Berlin : Erich Kiwatschinski Geb. 1906: Seine Leidenschaft war das Turnen - bis ins hohe Alter

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Erich wurde immer Erster", erinnert sich Fritz Nagel, "und ich oft Zweiter". Erich Kiwatschinski und Fritz Nagel lernten sich als Jungen im Moabiter Turnverein GutsMuths kennen. Das war vor beinahe 80 Jahren. Gemeinsam turnten sie in der Kunstturnerriege des Vereins. Damals waren Nagel und Kiwatschinski Konkurrenten. Erst mit den Jahren wurden die Vereinskameraden Freunde. Eine Freundschaft, die bis zum Tod von Erich Kiwatschinski andauerte.

Bis heute gilt der 1906 geborene Sportler als der erfolgreichste Geräteturner von GutsMuths. Allein 25 Mal vertrat er Berlin im Städtewettkampf Hamburg-Leipzig-Berlin. Erich Kiwatschinskis Lieblingsdisziplin war das Pferd. Mit großer Kraft, mit ebenso großer Eleganz und Ausstrahlung absolvierte der Turner die Übungen an diesem Gerät. "Er war klein, hager, hatte sehr muskulöse Oberarme und eine extrem schmale Hüfte. Das waren ideale körperliche Voraussetzungen fürs Pferd", erinnert sich Nagel. "Und er war besessen vom Sport." Turnen, der Verein, das war für Kiwatschinski schon frühzeitig viel mehr als ein Hobby. Kiwatschinski hatte das Glück, dass seine Obsession zum Beruf werden konnte: Als Sportlehrer verdiente er sein Geld. Jede freie Minute verbrachte er in Turnhallen.

Unermüdlicher Gründer

Natürlich lernte er auch seine Frau im Verein kennen. Später waren ebenso selbstverständlich die beiden Töchter dort aktiv. Familienleben, das war für Erich Kiwatschinski Vereinsleben. Für anderes Engagement, andere Themen war in seinem Leben kein Platz: Egal, was um ihn herum passierte, egal auch was für ein Regime und welche politische Stimmung herrschte. Erich Kiwatschinski war Gaulehrwart im faschistischen Berlin und gehörte bereits 1946 zu denjenigen, die unermüdlich dafür kämpften, die Turnbewegung wieder aufzubauen. Er war Hauptturnwart der Turnsparte Tiergarten und später auch im von den Allierten neugegründeten ATV (Allgemeiner Turnverein Berlin) aktiv. Als die eigenständigen Namen der Turnvereine wieder freigegeben wurden, gehörte er zu den 19 Turnern und Turnerinnen, die am 11. Mai 1957 den TSV GutsMuths 1861 e.V. neu gründeten.

Ungeduldig auf der Bank

Bis vor knapp zwei Jahren, damals war er 92 Jahre alt, gehörte Kiwatschinski zu den aktiven Mitgliedern des Vereins. In der Seniorengruppe spielte er wieder mit Fritz Nagel zusammen - in einem Team Faustball. Ungeduldig wurde noch der über 90-Jährige, wenn er wegen einer Verletzung mal nicht mitspielen und auf der Ersatzbank sitzen musste. Anstrengend war das vor allem für die anderen: Denn einfach nur zusehen konnte er nie. Auf der Bank wurde er wieder zum Trainer, gab Anweisungen, es hielt ihn nichts auf dem Sitz. Sein sportlicher Ehrgeiz war so unerschöpflich wie die Liebe zum Verein, an dem er deshalb auch gelitten hat. Die schwindende Begeisterung der Jugendlichen für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit beim Training, das Interesse junger Menschen an modernen Sportarten oder den schicken Formen des Körperkults im Fitness-Studio, daran konnte und wollte er sich nicht gewöhnen.

Aber die große Zeit des Männerturnens kam trotz all seiner Aktivitäten nicht zurück. Zu dem Verein gehören heute auch viele der neueren, von ihm abgelehnten Sportarten. Abgewandt hat er sich deshalb nicht. Wie kann man sich schließlich auch von seinem Leben abwenden?

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