Energie-Volksentscheid : Wie Bürger für die Energiewende kämpfen

Nicht nur in Berlin wird derzeit um die Energieversorgung der Zukunft gestritten. Bundesweit bringen Bürger Markt und Politik gehörig in Schwung. Über einen Trend zur Rückeroberung.

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Eifriger Aktivist: Jens-Martin Rode. Foto: Christian Mang
Eifriger Aktivist: Jens-Martin Rode.Foto: Christian Mang

Rode wetzt wieder. Auf nimmermüden Beinen jagt er durchs Erdgeschoss des Berliner Hauses der Demokratie, denn es gilt wie fast immer in den vergangenen Monaten, ein paar Dinge gleichzeitig zu tun. Gerade hat die Polizei angerufen, irgendwo in Charlottenburg sei eines seiner Großplakate vom Sturm umgeschmissen worden und habe ein Auto beschädigt. Rode solle sich bitte kümmern.

Er rennt, und hastet durch Telefongespräche, und simultan erledigt er das, weswegen er an diesem Oktoberabend eigentlich hergekommen ist. Gemeinsam mit acht anderen Anwesenden bastelt er ein Kundgebungsutensil, ein zwei Meter mal 1,70 Meter großes Stück Presspappe, aus dem nach getaner Arbeit ein überdimensionaler, stilisierter Abstimmungszettel geworden sein soll, gedacht für eine Versammlung vor dem Berliner Rathaus drei Tage später.

Welches Werkzeug brauchen wir? „Wir brauchen den Beamer“, sagt Rode, „wo ist der Beamer?“ Der Beamer findet sich, er wirft die Umrisse des Abstimmungszettels auf die Pappe, drei Frauen bemalen sie. Rode rennt zum nächsten Spätverkauf und holt Getränke.

Gewinne sollen bei den Berlinern bleiben

Jens-Martin Rode, 40, ruhelos durch jahrelange Prägung in verschiedenen Bürgerbewegungen, möchte Berlins Energieversorgung zurück in städtische Hände gelangen sehen. Er will sie unter demokratischer Kontrolle wissen. Rode ist einer der Eifrigsten beim Bürgerinitiativen-Bündnis „Berliner Energietisch“, das seit zwei Jahren an diesem Ziel arbeitet.

Von Attac kommend hat er dem Tisch mit auf die Beine geholfen. Und weil Attac eine globalisierungskritische Organisation ist, ist auch einer der Gründe, warum Rode beim Energiebündnis mitmacht, entsprechend folgerichtig: Er möchte, dass die Gewinne, die man mit dem Berliner Stromnetz machen kann, bei den Berlinern bleiben. Sie sollen künftig nicht mehr auf den Konten des Tochterunternehmens eines schwedischen Konzerns landen.

Das Bündnis hat viel Erfolg gehabt in dieser Zeit, und es hat viel Widerstand von oben gegeben. Am Ende, am kommenden Sonntag, wenn Berlins Wahlberechtigte über die „Energietisch“-Forderung abstimmen werden, wird sein wesentlichster Sieg darin bestehen, dass es überhaupt so weit gekommen ist – und dass auf dem Weg dorthin ein Sittenbild der hiesigen Regierungspolitik entstand.

Er zittert vor Anstrengung - und Empörung

Dafür muss man zurückkehren an einen Sommersonntag in Berlin. Die Waffe, mit der Jens-Martin Rode die Demokratie diesmal verteidigt, ist eine Stichsäge der Marke AEG. Er schiebt sie durch ein zitterndes Etwas, wieder ein Kundgebungsutensil, wieder ein Stück Presspappe, und weil seine eigenen Hände damit genug zu tun haben, dirigiert er die seiner drei Helferinnen mit Worten. „Halt mal da den Rand fest, bitte.“

Er sagt, dass man ja schon ein gutes Stück vorangekommen sei mit der Arbeit und von nun an besonders überlegt vorgehen müsse. Schritt für Schritt, damit am Ende bloß nicht zu viel abgesägt ist. „Wir haben nur die eine Pappe“, sagt er. „Jetzt dürfen wir uns selbst nicht auch noch’n Strick dreh’n.“ Andere versuchen genau das zu diesem Zeitpunkt.

Deshalb basteln Rode und seine Helferinnen an diesem verhangenen Sommertag im Hof, deshalb zittert die Presspappe und Rode gelegentlich auch, vor Anstrengung. Ein wenig auch vor Empörung.

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