Espiner´s Berlin : Nachtigallen in der Hauptstadt

Eine Arbeitskollegin berichtete Mark Espiner von den Nachtigallen in Berlin. Nachtigallen? In Berlin? Unser Kolumnist und britische Wahlberliner war fest entschlossen, den Singvogel zu finden. Lesen Sie sein nächtliches Abenteuer.

Mark Espiner
Finde sich auch in Berlin: Die Nachtigall.
Finde sich auch in Berlin: Die Nachtigall.Foto: dpa

"Ich liebe Berlin im Frühling", sagte meine Arbeitskollegin Alexa. "Es ist nicht zu warm, die Blätter sind gerade erst rausgekommen und die Nachtigallen sind hier."

Ich traute meinen Ohren nicht. Nachtigallen? In Berlin? Ja, sagte sie, Berlin liegt auf ihrem Wanderweg. "Sie sind hier überall und suchen Paarungspartner." Aha, ein weiterer Schwarm Touristen also, die ihr Paarungsverhalten zur Schau stellen, hier während des Sommers – die sollen sich lieber mal in Kreuzberg zurückhalten, dachte ich. Als ich Alexa nach den eigentlichen Orten fragte, listete sie die Plätze auf, an denen ich die Nachtigallen hören konnte: in einer kleinen Seitenstraße der Invalidenstraße in der Nähe des Hauptbahnhofes, im Tiergarten und in Kreuzbergs Hasenheide. 

Ich notierte mir ihre Tipps, fest entschlossen den Singvogel zu finden. "Du musst allerdings nachts losziehen", sagte sie. "Am besten um Mitternacht oder später, aber es geht auch schon nach zehn."

So begann ich dann mein nächtliches Nachtigall-Abenteuer zu planen. Als ich überlegte, ob es denn eine gute Idee sei, nachts in der Hasenheide herumzuhängen, wurde mir klar, dass dieser Vogel eine trillernde und feine Verbindung zwischen meiner neuen adoptierten Hauptstadt und meinem alten Londoner Zuhause war. 

Unter einem Baum in Hampstead, London‘s Pendant zu Charlottenburg, saß der Dichter John Keats im Jahr 1819 und hörte eine Nachtigall "aus vollem Hals vom Sommer" singen. Ode to a Nightingale ist ein wunderbares Gedicht und man kann sogar den Garten besuchen, in dem sie ihr Herz ausgeschüttet hat – obwohl man an diesem Ort schon seit langem keine Nachtigallen mehr hört. 

Und dann ist da das berühmte Londoner Lied "A Nightingale Sang in Berkeley Square", das schon von so vielen gesungen wurde, angefangen mit Vera Lynn bis hin zu Frank Sinatra. Aber es wurde auch von dem ehemaligen Berliner Fritz Lang als wiederkehrendes Thema in einem seiner Filme verwendet – eine weitere Verbindung. 

Ich hatte immer angenommen, dass kein Mensch jemals eine Nachtigall in London singen hören würde. Der Straßenverkehr und die Luftverschmutzung haben sie vertrieben, dachte ich. Und hier erzählte mir jemand, dass sie in Berlin singen. Wenn ich sie also nicht auf dem Berkeley Square hören konnte, dann musste ich hier meine Chance nutzen, am Potsdamer Platz.

Ich zog los auf meine wilde Jagd nach Nachtigallen. Um 23.00 Uhr fuhr ich zum Hauptbahnhof und dann in den Lesser-Ury-Weg. Es war eine dunkle Straße mit Wohnblocks auf der einen Seite und einer Hecke auf der anderen. Ich hörte tiefe Stimmen. Mein innerer Stadtalarm begann zu piepen. Würde ich gleich ausgeraubt werden? Nein. Die weichen, tiefen türkischen Stimmen kamen von hinter der Hecke, dort wo die Bäume waren – und meine Nachtigall, wie ich hoffte. Aber bei all den Gesprächen, und den Fernsehgeräuschen und weinenden Kindern, die durch die offenen Fenster der Wohnungen dahinter herausdrangen, bezweifelte ich, dass ich sie dort entdecken könnte.  

So strich ich diesen Platz von meiner Liste und fuhr zum Tiergarten, Eingang Potsdamer Platz, wie angewiesen. 

Es war fast Mitternacht. Und ganz dunkel. Ich lief so weit ich mich traute. Ein Fahrrad fuhr an mir vorbei und der Fahrer, ganz erstaunt von meiner Gegenwart, machte fast einen Hüpfer. Ein nächtlicher Jogger stampfte auf den Pfaden. Wieso wollen manche Leute nachts um diese Uhrzeit zum Laufen gehen, überlegte ich mir. Ich lauschte gespannt. Keine Vögel. Aber was war das? Da war was in den Büschen. Und es hörte sich nicht geflügelt an. Es war zwar ein Paarungsruf, aber er hatte etwas beunruhigend menschliches. Ich beschloß weiterzulaufen, und zwar schnell.

Immer weiter in den Tiergarten hineinzugehen erschien mir etwas riskant, aber es hat sich gelohnt. Inmitten all der Bäumen, als der Wind nachließ, war ein kleines Trillern auf der einen Seite des Weges. Und wieder. Und dann kam ein weiteres dazu. Ich holte mein Handy aus meiner Jackentasche, stolperte in die Büsche und versuchte, den Gesang aufzunehmen. Hören Sie sich hier an, was ich gefunden habe. Sie müssen zugeben, es ist wundervoll. Der erste Leser, der eine Ode an die Nachtigall in Berlin schreibt oder den Songtext zu "Eine Nachtigall sang am Potsdamer Platz" und mir per Email zuschickt, bekommt einen Preis von mir.

Wenn es noch weitere ungewöhnliche Vögel oder wilde Tiere in Berlin gibt, die ich sehen sollte, lassen Sie es mich bitte wissen. Mein Nachtigall-Erlebnis hat mich auf die Idee gebracht, die grünen Plätze Berlins zu erkunden – die kleinen und privaten, nicht nur die großen Parks. Wenn sie also einen Schrebergarten haben oder ein Stück Land zum Gemüseanbau oder einen Garten, oder aber auch ein besonders friedvolles Stück Grün in der Stadt kennen, dann schicken sie mir doch bitte eine Email. 


Sie können Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com und ihm auf Twitter folgen @deutschmarkuk.

Diese Geschichte in Englisch.

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