Berlin : Eklat beim Kindermord-Prozeß: Eltern mußten draußen bleiben

KATJA FÜCHSEL

BERLIN .Der Prozeß um einen der spektakulärsten Mordfälle der letzten Jahre begann gestern mit einem Eklat.Der achtjährige Daniel war im Winter 1994 von zwei Männern sexuell mißbraucht und anschließend getötet worden.Nachdem das Gericht die Eltern als Nebenkläger abgelehnt und auch die Öffentlichkeit zum Schutze des damals noch minderjährigen Täters ausgeschlossen hatte, brach die Mutter des Jungen weinend zusammen.

Der Gang ins Moabiter Kriminalgericht war den Eltern sichtlich schwergefallen.Sie hatten ihn auf sich genommen, um den mutmaßlichen Mördern ihres kleinen Sohnes "einmal in die Augen zu schauen".Um zu erfahren, "was damals wirklich geschehen war in dieser Wohnung".Die Entscheidung des Gerichts stieß bei Daniels Mutter auf Fassungslosigkeit."Es kann doch nicht sein, daß die Täter mehr Rechte als die eigenen Eltern haben!" rief die Frau weinend über den Gerichtsflur.

Blaß und schmal sind die beiden Männer, die den achtjährigen Jungen erwürgt haben sollen; das dünne Haar tragen sie vorne kürzer als hinten.Der Anklage lauschten Sandro P.und Jens A.mit unbewegten Mienen.Nach der Version des Staatsanwaltes waren der heute 21jährige und 28jährige am zweiten Weihnachtsfeiertag 1994 mit einem Opel in Prenzlauer Berg unterwegs, als sie am Kollwitzplatz den spielenden Daniel entdeckten und ihn mit einer kleinen Summe Bargeld in das Auto lockten.

In der gemeinsamen Schöneberger Wohnung erhöhten die Männer ihr Angebot, woraufhin sich der Junge im Schlafzimmer ausgezogen habe.Jens A.verging sich dann im Beisein seines Liebhabers an dem nun zappelnden und schreienden Kind.Als Daniel weinend ins Wohnzimmer rannte, befürchtete Sandro P., daß die Nachbarn aufmerksam werden könnten.Er warf das Kind auf den Boden und würgte es, "bis Blut aus der Nase drang".Jens A.bekam davon im Schlafzimmer zunächst nichts mit.Später transportierten beide die Leiche auf eine Mülldeponie in Brieselang bei Falkensee.Dort wurde Daniel Beyer am 28.Dezember entdeckt.

Erst dreieinhalb Jahre später kam den Fahndern "Kommissar Zufall" zu Hilfe.Im vergangenen April meldete sich ein 16jähriger auf einem Polizeiabschnitt in Neukölln: Jens A., mit dem er seit kurzem in Schöneberg zusammenlebe, habe ihm berichtet, sein früherer Lebensgefährte habe vor Jahren ein Kind ermordet.Bei den beiden arbeitslosen Tätern handelt es sich um Männer, die seit Jahren im Strichermilieu verkehren.Nach seiner Festnahme legte Sandro P.ein umfassendes Geständnis ab.

Als Sandro P.das Kind in seiner Wohnung zu Tode würgte, war er selbst 17 Jahre und zwei Monate alt.Nach dem Gesetz genießt er deshalb besonderen Schutz: Der Prozeß wird vor einem Jugendgericht verhandelt, eine Nebenklage der Eltern ist nicht möglich, und die Zuschauer wurden gestern nach der Anklageerhebung des Saales verwiesen."Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen, um die Bloßstellung des Angeklagten zu vermeiden", sagte der vorsitzende Richter.Schließlich würden im Prozeß Einzelheiten aus dem Intimbereich des damals noch minderjährigen Täters zur Sprache kommen.Wenn sich der Angeklagte in öffentlicher Verhandlung gehemmt fühle, sei die "Wahrheitsfindung" gefährdet.

Den Eltern werden Sandro P.und Jens A.aber dennoch in die Augen blicken müssen.Am 1.Februar sollen sie als Zeugen gehört werden, anschließend können sie ihr Recht geltend machen, dem Prozeß beizuwohnen."Bisher haben wir noch nicht einmal eine Anklageschrift zu sehen bekommen", sagt Daniels Stiefvater.

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