Einzige Berliner Passagierin : Charlottenburgerin überlebte den Untergang der Titanic

Zehn Jahre lang erforschte Gerhard Schmidt-Grillmeier das Leben der einzigen Berliner Passagierin der Titanic. Antoinette Flegenheim aus der Windscheidstraße überlebte im ersten Rettungsboot. Der Reederei stellte sie später eine saftige Rechnung.

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Kaum eine Katastrophe bewegt die Menschen auch nach 100 Jahren noch so sehr wie der Untergang der Titanic. Am 15. April 1912 sank der Luxusliner im Atlantik. 1514 Menschen starben. Eine Berlinerin hat überlebt.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
08.04.2012 12:27Kaum eine Katastrophe bewegt die Menschen auch nach 100 Jahren noch so sehr wie der Untergang der Titanic. Am 15. April 1912 sank...

Sie war ja nicht zum ersten Mal von zu Hause weg. Antoinette Flegenheim wusste, was es hieß, allein das Unverzichtbare einer vermögenden Witwe für eine Transatlantikreise zusammenzustellen: Die Diamanten-Lorgnette musste mit, die goldene Tasche mit den Saphiren, die Smaragd-Brosche in Form einer Eidechse. Alfred, der Mann, der sie vor über 20 Jahren am 1. November 1890 in Manhattan geheiratet und ihr sein Vermögen hinterlassen hatte, war jetzt viereinhalb Jahre tot. Nach den Jahren, die sie mit ihm im solventeren Teil von New York verbracht hatte, nach Jahren des Pendelns zwischen Amerika und Europa auf Schiffen, die „Suevia“ hießen, „Kaiser Wilhelm II“, „La Savoie“ und „Kronprinz Wilhelm“, war sie wieder nach Charlottenburg gezogen: Windscheidstraße 41, zweiter Stock.

Im April 1912 packt sie auf ein Neues ihre Koffer für Amerika. Hinein kommt der Fuchsschwanz, drei seidene Petticoats, vier aufwendige Nachthemden und drei einfache. Das Erste-Klasse-Ticket mit der Nummer 17598 hatte sie 31 Pfund, 13 Schilling, 8 Pence gekostet. Und dieses Mal würde sie die „Titanic“ nehmen.

Die Berliner Passagierin Antoinette Flegenheim konnte gerettet werden. Dies ist das einzige überlieferte Bild der Witwe, erschienen am 19. April 1912 im "Berliner Lokalanzeiger".
Die Berliner Passagierin Antoinette Flegenheim konnte gerettet werden. Dies ist das einzige überlieferte Bild der Witwe,...Foto: Sammlung Gerhard Schmidt-Grillmeier

Knapp 100 Jahre später sitzt Gerhard Schmidt-Grillmeier in seiner großzügigen Wohnung und blickt auf den Berliner Kreuzberg, der ihm in all den Jahren kein bisschen entgegengekommen ist. Er ist Mitglied des deutschen Titanic-Vereins, begeisterter Kreuzfahrer, im fortgeschrittenen Alter, Ahnenforscher, ausgebildeter Sozialarbeiter und der Mann, der die einzige Berliner Passagierin der Titanic am genauesten kennt. Die letzten zehn Jahre hat er damit verbracht, ihr Leben zu erforschen. Was die Recherche erschwerte, waren ihr nomadischer Lebensstil, ihre Hochzeiten, gefolgt von Namensänderungen, der Ausbruch zweier Weltkriege und ihre eitle Marotte, sich gelegentlich ein paar Jahre jünger zu machen, als sie war.

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Titanic-Film von 1912 "In Nacht und Eis"
Titanic-Film von 1912 "In Nacht und Eis"

Antoinette Flegenheim, an Bord gegangen in Cherbourg, am 14. April 1912 eingeschlafen gegen 22 Uhr in Kabine 8 auf Deck D, wacht keine zwei Stunden später wieder auf durch ein schlagendes und ein schleifendes Geräusch. Lauschen. Pantoffel. Nach dem Klingeln kommt kein Steward. Sie sucht ihre Bekannte Blanche Greenfield in deren Kabine auf, hört von einer Kollision, soll sich anziehen und an Deck kommen. Schwimmweste. Offizier Murdoch fängt ihren Hut auf. Fast leeres Deck. Rettungsboot Nummer sieben ist das erste, das die Titanic verlässt.

Erst unten auf dem Wasser sehen sie, wie das Schiff nach vorne absackt. Erst von ferne hören sie die Schreie der Opfer. Erst mehrere Stunden später sammelt die „Carpathia“ sie auf.

Mit einem Schlag, der der Aufprall eines Eisbergs war, wird eine zufällig versammelte Anzahl unterschiedlichster Menschen zu einem abgeschlossenen Sammelgebiet: Ihre Lebenswege, Motive, Charaktere, Äußerungen, Besitzverhältnisse, ihre Rettungsbootnummern und ihre Todesart werden Ziel der akribischen Recherche besessener Laien. Schmidt-Grillmeier kommt es vor, als wäre aus der damaligen Gesellschaft eine Probe gezogen worden – die Reichsten waren versammelt und die Armen auch. Dieser Ausschnitt der Gesellschaft versinkt im Meer wie kurze Zeit später ganz Europa im Ersten Weltkrieg.

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