Berlin : Elektrobeats und Koranverse

Beim Inssan-Festival in Tegel feierten Tausende Muslime Und das freute auch die Politik. Nur ums Kopftuch wurde gestritten

Lars von Törne

So poppig kann der Glaube sein. „Willst Du wissen, was Islam ist, schlag den Koran auf“, rappt Hip-Hopper Ammar114 zu dröhnenden Elektrobeats. Die rund fünftausend Zuschauer klatschen im Takt. Die Sonne strahlt über der Festwiese am Kurt-Schumacher-Damm, den Sonntag über strömen Besucher zum Inssan-Festival, dem laut Veranstalter größten muslimischen Event Deutschlands. Vor allem Jugendliche und junge Familien wippen zur Musik, Araber und Türken, Nordafrikaner und Deutsche. „Wir sind Deutschland“, singt Ammar114, und die Menge jubelt. Die Älteren stehen an den Ständen beisammen, trinken Tee, essen türkische oder arabische Süßigkeiten, plaudern. „Islam ist Frieden“, steht auf Buttons an ihren Jacken, es gibt religiöse Bücher, CDs und für die Kinder „Rozanne“, eine Barbiepuppe mit Kopftuch.

„So eine Veranstaltung für alle Muslime gab es noch nie in Berlin“, sagt Fatih Haslak, der mit seinem zur Islamischen Föderation gehörenden Verein Spenden sammelt, um die Mevlana-Moschee in der Skalitzer Straße auszubauen. „Dieses Festival sollte man jedes Jahr veranstaltet.“ Sogar die Vertreter der CDU, deren Neuköllner Baustadträtin sich derzeit mit dem Festivalveranstalter Inssan wegen eines geplanten Begegnungszentrums streitet, sind voll des Lobes. „Der Verein macht eine gute Arbeit und bringt unterschiedliche Gruppen zusammen“, sagt Nader Khalil, CDU-Mitglied und BVV-Kandidat in Nord-Neukölln. Er wirbt um muslimische Wähler. Zuspruch bekommen die Vereine, die hier ein neues islamisches Selbstbewusstsein vertreten, auch von den fünf Politikern, die zwischen den Bands und Tänzern auftreten. „Muslime gehören zu unserer Stadt, aber wir brauchen mehr Austausch, damit die Fremdheit weggeht“, sagt Innensenator Ehrhart Körting (SPD).

Beim Thema Kopftuch kommt es zu Pfiffen. Viele der Fragen aus dem Publikum drehen sich darum. „Wieso bekomme ich keine Arbeit, wenn ich mich mit Kopftuch bewerbe“, fragt eine Frau. Körting auf Gratwanderung: Diskriminierung müsse verfolgt werden. Aber im öffentlichen Dienst müsse der Staat neutral sein, da passe ein Kopftuch nicht. Das ärgert Kristiane Backer, Ex-MTV-Moderatorin und Neu-Muslimin: „Viele Musliminnen fühlen sich ohne Tuch nackt vor Gott“, sagt sie unter Beifall. Ähnlich viel Beifall bekommen Frager, die kritisieren, dass die Bundesregierung sich im Nahost-Konflikt zu sehr auf Seiten Israels stelle.

Höhepunkt ist Sami Yusuf. Das Publikum empfängt den muslimischen Pop- Star am Abend mit frenetischem Jubel. Hunderte singen seine Texte mit, die von der Liebe zu Allah und Frieden handeln. Sein aktuelles Album „My Ummah“ bezieht sich auf die religiöse Gemeinschaft aller Muslime, die Umma. Wie stark und vielfältig die ist, davon bekamen auch Nichtmuslime einen Eindruck.

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