Berlin : Er kann Zug vertragen

MC René war erfolgreich als Rapper. Doch seine Karriere stockte. Da stieg der 35-Jährige zwei Mal um Seither tourt er mit Comedy durchs Land – und der Bahn. Was er dabei erlebt hat, schrieb er auf.

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Gleiswechsel. Von der Musik- in die Bahnhofshalle führte der Karriereweg von René El Khazraje alias MC René. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Gleiswechsel. Von der Musik- in die Bahnhofshalle führte der Karriereweg von René El Khazraje alias MC René. Foto: Doris...

Für andere ist es bloß ein Warteraum. Für René El Khazraje ist die DB Lounge am Hauptbahnhof eine Art Wohnzimmer. Entspannt sitzt er auf einem der roten Ledersessel, von denen an diesem späten Vormittag noch etliche frei sind. An dem Sessel lehnt ein schwarzer Rucksack, auf dem Tisch davor steht ein Kakao. Beiläufig guckt der 35-Jährige auf sein Handy oder beobachtet durch die bodentiefen Fenster das hektische Treiben draußen auf den Gängen der Bahnhofshalle. Menschen mit Rollkoffern hasten zu den Zügen, andere laufen Richtung Ausgang. Nur René El Khazraje hat es nicht eilig. Wenn er wollte, könnte er hier noch bis zum Abend sitzen bleiben. Oder in den nächstbesten Zug steigen und losfahren. Wohin auch immer.

René El Khazraje ist Besitzer einer Bahncard 100. Der Plastikausweis garantiert ihm nicht nur Zutritt zur DB-Lounge, er kann damit auch so viel herumfahren, wie er will. Normalerweise legen sich Leute diese Karte zu, weil sie beruflich viel unterwegs sind. Bei René El Khazraje sind die Dinge ein wenig anders. Er kündigte seinen Job und löste seine WG in Prenzlauer Berg auf, um sich eine Bahncard 100 zu kaufen. Die kostet 350 Euro im Monat, genauso viel wie sein WG-Zimmer. Sein Ziel? Herumreisen und sich eine Karriere als Stand-up-Künstler aufbauen. Zwei Jahre liegt der Entschluss nun zurück. Seither reist El Khazraje durch Deutschland und organisiert sich Auftritte. Zwischendurch übernachtet er bei Freunden und revanchiert sich dafür mit selbst gekochten Spaghetti Bolognese. Oder er fährt zum Wäschewaschen und Ausspannen zu seiner Mutter nach Braunschweig.

Über sein Leben in der Bahn hat René El Kahzraje ein Buch geschrieben, es trägt den Titel „Alles auf eine Karte: Wir sehen uns im Zug“. Darin beschreibt er, wie er auf die Idee mit der Bahncard kam. Und warum er dafür seinen Job in einem Callcenter hinwarf. Jeden Tag am Telefon Versicherungen verkaufen, davon hatte der gebürtige Braunschweiger mit den marokkanischen Wurzeln irgendwann die Nase voll. Was die Leute am anderen Ende der Leitung nicht ahnten: dass sie einen gestandenen Künstler an der Strippe hatten. Als MC René trat El Khazraje in den Neunzigern mit den Absoluten Beginnern und Fettes Brot auf, seine Videos liefen im Musikfernsehen, er veröffentlichte mehrere Alben und moderierte eine Sendung auf Viva. Doch dann geriet seine Karriere ins Stocken. Als schließlich die Ersparnisse aufgebraucht waren, tauschte der Rapper das Mikrofon gegen ein Headset ein.

„Ich fand das toll“, sagt René El Khazraje im Rückblick. Es war ein Alltag nach festen Regeln, eine sichere Existenz. Oder anders formuliert: ein bürgerliches Leben. Jeden Tag von neun bis fünf in der Agentur sein und mindestens vier Kundentermine akquirieren, zwischendurch eine halbe Stunde Mittagspause. So hätte das jahrelang weitergehen können. „Ich befand mich in einem Kokon. Aber das war eine Lüge, ein Selbstbetrug. Als ich das erkannte, wusste ich, dass ich was ändern muss.“ So gesehen hatte diese Lebensphase auch etwas Positives: „Vielleicht wäre ich nie auf die Idee gekommen, für eine Bahncard 100 alles aufzugeben, wenn ich nicht vorher in einem Callcenter gearbeitet hätte.“

Sein WG-Mitbewohner reagierte zunächst fassungslos auf das Vorhaben, gab ihm dann aber seinen Segen. René El Khazraje verschenkte Möbel, Fernseher und Klamotten an Freunde, am Ende blieb ihm nicht mehr als ein Koffer mit dem Nötigsten. Und das Gefühl, das Richtige zu tun. „Ich hatte ein gutes Leben. Einen festen Job, eine tolle Wohnung. Es hat mir aber nichts bedeutet. Es war nicht das Leben, das ich führen wollte.“ Keine Angst vor der Ungewissheit? „Ich war ja vorher als Künstler die stetige Unsicherheit schon gewöhnt, deshalb konnte ich damit gut umgehen.“ Außerdem sei das Improvisieren seine Spezialität, nicht nur als Rapper. Also tingelte er fortan mit der Bahn durchs Land. Und mit einem Programm aus Comedy und Rap. Trat er einst vor tausenden Hip-Hop-Fans auf und füllte große Konzerthallen, stand er nun in der Fußgängerzone von Hamburg- Harburg oder im Landgasthof „Karpfen“ im rheinland-pfälzischen Hördt. Ein ehemaliger Star, die unter seinem alten Künstlernamen wieder ganz von unten anfing.

Mittlerweile sind die Läden größer, kommen zu seinen Shows mehrere hundert Gäste. Doch am Ziel seiner Reise ist MC René auch nach 146 560 Schienenkilometern und 102 Auftritten noch lange nicht. Was zunächst als Experiment für ein Jahr gedacht war, ist inzwischen eine Lebensweise geworden. „Natürlich wird dieser Weg irgendwann ein Ende haben und ich werde wieder eine Wohnung mieten. Aber wann, steht noch nicht fest." Bis dahin gibt der Fahrplan auch weiterhin den Takt in seinem Leben vor.

MC René: „Alles auf eine Karte: Wir sehen uns im Zug", erschienen im rororo-Verlag, 9,99 Euro“

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