Entführung des schwulen Sohnes : Junger Muslim organisiert Demo gegen Homophobie

Seine muslimische Familie hatte den jungen Homosexuellen Nasser entführt und wurde deswegen verurteilt. Jetzt organisiert er eine Demo gegen Homophobie und verlässt damit die schützende Anonymität. Das kann für ihn gefährlich werden.

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Aufruf zur Demo. Der 18-jährige Nasser sucht die Öffentlichkeit.
Aufruf zur Demo. Der 18-jährige Nasser sucht die Öffentlichkeit.Foto: Mike Wolff

Die Demo steht unter dem Motto: „Wir haben das Recht, so zu leben, wie wir sind. Nämlich ohne Homophobie“ und soll ein Zeichen setzen für die allgemeine Toleranz von Homosexualität – an diesem Sonntag um 13 Uhr am Eingang des Tempelhofer Feldes, Columbiadamm 124. Nasser hat sie organisiert, ein 18-jähriger homosexueller Muslim, in Neukölln geboren, die Eltern aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Nasser hat alle Details der Demo auf seine Facebook-Seite veröffentlicht, unter seinem vollständigen Namen. Und da liegt der Kern des Problems: Der 18-Jährige hat so fast vollständig den Schutz der Anonymität verlassen und gefährdet seine Sicherheit erheblich. Er spielt vielleicht sogar mit seinem Leben, ganz sicher aber mit seiner Gesundheit.

Ein Galgen im Libanon

Nasser war im Fernsehen, im Rundfunk, in vielen Zeitungen. Denn Nasser hat eine Geschichte. Der 18-Jährige war von seinem Vater und Verwandten entführt worden, weil sie Nassers Homosexualität als Todsünde betrachten. So hat es Nasser geschildert. Irgendwo auf dem Balkan, auf dem Weg in den Libanon, zeigte ihm sein Vater auf einem Handy ein Bild: Nasser sah einen Galgen. „Das erwartet dich im Libanon“, habe der Vater gesagt. An der Grenze zu Bulgarien entdeckte ein aufmerksamer Zöllner den damals 15-Jährigen. Der verzweifelte Nasser konnte einen Fuß unter der Decke hervorstrecken, unter der er sich verstecken musste. Der Junge wurde befreit, der Vater und die Verwandten wurden im März wegen Entführung zu einer Geldstrafe verurteilt.

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Der schwule 18-jährige Nasser erzählt seine Geschichte
Der schwule 18-jährige Nasser erzählt seine Geschichte

Nasser hatte lange das Pseudonym Justin Hasi, er lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft, er geht in eine Schule, deren Name offiziell geheim gehalten wird, der Lesben- und Schwulenverband Berlin (LSVD) betreut ihn. Nach dem Prozess erhielt er Morddrohungen aus arabischen Kreisen: Er habe die Familie verraten.

Aber Nasser sucht die Öffentlichkeit. Und das hat seit dem Prozess im März Folgen. Der LSVD ist aufgeschreckt. „Es ist einerseits mutig, so in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Geschäftsführer Jörg Steinert, „wir haben aber auch Angst um ihn und sehen die Gefahr, weil er seine Anonymität aufgibt. Wir finden diese extreme personelle Zuspitzung nicht so gut.“

Die Demo gegen Homophobie, die um 18 Uhr am Hermannplatz enden soll, hatte Nasser in Eigenregie auf die Beine gestellt. „Es gab keine Absprache mit uns“, sagt Steinert, „es ist aus unserer Sicht ein unglücklicher Zeitpunkt.“ Der LSVD könne wegen der Osterferien nur unzureichend vertreten sein. Gleichzeitig reicht Steinert dem 18-Jährigen aber auch die Hand: „Bei uns als Beratungsstelle stehen ihm weiter alle Türen offen.“

Nach Tagesspiegel-Informationen soll sich sogar Nassers Schule mehrere Tage lang geweigert haben, ihn im Gebäude zu haben, weil sie für seine Sicherheit nicht mehr garantieren könne. Der Name der Schule ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Zudem soll Nasser, nach Informationen des Tagesspiegels, sogar seine Schwester an deren Schule besucht haben. Ein extremes Sicherheitsrisiko, schließlich könnte der Vater dort zufällig sein. Der 18-Jährige hat offenbar sogar eine eigene Internetseite aufgebaut, die ist allerdings noch nicht online. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Wenigstens in einem ist der 18-Jährige noch verschwiegen. Seine Adresse hat er nicht veröffentlicht.

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