Eroberung des Reichstags durch die Sowjets : Die Geschichte eines ikonischen Bildes

Heute vor 70 Jahren eroberten die Sowjets den Reichstag in Berlin. Um das Bild von zwei Rotarmisten, die auf dem Dach die sowjetische Flagge hissen, ranken sich viele Geschichten.

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Das Bild entstand 33 Stunden nach der Stürmung. Die Rauchwolken wurden naträglich ins Bild gesetzt.
Das Bild entstand 33 Stunden nach der Stürmung. Die Rauchwolken wurden naträglich ins Bild gesetzt.Foto: dpa/picture-alliance

Das Bild ist eine Ikone. Eines der berühmtesten Fotos, die im 20. Jahrhundert entstanden, und zugleich eines der symbolstärksten, steht es doch wie kein anderes für den Sieg über Hitler, die Zerschlagung des Nationalsozialismus, den Untergang des alten Berlin: Zwei Rotarmisten auf dem Dach des Reichstags, die dort als erste Soldaten der Sowjetarmee die rote Fahne hissen – Hammer und Sichel statt Hakenkreuz.

Das Foto stammt vom Russen Jewgeni Chaldej, aufgenommen am Morgen des 2. Mai 1945 – und damit 33 Stunden zu spät. Denn bereits am Abend des 30. April waren die ersten Soldaten Stalins in das alte Parlamentsgebäude eingedrungen, war die Fahne auf dem Dach gehisst worden – nur war eben niemand mit Kamera zur Stelle und die Tageszeit für gelungene Schnappschüsse nicht die beste.

Zwei Tage noch, dann sollten die Waffen in Berlin schweigen, aber davon konnte an jenem 30. April noch keine Rede sein, auch wenn das Ende immer absehbarer wurde, sich der Ring um die „Zitadelle“, wie die Verteidigungsstellungen am Regierungsviertel genannt wurden, immer enger schloss. Aber das Ziel mit höchster Priorität war für die Sowjets nicht Hitlers letztes Schlupfloch, vielmehr der Reichstag als Symbolbau für das verhasste Deutsche Reich.

Moskau machte Truppenführern Druck

Genau genommen ein Missverständnis, hatte doch der 1933 ausgebrannte Bau jede politische Funktion verloren, aber das sah man in Moskau anders und machte den Truppenführern Druck, diesen steinernen Hort des Faschismus bis zum ebenfalls symbolträchtigen 1. Mai einzunehmen.

Eine Aufgabe, die trotz der desolaten deutschen Lage nur unter erheblichen Blutopfern zu lösen war. Schon das Vordringen über die Moltkebrücke am 29. April hatte hohe Verluste gefordert, im nahen Innenministerium musste Raum für Raum erobert werden. Den schnellen Vorstoß mit Panzern verhinderte ein wassergefüllter Graben quer über den heutigen Platz der Republik – die Bauruine eines nicht fertiggestellten S-Bahn-Tunnels. Der Platz selbst, mit Drahtverhauen gesichert und vermint, bot den Verteidigern wie auch den Deutschen in der westlich des Platzes gelegenen Krolloper bestes Schussfeld. Sogar die Flakgeschütze vom Zoobunker konnten in die Kämpfe am Reichstag eingreifen.

Ein rotes Tuch hatten sie dabei, aber keinen Fahnenstock

Ein erster Sturm auf den Reichstag am Morgen des 30. April wie auch zwei weitere am Vormittag und frühen Nachmittag scheiterten im Kreuzfeuer. Gegen 18 Uhr wurde ein erneuter Vorstoß versucht. Diesmal gelang er.

Die Eingänge waren überwiegend zugemauert. Die Berichte von der Erstürmung widersprechen sich darin, wie das erste Eindringen gelang. Von zwei Mörsern ist die Rede, mit der ein Loch in die Mauer gesprengt wurde, aber ebenso von einem Baumstamm, der mit Erfolg als Rammbock gegen eine verschlossene Tür eingesetzt worden sei.

Die Geschichte mit dem Baumstamm hat Michail Petrowitsch Minin erzählt, der heute als der sowjetische Soldat gilt, der tatsächlich als Erster das rote Banner über dem Reichstag flattern ließ. Gegen 22 Uhr waren er und einige Kameraden ins Gebäude ein- und 40 Minuten später zum Dach vorgedrungen. Ein rotes Tuch hatten sie dabei, aber keinen Fahnenstock, nahmen dafür ein herumliegendes Rohr, das sie, so Minin, an einer zerstörten Frauenskulptur, einer Art Victoria, befestigten.

„Überall war schrecklicher Lärm“

Damit war der Reichstag aber noch lange nicht erobert, musste wieder Raum für Raum erobert werden. Es war ein Kampf, der sich bis zum 2. Mai hinzog. Eine zusammengewürfelte Truppe aus Waffen-SS, Fallschirmjägern und zur Verteidigung Berlins eingeflogenen Marinesoldaten wehrte sich, konnte das Kellergeschoss halten. Sie hatte zuletzt keinen Kontakt mehr zur Außenwelt und ergab sich erst am Nachmittag des 2. Mai, als der Befehl von General Helmuth Weidling, dem letzten Kampfkommandanten Berlins, zur „sofortigen Einstellung jeglichen Widerstands“ erteilt worden war.

Die Enttrümmerung des alten Parlamentsbaus
Berlin, Juli 1946: Blick vom Platz vor dem Brandenburger Tor auf die Ruine des Reichstags.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Bundesarchiv Zentralbild /SNB
04.12.2013 16:25Berlin, Juli 1946: Blick vom Platz vor dem Brandenburger Tor auf die Ruine des Reichstags.

Es wurde im Gebäude also noch gekämpft, als Jewgeni Chaldej morgens um 7 Uhr mit seiner Leica und einer roten Fahne in der Hand das Gebäude betrat. „Überall war schrecklicher Lärm“ und „der Reichstag brannte“, schilderte der Fotograf. Mit drei Soldaten drang er zum Dach vor, die Kuppel schied wegen der Rauchwolken aus. Lange habe er nach Kompositionsmöglichkeiten gesucht und seine Kameraden dirigiert. Ein ganzer Film sei verbraucht worden, 36 Aufnahmen, und noch in der folgenden Nacht sei er nach Moskau geflogen und das Bild veröffentlicht worden.

Wer genau ist darauf zu sehen?

Aber welches, und wer genau ist darauf zu sehen? Michail Petrowitsch Minin, der erste Flaggenhisser, war es nicht, aber Meliton Kantaria, Michail Alexejewitsch Jegorow und Konstantin Samsonow auch nicht, zwei Russen und ein Georgier, die in der Sowjetunion offiziell als die drei Fahnenhelden galten, auf Weisung Stalins nach dessen politischem Kalkül. Es waren vielmehr Alexej Leontjewitsch Kowaljow, Abdulchakin Issakowitsch Ismailow und Leonid Goritschew, ein Ukrainer, ein Kumyke und ein Weißrusse, wie der Fotograf, wie alle Beteiligten zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, erst nach dem Zerfall der UdSSR verriet.

Auch das Bild selbst war Mystifikationen ausgesetzt, existiert ohnehin in mehreren Varianten, mal mit drei, mal mit zwei Soldaten, mal mit hängender, mal mit wehender Fahne, mal ohne, mal mit Rauchschwaden im Hintergrund, die Chaldej um der Dramatik willen nachträglich reinmogelte.

Das offizielle Foto sei auf Befehl Stalins angefertigt worden

Und bekannt ist ohnehin das Verschwinden der zweiten Uhr am rechten Arm des Soldaten, der den Bannerträger stützte – eine Retusche, um den Verdacht, es handle sich um einen Plünderer, gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Aber war es tatsächlich ein Mann, der die erste rote Fahne hisste? In einem Interview hat die ehemalige Majorin Anna Wladimirowa Nikulina behauptet, sie sei die Erste gewesen: „Oben angekommen, bemerkte ich, dass ich keinen Stock für die Fahne hatte. Ich ging zurück, fand eine Latte, wickelte die Fahne von meinem Körper und band sie mit meinen Schuhbändern an der Latte fest. Ich stürmte zurück aufs Dach und befestigte die Fahne so, dass sie herunterhängen konnte.“ Das offizielle Foto sei auf Befehl Stalins angefertigt worden, erfuhr sie später von ihrem Kommandeur. Das habe sie als gute Bolschewikin akzeptiert.

Sollte die Geschichte stimmen, so wäre es nicht mal eine sowjetische rote Fahne gewesen. Denn das Tuch dafür hatte die Majorin wenige Tage von einer deutschen Familie requiriert. Es war der rote Bezug eines Federbetts.

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