Berlin : Erst das Bauen, dann die Kunst

Nach einer Karriere als Unternehmer widmet er sich der Bildhauerei: Karsten Klingbeil wird heute 80 Jahre alt

Christian van Lessen

Von der Bildhauerei leben? Das konnte sich der junge Karsten Klingbeil nicht vorstellen. Er ließ die Kunst bleiben, baute stattdessen erfolgreich einen Zeitungsvertrieb und eine Werbefirma auf. Dann wollte er größter Bowling-Unternehmer der Stadt werden. Das ging schief. Er war entschlossen, die Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken in Berlin populär zu machen. Auch das klappte nicht. „Ich bin nicht der Große, dem alles gelingt.“ Ihm gelang, dass er über Berlins Grenzen hinaus als „Baulöwe“ bekannt wurde und sich leisten konnte, wirklich Bildhauer zu sein.

Er war Chef und Namensgeber eines der größten Bau- und Wohnungsunternehmen in den siebziger und achtziger Jahren, errichtete 150 Häuser. Die Klingbeil-Gruppe wurde zum Begriff. Heute wird Karsten Klingbeil 80 Jahre alt.

Im Atelier am Kleinen Wannsee, am Schreibtisch mit der Büste des Schauspielers Tony Curtis, den er mal in Hawaii besuchte, erinnert er sich an ein aufregendes Leben. Es begann in Stettin. Im Freihafen hatte er als Kind eine Ahnung von Erfolg: „Ich sah einen Berg Gold, fühlte mich sehr, sehr reich.“ Das Gold war Schwefelkies, der golden glänzte.

Seine Eltern, der Vater ein hoher Beamter der Reichsbahn, später S-Bahn-Chef, zogen nach Berlin an den Kleinen Wannsee. Mit dem Pusterohr schoss der Junge, der gut zeichnen konnte, in Mathematik aber immer auf fünf stand, vom Fenster aus auf Passanten. Einer, erinnert er sich, war Schauspieler Heinrich George.

Nach russischer Kriegsgefangenschaft studierte Klingbeil Kunst, merkte aber, dass das kein Geld bringt. Er trug Zeitungen aus, mit anderen Studenten gründete er den Vermittlungsdienst TUSMA (Telefoniere, und Studenten machen alles), den es bis heute gibt. Dann baute er die Zeitungsvertriebsfirma auf. Irgendwann riet ihm der Steuerberater: „Bauen Sie ein Haus, wegen der Abschreibungen.“ Klingbeil ließ es nicht bei einem, errichtete mehr als 150. Das Eigenkapital stellten beispielsweise viele westdeutsche Zahnärzte, die mit 200-prozentigen Abschreibungen und Verlusten so viel Steuern sparten, dass sie unterm Strich fast nichts in die Berliner Immobilien investierten.

Förderungsmittel flossen reichlich im Berlin der siebziger und achtziger Jahre. „Krumme Dinger habe ich nicht mitgemacht“, betont Klingbeil und erinnert sich, dass alle Berliner Parteien regelmäßig „Bettelbriefe“ an ihn schrieben. Deren Tenor sei gewesen: „Wenn Sie nicht spenden, geht es in Berlin nicht weiter!“

Allen hätte er, der mal Mitglied der FDP („Kaninchenzüchterverein“) war, vor Wahlen jeweils 35 000 Mark gegeben. „Das ist doch keine Bestechung!“ Klaus Franke (CDU) habe ihm, als er Bausenator wurde, die Freundschaft aufgekündigt. Bis heute ärgert ihn auch, dass er oft auf den umstrittenen Schöneberger „Sozialpalast“ an der Potsdamer Straße angesprochen wird. Das Gebäude, das in den Siebziger Jahren an der Stelle des abgerissenen Sportpalastes entstand, war lange der Inbegriff für Verslumung von Sozialbauten. Klingbeil sagt, die Idee für das Haus sei vom damaligen Senatsbaudirektor gekommen. Und der beauftragte Architekt, so der Bauherr heute, sei wohl „eher ein Spezialist für Fabrikbauten“.

Er , Klingbeil, sei froh, sich 1985 rechtzeitig aus der Baubranche zurückgezogen zu haben. Die Gründerzeit sei vorbei gewesen. Die Geschäftsführer machte er zu Mitinhabern. Er zog seinen Namen aus der Firma zurück, gab seine letzten Anteile ab, als die Nachfolger nach der Wende die DDR- Interhotels kauften und sich dabei verhoben. Seither widmet er sich der Bildhauerei. „Ich bin voll drauf“, sagt er, „das einzige Problem sind die Beine.“ Wenn er jünger wäre, stiege er vielleicht in das Geschäft mit Containerschiffen ein. Da gebe es, strahlt der Künstler, eine Rendite von sieben Prozent.

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