpoint Charlie. Autos, Ampeln, Wind, kalt. Wir gehen weiter. 1945. Hitlers Weisung: letzter Kampf, letzte Kugel. Wir gucken an die Hauswand. Um viele Fenster herum Einschusslöcher in unterschiedlichen Formen. Ja, man sieht, in welchem Winkel Projektile und Granatsplitter auf die Mauer prallten. Vor dem Martin-Gropius-Bau stehen Statuen, auch sie haben Einschusslöcher, die vom Kampf um Berlin zeugen. Der Martin-Gropius-Bau war zerstört und wurde wieder aufgebaut. Die beschädigten Figuren mit den Einschusslöchern haben sie gelassen.

Topographie des Terrors. Ecke Wilhelmstraße. Siehst du den Wall da hinten, sieht aus wie Bauschutt? Da hinten, ja, da ist ein Wall. Das sind Reste von Häusern, die hier früher standen. Vom Gestapo-Gefängnis sieht man noch die Reste. Und DDR-Mauerreste. Die Mischung aus Zweitem Weltkrieg und DDR-Geschichte verwirrt so manche Touristen.

Hinten, in der Wilhelmstraße, war der Führerbunker. Im Garten, irgendwo da, wurde Hitlers Leiche verbrannt. 1945 hat die Führungsriege um Hitler hier den Sturm des Reichstags und der Reichskanzlei erwartet. Heute, auf unserem Weg dahin, treffen sich die Mitarbeiter einer großen Versicherung in der Kantine zum Mittagessen. Fast alle Häuser der Straße sind neu. Vom Bürgersteig aus schaue ich durch das Fenster in die Kantine. Die Leute halten Tabletts in den Händen. Essen darauf, Schälchen Nachtisch, Mandarinenstückchen stecken im Quark.

Am Abend sehe ich bei Facebook ein Foto von einer Einschussloch-Fassade bei Sascha Lobo. Er schrieb dazu:

Kind: Papa, was sind das für Löcher?
Vater: Die Fassade ist einfach kaputt.
Alte Frau aus dem Hintergrund: Das sind Schüsse. Hier war Krieg!
Vater: Jetzt erschrecken Sie doch das Kind nicht mit sowas!
Alte Frau: Grade! Grade das Kind.

Ich gehöre zur zweiten Nachkriegsgeneration, und inzwischen sind es drei Generationen später. Die Leute auf Sascha Lobos Facebookseite diskutieren darüber, wie man kleinen Kindern den Krieg erklärt, das sei so wichtig, und ob man das überhaupt machen solle, weil das Kind das sonst nicht verkraften würde, oder ob der Vater ein Weichei sei, wenn er sich davor drückt. Vielleicht, denke ich, hatte der Vater einfach kurz ganz andere Gedanken – Sorgen vielleicht, mal kurz kein Ohr für das immer fragende Kind. Ist doch auch okay. Vielleicht erklärt er dem Kind ja später einmal ganz toll den Krieg. Aber die Kommentatoren bei Facebook wissen alles ganz genau.

1945 sagt Hitler: Wenn die Deutschen den Sieg nicht schaffen, haben sie ihn auch nicht verdient. Was hat Hitler von seinen Ärzten bekommen? Nick meint: viele Drogen! Es wird von manchen Historikern gemutmaßt: Amphetamine, Kokain, Taurin, Testosteron. Hitler hat seinen Arzt sehr geschätzt. Einer von Hitlers Ärzten hat die Droge Speed für die Soldaten der Wehrmacht entwickelt. Hat Hitler sich gedopt? Dann hat er selbst nicht an sich und nicht an sein Volk geglaubt? Seine Herrenrasse hatte Doping nötig.

Stecken eigentlich noch irgendwo Gewehrkugeln im Mauerwerk? Ich habe bisher auf der Tour mit Nick keine gesehen.

Der Bunker am Anhalter Bahnhof. An der Außenwand und am Dachrand sind Beschussschäden zu erkennen. Der Bunker wurde von der Roten Armee nicht stark beschädigt, der Aufwand wäre zu groß gewesen.
Der Bunker am Anhalter Bahnhof. An der Außenwand und am Dachrand sind Beschussschäden zu erkennen. Der Bunker wurde von der Roten...Foto: William Veder

Anhalter Bahnhof. Hier hielt Hitlers Sonderzug, Deckname Amerika, sagt Nick. Es war ein schöner Bahnhof, gebaut aus vielen kleinen Ziegelsteinen. Dahinter ein grauer Bunker. Reichsbahnbunker – heute ein Gruselkabinett. Geister treiben hier ihr Unwesen. Mit Vampir, Henker, Außerirdischen und einem betrunkenem Skelett. Ein Geschoss schlug hier oben rechts im Bunker ein. Nick vermutet, da haben Soldaten im Chaos gedacht: Oh, was ist das? Schießen wir mal rein, passiert nichts, dicke Betonwände, müssen weiter, die Menschen werden da schon noch rauskommen. Die Soldaten der Roten Armee wussten, sie werden die Schlacht gewinnen, stellten erst einmal Wachen vor den Bunker. Die Schlacht um Berlin war ein aussichtsloser Kampf der deutschen Verteidiger.

Nick erzählt eine Geschichte: Nach einem Bombenangriff kam ein Mädchen aus dem Bunker. Anhalter Bahnhof. Und es war Frühling, und drumherum war auf einmal alles weg. Alles zerstört. Stille. Und jetzt ist das hier ein ruhiges Viertel.

Potsdamer Platz. Weinhaus Huth. Einziges altes Gebäude. Ein Laden mit Tradition. War drumherum auch alles zerstört, Ruinen. Wir laufen am Weinhaus vorbei. Nick hat Baedeker-Reiseführer von 1898, da steht drin, dass es im Traditionsladen Huth frittierte Muscheln mit Ketchup gab. Irgendwie ekelhaft, oder? Nick: Das interessiert mich, das Essen von damals. Ich wollte sehen, ob es schon Currywurst gab. Dass Curry vor 1945 im Angebot war, das sei ja klar.

Zeitreise zur Stunde Null
Die Kreuzung Martin-Luther-Straße/Grunewaldstraße in Schöneberg blockierte vor 70 Jahren ein abgeschossener Jagdpanzer der Wehrmacht.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Alexander Kupsch/Landesarchiv Berlin
01.05.2015 21:37Die Kreuzung Martin-Luther-Straße/Grunewaldstraße in Schöneberg blockierte vor 70 Jahren ein abgeschossener Jagdpanzer der...

Häuserschluchten des Potsdamer Platzes. Wir laufen an der Philharmonie vorbei. Damals war die Philharmonie noch in Kreuzberg. Nick erzählt mir die Geschichte vom letzten Konzert, Beethovensaal, Köthener Straße, 16. April 1945. Die findet er sehr bewegend. Ich glaube sie nicht wirklich, denke, die Engländer mögen skurrile Geschichten. Stereotype, klar. Also: letztes Konzert der Philharmoniker, drumherum die Zerstörung, drinnen sitzen sie und hören der Musik zu. Wagner oder was? Nick, wer ging denn in dieser Zeit noch in die Philharmonie? Nick: Nach dem Konzert standen Hitlerjungen draußen vor der Tür und verteilten Zyankali-Kapseln. Ist doch bestimmt Quatsch, Nick, oder? Nee, nein, das ist alles wahr.

Wir laufen weiter, bleiben stehen, vor einem weißen Haus, es gehört zu Kunstbibliothek und Gemäldegalerie. Spektakulär: Die Fassade ist voller Einschusslöcher. Ein schönes Haus, die 1896 erbaute „Villa Parey“ in der Sigismundstraße 4a. Um die Fenster und Türen sind besonders viele Einschusslöcher. Es gibt nicht mehr viele Häuser, die so aussehen. Die Löcher in der Fassade der Stadtvilla wurden bei der Sanierung bewusst so sichtbar gelassen, als Symbol für die Brutalität des Krieges. Keine tiefen Löcher, sondern viele, nicht so groß, kleines Maschinengewehr.

Denkmal. Die Villa Parey in der Sigismundstraße hinter dem Kulturforum hat auch nach ihrer Sanierung alle Einschusslöcher behalten - als "Wunden der Erinnerung".
Denkmal. Die Villa Parey in der Sigismundstraße hinter dem Kulturforum hat auch nach ihrer Sanierung alle Einschusslöcher behalten...Foto: William Veder

Deutschland 2015. Europa 2015. Wenn wir uns jetzt in die Vergangenheit beamen könnten und auf dem Weg zum Reichstag wären, dann wäre da hinten der Endkampf, und wir wären, wie jetzt auch, im Tiergarten. Nur ein paar hundert Meter entfernt würden sowjetische Soldaten den Reichstag stürmen. So wie am 30. April 1945. Über die stark beschädigte Moltkebrücke waren die Rotarmisten zuvor über die Spree gelangt.

Die Soldaten, die Stille, wir laufen weiter durch den Park. Nick: Keine Marmorleichen mehr da. 1945, sagt Nick: Überall diese weißen Marmorleichen, angeschossene Statuen im Tiergarten an der Siegesallee. Arme, Beine abgeschossen, Köpfe lagen links und rechts am Weg.

Nick war letztens in Paris. Er hat unbewusst nach Kriegsnarben an den Häusern gesucht, aber sie waren nicht zu finden. Die Kämpfe waren hier in Berlin. Augenzeugen: junge Flakhelfer, Hitlerjungen, von denen gibt es noch ein paar. Sie waren in der Verteidigung. Die jungen Frauen von damals, sie harrten aus, hörten die Schüsse. Nun stehe ich hier. Es ist so viel Himmel über Berlin. Nick sagt: Touristen finden es faszinierend, dass die Löcher immer noch da sind, die Spuren des Krieges.

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