Einzige Moschee in Potsdam zu klein : Freitagsgebet auf dem Bürgersteig

Die Zahl der Muslime in Potsdam wächst, aber in der Stadt gibt es nur eine Moschee. Gläubige beten dort vor der Tür. Das ruft die AfD auf den Plan.

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Andrang. Die einzige Moschee Potsdams befindet sich in einer Ladenzeile in der Innenstadt.
Andrang. Die einzige Moschee Potsdams befindet sich in einer Ladenzeile in der Innenstadt.Foto: Henri Kramer

In die Defensive gedrängte Muslime, verärgerte Anwohner und neuerdings noch AfD-Vertreter auf Stimmenfang: Die wachsende Teilnehmerzahl beim Freitagsgebet in der viel zu kleinen Al-Farouk-Moschee in der Potsdamer Innenstadt birgt Konfliktstoff. Inzwischen sind wegen der begrenzten Räumlichkeit in der Straße Am Kanal einige Hundert Gläubige gezwungen, außerhalb zu beten – auf Teppichen auf dem Gehweg in der Ladenzeile, vor dem geöffneten Fenster.

So war es auch am vorigen Freitag ab 13 Uhr. Die Räume der einzigen Moschee in der Stadt – gelegen in einer früheren Wäscherei im Erdgeschoss eines Wohnblocks, rund 100 Quadratmeter groß – waren längst voll von Gläubigen. Der verantwortliche Verein der Muslime in Potsdam hatte vorgesorgt und zwei metergroße grüne Teppiche auf dem Gehweg ausgebreitet und mit Flatterband abgesperrt. Außerdem wachten drei Ordner in Warnwesten beim Gebet, das über Lautsprecher nach draußen übertragen wurde. Am Ende waren es etwa 200 Menschen, die eine halbe Stunde gemeinsam beteten.

Passanten gehen kopfschüttelnd vorbei

Passanten und Anwohner reagierten zum Großteil befremdet. Einige Fußgänger liefen kopfschüttelnd vorbei, ein Mann im Anzug murmelte: „Was ist nur aus Deutschland geworden?“ Eine Nachbarin, die mit anderen Anwohnern das Gebet von einer Bank aus verfolgte, sagte, so dürfe es nicht weitergehen. Viele Anwohner würden sich mittlerweile belästigt fühlen.

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Das Haus, in dem sich die Moschee befindet, gehört der städtischen Bauholding Pro Potsdam. Bislang gebe es nur eine offizielle Beschwerde von einem Laden nebenan, wie eine Sprecherin bestätigte. Zugleich betonte sie, dass das Unternehmen schon rein rechtlich nicht gegen ein Gebet vorgehen könne. In den vergangenen Wochen hatte es zudem in Potsdam-Gruppen auf Facebook mehrfach Debatten wegen der wachsenden Zahl der Gläubigen vor der Moschee gegeben – häufig unsachlich geführt.

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Die AfD baut ihren Stand auf

Erstmals versuchte am Freitag die AfD, die Situation zu ausnutzen. Etwa 100 Meter entfernt hatte der Landesverband einen Werbestand bei der Polizei angemeldet, die mit mehreren Einsatzwagen zur Stelle war. Anlass für die AfD-Aktion war das Beten von Moslems auf dem Bürgersteig, also im öffentlichen Raum“, wie es im internen Aufruf an die Parteimitglieder hieß, zu dem Stand zu kommen und dort zu helfen. Man wolle „die Stimmung der Bevölkerung auffangen und Flagge zeigen“. So sprach denn auch Steffen Kotré vom AfD-Landesvorstand am Freitag von „Bauchschmerzen“ angesichts der Situation. Man müsse nicht jede Form der Religionsausübung tolerieren. Stören wolle man die Gläubigen aber nicht, betonte Kotré.

Minuten später verließen er und ein Teil der AfD-Vertreter jedoch den Werbestand in Richtung der Betenden, um in deren Nähe Handzettel zu verteilen. Darin auch einer der Kernsätze des AfD-Programms: „Ein Islam, der unsere Rechtsordnung nicht akzeptiert, gehört nicht zu Deutschland.“ Kurze Zeit später baten Polizisten die AfD-Vertreter, wieder zu ihrem Stand zurückzugehen. Diese leisteten dem Folge. Später hieß es aus Parteikreisen, dies solle nicht die letzte Aktion zum Freitagsgebet gewesen sein.

Muslime sind irritiert

Die Muslime vor Ort reagierten irritiert. Abdul Zran, einer der Ordner, sagte, man versuche die Einschränkungen für Passanten und Nachbarn so gering wie möglich zu halten. Unter den Gläubigen seien viele Flüchtlinge, die vor Krieg und Zerstörung geflohen seien – und nun im Asyl einen Platz benötigten, um ihre Religion auszuüben. Zudem verglich er, sichtlich aufgewühlt, die Anfeindungen, denen Muslime heute ausgesetzt seien, mit jener Stimmungslage, die sich in Deutschland schon einmal gegen die Juden entwickelt habe.

Die Stadt versprach Hilfe bei der Suche nach Räumen

Dass die Räume der einzigen Potsdamer Moschee viel zu klein sind, ist schon seit einem Jahr bekannt. Im Oktober 2015 hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ein Freitagsgebet besucht und den Muslimen die Hilfe der Stadt versprochen. „Das Raumproblem muss gelöst werden“, sagte er damals. Doch passiert ist bislang – nichts. Ein geeigneter Raum habe sich bisher nicht finden lassen, gab Stadtsprecher Stefan Schulz zu. Mit Sorge betrachte er, dass nun die AfD dort aktiv sei. Man werde den Verein weiter bei der Suche unterstützen, sagte Schulz.

Auch der Imam der Moschee, Kamal Abdallah, sagte, bei der Suche nach einem anderen Standort hätte sich bisher leider nichts ergeben. „Wir brauchen keinen Luxus“, sagte der Chef des Vereins. Bei schlechtem Wetter sei man inzwischen gezwungen, das Freitagsgebet zweimal nacheinander stattfinden zu lassen, weil dann weniger Menschen auf dem Gehweg stehen können. Dass sie dort stehen müssen, mache Anfeindungen leicht. Abdallah sagte, vor einigen Wochen sei sogar ein Stein in Richtung der Betenden geworfen worden. Aber es gebe auch positive Beispiele: Andere Passanten reagierten freundlich: „Die Leute sind eben unterschiedlich.“

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