Einzelkandidat für die Bundestagswahl : Die Hoffnung auf 966 Stimmen

Markus Beckmann tritt als Einzelkandidat für den Bundestag an. Der Informatiker und Pazifist wirbt mit radikalen Forderungen für sich.

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Parteilos, Christ, Pazifist. Markus Beckmann kämpft in Prenzlauer Berg Ost um Stimmen.
Parteilos, Christ, Pazifist. Markus Beckmann kämpft in Prenzlauer Berg Ost um Stimmen.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Am Montag und Dienstag ist Markus Beckmann in Dresden, das geht nicht anders, da führt nun wirklich kein Weg dran vorbei. Ja, klar ist in drei Wochen schon Bundestagswahl, und selbstverständlich kämpft der Direktkandidat Beckmann, Wahlkreis 83, Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg Ost, um jede Stimme. Nur nicht am Montag und Dienstag. „Da feiere ich meinen Hochzeitstag.“ Es gibt ja auch noch ein Leben außerhalb der Politik. Aber deshalb verringert sich doch nicht Beckmanns größte Motivation. „Ich möchte meinen Stimmenanteil im Vergleich zur Wahl 2013 verdoppeln.“ Dann hätte er 966 Stimmen.

Markus Beckmann, 29 Jahre, Informatiker, fest angestellt, wuschelige Frisur, freundliches Auftreten, ist Einzelkandidat. Ohne Helfer einer Partei, ohne Apparat im Hintergrund. Oder sollte man besser sagen: Er ist ein hoffnungsloser Fall? Politisch gesehen? Ein Mann, den die Hoffnung auf 966 Stimmen treibt? Auf 0, x Prozent?

966 Menschen, die seinen Ideen folgen

Beckmann sitzt vor einer Kräuterlimonade in einem Café an der Frankfurter Allee und hat ein ganz anderes Bild vor Augen. Er sieht 966 Menschen, die seinen Ideen, seinen Thesen, seinen Hoffnungen folgen. 966 Menschen, die er mit seinen Plänen und Gedanken so sehr erreicht hat, dass sie ihn wählen, obwohl sie wissen, dass ihre Stimme damit verloren ist. „Wenn man sich das physisch vorstellt, ist das ziemlich viel.“

Ein netter Kniff, er bricht das große Ganze erst mal runter. Wenn er redet, verbindet er Utopien mit der realen Gedankenwelt. Das unterscheidet ihn von Typen, die missionarisch in die eigenen Illusionen und wirren Vorstellungen verliebt sind und für Zweifel keinen Platz lassen.

Natürlich weiß Beckmann, dass er keine reelle Chance hat, in den Bundestag einzuziehen. Aber er will Leute dazu zwingen, Themen zu diskutieren, seine Themen. Die sind ja umstritten genug. Er will, dass Deutschland aus der Nato austritt und „die frei werdenden Mittel für Bildung und Entwicklungshilfe“ ausgegeben werden. Er möchte ein bedingungsloses Grundeinkommen, gleiche Steuersätze für alle Unternehmen (egal ob Handwerksbetrieb oder Großkonzern) und Strafzölle für Produkte aus Ländern, die den Terrorismus finanzieren. Eine Mischung aus utopischen Vorstellungen und Forderungen, die viele Menschen unterstützen.

Manche Punkte vertreten teilweise auch andere Parteien, im Grunde genommen könnte er eine von ihnen ankreuzen. Aber Beckmann, der Pazifist, der Katholik, „den die Werte des Christentums geprägt haben“, kann mit den Parteien nicht. Die CDU? Nicht sozial genug. Die Linke? Kein Thema mehr, seit er von Sahra Wagenknecht gehört hat, dass die Linke eine Lösung in der Verstaatlichung der Banken sehe. „Ich mag die soziale Marktwirtschaft“, sagt Beckmann, „da bin ich eher bei der FDP.“ Aber natürlich nicht ganz. Zu marktradikal, die Liberalen. Beckmann fühlt sich also nirgendwo ganz aufgehoben.

Das ist dann einer der Punkte, bei denen er ins Utopische abdriftet. Die anderen Parteien sind für ihn keine Alternativen, weil die nur 60 oder 70 Prozent ihrer Wahlversprechen durchsetzen könnten. „Aber ich will 100 Prozent.“ 100 Prozent? In einer Demokratie?

Kompromisse sind das Wesen der demokratischen Politik. Nach kurzem Zögern räumt Beckmann ein, dass er einer Wunschvorstellung nachjagt mit seinem Anspruch. „Ich gebe zu, 100 Prozent geht nicht.“ Er windet sich noch etwas, dann sagt er fast trotzig: „Aber die Grundausrichtung der großen Partien betrachte ich als falsch.“

Das erzählt er auch den Leuten, die er im Park anspricht und denen er seine Flyer in die Hand drückt. Beckmann wirbt gern im Park für seine Ideen. „Da sind die Leute entspannt und können nicht so leicht davonlaufen.“ Persönliche Gespräche sind sein stärkstes, besser gesagt: fast einziges PR-Mittel. Er hat noch 120 Plakate, die er noch mit Freunden aufhängen wird, aber sonst? Nichts. Er muss den Wahlkampf schließlich komplett selber finanzieren.

Ein 18-Jähriger schockiert den Pazifisten Beckmann

Im Park vor allem hat er auch die Stimmen gesammelt, die er braucht, damit er überhaupt kandidieren darf. 200 Menschen aus seinem Wahlkreis mussten unterschreiben, einmal hat er durch Zufall welche getroffen, die schon 2013 für ihn unterschrieben und ihn sogar gewählt haben. Das sind die positiven Erfahrungen.

An negativen mangelt’s aber auch nicht. Eine Gruppe von Leuten betrachtete ihn mit seinen teils radikalen Thesen offenbar als Systemveränderer und herrschte ihn an, er sei ja selber Teil des Systems, wenn er hier zur Wahl antrete. Aber das war nichts gegen die Diskussionen mit dem 18-Jährigen, den Beckmann – ebenfalls im Park – traf. Da war er regelrecht „schockiert“. Ausgerechnet dieser 18-Jährige, der Beckmann über lange Zeit in allen Punkten zugestimmt hatte, ausgerechnet der teilte dem Pazifisten Beckmann mit, „dass er in den Krieg ziehen und für sein Land sterben würde“. Beckmann lieferte alle Argumente, die ihm einfielen, „aber ich konnte ihn nicht überzeugen.“

Gut, das ist Teil des Wahlkampfs, ans Aufgeben hat er jedenfalls nie gedacht. Und den Kern des System will der Naturwissenschaftler auch gar nicht ändern, im Gegenteil. „Wenn man nicht aufpasst“, sagt er, „kann man die Demokratie verspielen.“ Damit das nicht passiert, kämpft der Direktkandidat Beckmann, Wahlkreis 83, Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg Ost, um 966 Stimmen.

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