Ende des blauen Dunstes : Raucher schlägt Kellner

Auch eine Woche nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes wird das Rauchverbot in vielen Berliner Kneipen ignoriert. Nun forderte das Tabakverbot in Lokalen das erste Opfer. Eine Schöneberger Wirtin fürchtet um ihre Existenz.

Rainer W. During

Dort, wo man darauf besteht, bleiben oft die Gäste aus oder reagieren verärgert. Am Wochenende wurde der erste Raucher handgreiflich. Der Gast der „Vienna Bar“ in der Kantstraße rastete am Samstagabend völlig aus, als ihm Barkeeper Gerhard G. den geforderten Aschenbecher verweigerte. Der Mann hinter dem Tresen bekam einen Faustschlag ins Gesicht und musste im Krankenhaus behandelt werden. Nach Angaben der Polizei war es der bisher einzige Zwischenfall im Zusammenhang mit dem Rauchverbot.

In einer Schöneberger Gaststätte herrscht seit dem Rauchverbot gähnende Leere. Wenn es so weitergehe, könne sie am Monatsende ihre Miete nicht mehr zahlen, sagt die Wirtin, die nicht genannt werden möchte. „Es beklagen sich viele Leute“, heißt es auch im Irish Pub im Europa Center, wo der blaue Dunst bisher zum Ambiente gehörte. Zwar herrsche nach Neujahr stets eine Flaute, doch denke man schon, dass auch das neue Gesetz viele Gäste abschreckt.

Die Vienna Bar hat vor der Tür eine Raucherlounge mit Sofa, Decken und Wärmeöfen eingerichtet. Im Traditionslokal „Dicke Wirtin“ in der Carmerstraße ist der mit 25 Plätzen ausgestattete Raucherraum stets überfüllt. Dagegen findet sich im Nichtraucherbereich kaum ein Gast. „Bei uns wird weiter geraucht“, sagt Hans-Werner Senf, Wirt der seit 1905 bestehenden Kneipe „Zum Umsteiger“ in der Yorckstraße. Behördlich geahndet werden Verstöße erst ab Juli. Im Sommer, so denkt Senf, wird sich das Problem „von selbst regeln“.

Der Wirt einer Kneipe in der Nähe des Wittenbergplatzes wurde anonym wegen Nichteinhaltung des Rauchverbotes angezeigt. Bei ihm sei eine Polizeistreife erschienen und habe mit der Schließung des Lokals gedroht, berichtet Klaus-Dieter Richter, Vize-Chef des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Die laut Gesetz zuständigen Bezirke halten sich mit Kontrollen zurück. Beschwerden gab es bisher nur in Einzelfällen. Nach Auskunft des Bezirksamts Mitte erhalten Wirte, die gemeldet werden, weil sie das Rauchverbot nicht einhalten, das Merkblatt der Senatsverwaltung zugeschickt. In Charlottenburg-Wilmersdorf sollen solche Kneipenbesitzer auf einer Liste für Kontrollen im zweiten Halbjahr vorgemerkt werden.

Während die Speisegaststätten kaum Probleme haben, leiden die Kneipen massiv unter dem Verbot, sagt Klaus-Dieter Richter. Wenn die Gäste jetzt vor der Tür rauchen müssen und sich dort auch unterhalten, bestehe die Gefahr einer Häufung von Anwohnerbeschwerden über nächtlichen Lärm. Wirte aus mehreren Bundesländern klagen beim Bundesverfassungsgericht auf eine Sonderregelung für Einraumkneipenlokale, in denen keine Angestellten beschäftigt werden. Das sind auch in Berlin etwa zwei Drittel aller Kneipen, schätzt Richter. Hier soll der Wirt entscheiden können, ob es sich um eine Raucher- oder eine Nichtraucherstube handelt. Rainer W. During

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