Berlin : Er war wie ein kleiner Freund

Der „Flyer“ ist pleite. Die Szene trauert um ihr Zentralorgan. Zwar geht es auch ohne. Aber wir hatten uns so an ihn gewöhnt.

Holger Wild

Die Woche beginnt – und wer wissen will, was läuft, kann nicht mehr einfach in die Hosen- oder Jackentasche greifen. Der „Flyer“, mehr als acht Jahre lang ein maßgeblicher Wegweiser durch das Berliner Nachtleben, erscheint nicht mehr. Sein Herausgeber Marc Wohlrabe hat, wie wir berichteten, Insolvenz angemeldet. Im November 1994, zur Hochzeit der Techno-Bewegung, war er zum ersten Mal erschienen. Und gestern, am Sonntag, dem 2. Februar, endete der Programm-Zeitraum der letzten Ausgabe. Das DIN-A 6-Heft, das gratis in Kneipen, Clubs und Kinos auslag und dessen Cover immer ein Markenartikel zierte – mit dem Schriftzug „Flyer“ statt des Markennamens –, und das so selbst zur Marke wurde, ist nur noch Geschichte.

Wir haben Wegbegleiter des „Flyers“ um Kommentare zu seinem plötzlichen Ende gebeten.

Dimitri Hegemann, Betreiber des „Tresor“:

Ich bedauere das sehr. Der „Flyer“ hat Zeichen gesetzt. Ich verstehe nicht, wie man solch eine Marke sterben lassen kann. Aber da spiegelt sich auch die ökonomische Situation: Mit Partys machst du nicht mehr das große Geld – da kannst du auch keine Anzeigen schalten. Außerdem hat die Redaktion zuletzt wirklich nicht mehr sorgfältig gearbeitet. Aber ich bin sicher, es wird einen Nachfolger geben.

André C. Hercher, Party-Fotograf:

Man kann dem „Flyer“ schon eine Träne nachweinen. Aber es war eben bereits ein Fehler des Verlags, auf monatliche Erscheinungsweise umzustellen. Dadurch war das Heft nicht mehr aktuell genug. Rational war der „Flyer“ zuletzt im Grunde überflüssig. Aber emotional war er eben doch nicht überflüssig.

Daniel Haaksmann, DJ:

Schade drum! Der „Flyer“ war immer auch ein Klatsch-Organ; ich hab’ ihn immer gerne gelesen. Aber der Club-Kultur wird sein Ende nicht schaden. Die Party-Veranstalter kommunizieren heute eben auf anderen Kanälen als früher. Viel läuft mittlerweile übers Internet, über E-Mail-Verteiler – und vermehrt auch wieder über Mundpropaganda.

Heiko Zwirner, „Flyer“-Chefredakteur:

Da hat sich letztlich auch eine Kultur überlebt: Die Riesen-Partys, die immer Anzeigen geschaltet haben, die gibt es so nicht mehr. Und den Markenartiklern war das Format zu klein. Einen Veranstaltungskalender kann man so vielleicht noch machen. Ein Stadtmagazin – wie wir es wollten – wohl nicht.

Helge Birkelbach, Ex-Chefredakteur:

Der „Flyer“ war einmal ein sehr wichtiges Organ der Club-Szene, ein Multiplikator mit großer Akzeptanz. Sein Ende reflektiert auch ein wenig, was in der Szene derzeit passiert: Der Markt segmentiert sich weiter. Die kleinen Subkultur-Clubs arbeiten ohne Marketing-Budget – und ihre Gäste wollen ohnehin unter sich bleiben. Das Motto lautet: „back to basics“. Aber dass der „Flyer“ jetzt pleite ist, wirft auch ein schlechtes Licht auf die Zukunft der kostenlosen Magazine. Aber ich glaube trotzdem an diese Zukunft. Die Hefte müssen nur spezialisiert sein und sich an eine genau definierte Szene wenden.

Falk Walter, Betreiber der „Arena“:

Ich werde den „Flyer“ sehr vermissen. Das war einfach ein kleiner Freund in der Tasche, mit dem man sehr viele lustige Nächte verbracht hat. Ich glaube auch, dass er der Szene fehlen wird. So authentisch wie der „Flyer“ hat sich keiner um das Partyleben gekümmert, und ich sehe auch niemanden, der das jetzt tun könnte.

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