• Europäische Spiele des jüdischen Sports: Die Maccabi Euro Games werden 2015 in Berlin stattfinden

Europäische Spiele des jüdischen Sports : Die Maccabi Euro Games werden 2015 in Berlin stattfinden

Im kommenden Jahr werden die Europäischen Spiele des Jüdischen Sports in Berlin ausgetragen – und damit zum ersten Mal überhaupt in Deutschland. Die Teilnehmer kämpfen nicht nur um den Sieg, sondern beten auch gemeinsam. Und für die Eröffnungsfeier gibt es schon eine besondere Idee.

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Fest der guten Laune. Im vergangenen Jahr wurde in Israel eine Makkabiade ausgetragen. Natürlich reiste auch eine deutsche Delegation (hier im Bild) an.
Fest der guten Laune. Im vergangenen Jahr wurde in Israel eine Makkabiade ausgetragen. Natürlich reiste auch eine deutsche...Foto: Alice Forberg Photography

Isaak Lat zieht an seiner Zigarette, er zieht so langsam, als bewege er sich in Zeitlupe. Dann stützt er seinen Ellenbogen auf den schweren Holztisch und starrt dem Rauch hinterher. Lärm dringt zum Tisch, der Lärm eines Fußballspiels, das drei Meter weiter im Fernsehen übertragen wird, der Lärm der Zuschauer, die an der Theke des Vereinsheims von TuS Makkabi auf Barhockern sitzen, der Lärm ihrer Kommentare. Aber der Lärm erreicht Isaak Lat nicht. Er trägt eine Trainingsjacke von TuS Makkabi Berlin, er sitzt im Vorstand des Vereins, er hat zehn Minuten zuvor selbst noch auf den Bildschirm gestarrt, aber jetzt ist er in einer anderen Welt. In dieser Welt ist die Hektik eines Fußballspiels ganz weit weg. „Ich glaube“, sagt er bedächtig, „dass wir es den Holocaust-Überlebenden schuldig sind, dass sie diese Veranstaltung noch erleben.“ Die Spitze seiner Zigarette glimmt, ein dünner Rauchstrahl kreist zur Decke. „Den wenigen, die noch leben.“

Die Veranstaltung. Die European Maccabi Games 2015. Das europaweite Treffen jüdischer Sportler. Diese Veranstaltung, die erstmals in Deutschland stattfindet. In Berlin, vom 27. Juli bis zum 5. August 2015. Isaak Lat, in Riga geboren, 1974 aus Israel nach Deutschland gekommen, Zahnarzt in Spandau, hat sie mit nach Berlin geholt. „Ein Traum“, sagt er. „Gesellschaftlich, sportlich und kulturell eine Wahnsinnsveranstaltung.“ Er saß im Vorstand von Makkabi Deutschland, dem jüdischen Sportverband, als die European Maccabi Confederation beschloss, die nächsten Euro Games nach Berlin zu vergeben. In jenes Berlin, in dem einst der Massenmord an den europäischen Juden organisiert wurde.

Bei den Euro Games sind auch Südafrika und die USA dabei - außer Konkurrenz

Die Euro Games 2015 sind also nicht bloß eine Sportveranstaltung mit 2500 Athleten. Sie sind eine hoch symbolische, historisch einmalige Botschaft. „Mit diesen Spielen werden wir deutlich zeigen, dass Juden in Deutschland eine Zukunft haben. Dass hier jüdisches Leben pulsiert. Und wir nicht mehr Juden in Deutschland, sondern deutsche Juden sind“, sagt Alon Meyer, seit November 2013 Präsident von Makkabi Deutschland.

Natürlich geht es bei den Spielen vor allem um den Sport, aber es geht auch um dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit, das viele Juden verbindet. Und es geht darum, den jüdischen Glauben zu leben. „Man trifft jüdische Sportler aus allen Gegenden“, sagt Moschico Saban. Viermal war er bei den Euro Games schon dabei. Gut, heute spielt er bloß noch in der Zweiten Mannschaft von TuS Makkabi Berlin, Kreisliga A. Aber wenigstens ist er Spielertrainer, außerdem hat er viele Jahre lang Landesliga gespielt.

Er geht fest davon aus, dass er 2015 in Berlin wieder dabei sein wird. Bei der Makkabiade, die alle vier Jahre in Israel stattfindet, kommen die Teilnehmer aus der ganzen Welt, bei den Euro Games vor allem aus Europa. Sie werden ebenfalls alle vier Jahre, aber um zwei Jahre versetzt, abgehalten. Auch die USA oder Südafrika sind öfter dabei, dann aber außer Konkurrenz. Die besondere Atmosphäre bei einer Makkabiade entsteht auch durch die Religion. Am Sabbat, vom Freitag- bis zum Samstagabend, werden keine Wettkämpfe ausgetragen, zum Beginn des religiösen Feiertags versammeln sich alle Teilnehmer zum Gottesdienst. Juden aus verschiedensten Ländern beten und singen gemeinsam auf Hebräisch. Mal gehen alle in eine Synagoge, mal genügt der umgebaute Essenssaal für den Gottesdienst. Ein Rabbiner ist immer dabei, natürlich gibt es nur koscheres Essen.

Die Bewerbung war ein Lauf gegen die Zeit

Im Vereinsheim von Makkabi starrt Isaak Lat wieder auf seine glimmende Zigarette. Die Gruppe der Holocaust-Überlebenden, denen er sich verpflichtet fühlt, ist kleiner geworden. Inge Borck zum Beispiel, die Ehrenvorsitzende von TuS Makkabi Berlin, hat den Nazi-Terror versteckt in Berlin überlebt. „Sie hatte sich sehr gefreut, dass Berlin den Zuschlag erhielt“, sagt Lat. Doch die Spiele wird sie nicht mehr erleben. Inge Borck starb im Februar. Sie wurde 91 Jahre alt. Die Bewerbung war also auch ein Lauf gegen die Zeit. Zahnarzt Lat sagt: „Mit jedem Jahr, das wir gewartet hätten, hätte es weniger Überlebende des Holocaust gegeben.“ Aber gerade ihnen, den Zeitzeugen, die bei ihren Vorträgen Totenstille erzeugen, wollte er zeigen, dass sich Deutschland, dass sich dessen Einstellung zu jüdischem Leben geändert hat. Deshalb hat er sie besucht vor zwei Jahren in Israel, diese Zeitzeugen, von denen einige noch ihre Häftlingsnummer eintätowiert haben. 2013 fand die Makkabiade turnusgemäß in Israel statt. Sie ist das drittgrößte Sportereignis der Welt – zumindest, wenn es nach der Anzahl der Teilnehmer geht: Rund 8000 waren beim letzten Mal dabei.

Am Rande des Ereignisses erhielt Berlin den Zuschlag. Der Zahnarzt aus Spandau war Teil der deutschen Delegation, er besuchte die Zeitzeugen, die er bei ihren Vorträgen erlebt hatte. Sie sollten von ihm, dem jüdischen Funktionär, erfahren, warum Berlin die nächsten Euro Games ausrichten werde. Er war eine Art seelischer Puffer, er sollte notfalls einen Schock verhindern. „Ich wollte ruhig schlafen“, sagt Lat. „Ich wollte nicht, dass den Menschen noch mehr Leid zugefügt wird.“ Aber er machte noch mehr, einen mutigen Schritt: Er lud die Holocaust-Überlebenden nach Berlin ein. 2015 sollen sie die Games verfolgen, vor allem aber mit eigenen Augen sehen, dass Nazi-Deutschland nur noch Erinnerung ist. Es war ein Risiko. Lat sagt, er habe keine Absagen erhalten. „Doch wie es in den Menschen aussieht, weiß ich nicht.“

Wien 2011: 85 Medaillen für Deutschland

In Deutschland hat sich eine vitale jüdische Gemeinschaft entwickelt. So sagt das Alon Meyer, und „die Euro Games sind die Plattform, mit der wir dies zeigen wollen“. Diese Plattform ist auch ein Signal an jene Juden in aller Welt, die Deutschland noch immer misstrauisch beobachten. Niemand muss Meyer erzählen, wie präsent die Vergangenheit noch ist. Seine Großmutter hat den Holocaust überlebt. „Sie konnte lange Zeit nicht verstehen, dass ich in Deutschland leben möchte.“ Und viele Juden konnten sich vor wenigen Jahren nicht vorstellen, dass sich Deutschland mal um Euro Games bewerben könnte. „Das war für die undenkbar“, sagt Meyer.

Natürlich war es harte Arbeit, die entscheidenden Funktionäre zu überzeugen. Meyers Vorgänger im Präsidium schafften es dann mit einfachen Mitteln. „Sie erzählten die Fakten“, sagt der Präsident. Zu den Fakten gehören das pulsierende Leben in den jüdischen Gemeinden, fast 40 Makkabi-Ortsgruppen bundesweit, 4500 Vereinsmitglieder, Tendenz stark steigend, 200 deutsche Teilnehmer bei den Euro Games 2011 in Wien, die zweitgrößte Mannschaft, die dann 85 Medaillen gewann – und natürlich die politische und gesellschaftliche Atmosphäre. Am Ende setzte sich Deutschland gegen Spanien und Russland durch.

Inszenierungen sind alle großen Sportereignisse, bei den Euro Maccabi Games kommt eine besonders Symbolik hinzu. Meyer wünscht sich eine Eröffnungsfeier am Brandenburger Tor. Denn gleich in der Nähe steht das Holocaust-Denkmal. Und an den 2700 Stelen werden die Teilnehmer vor der fröhlichen Eröffnungsfeier auf jeden Fall der Opfer gedenken. Aber wenn sich alle von diesem Denkmal lösen, wenn sie zum Brandenburger Tor wechseln, dann blicken sie zugleich in eine hoffnungsvolle Zukunft. Diese Botschaft soll transportiert werden. „Ich stelle mir vor, wie die Kamera vom Mahnmal zum Brandenburger Tor schwenkt und dort mehr als 2000 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus ganz Europa ein Fest feiern, zu dem jeder eingeladen ist. Das ist doch Symbolik schlechthin“, sagt Meyer. Für eine ganz ungewollte Symbolik könnten jedoch Rechtsradikale, arabischstämmige Antisemiten oder Demonstranten sorgen. Schlimmer noch: Terroristen. Aber Meyer sagt, die Organisatoren vertrauten in diesem Punkt „ganz der Polizei“.

In 24 Sportarten geht es um Medaillen

Gegen die antisemitischen Nadelstiche, die Nachrichten, die auch aus diesem toleranten Deutschland in die Welt strömen, kann die Polizei allerdings wenig unternehmen. Regelmäßig werden Fußballer von Makkabi, in ganz Deutschland, beleidigt oder sogar tätlich angegriffen. Meyer kennt das aus Frankfurt. „Da passiert es regelmäßig zwei, drei Mal pro Saison.“ Na, und? Die Antwort des Präsidenten ist eine souveräne Gelassenheit. „Davon lassen wir uns doch die Freude über die Euro Games nicht kaputtmachen. Im Gegenteil. Wir zeigen, dass uns das nicht in unserer Entwicklung aufhalten kann.“

Hier geht’s um viel Größeres. Um Wettkämpfe in 24 Sportarten, von Fußball über Fechten bis Frisbee. 350 Athleten wird allein die deutsche Mannschaft umfassen. Bei den Euro Games 2011 zählten zur deutschen sportlichen Prominenz: Georg Meyer, Nummer eins der Schach-Nationalmannschaft, Rebecca Landshut, Hockey-Nationalspielerin, der Fußballer Ben Albeski von Fortuna Düsseldorf. Vermutlich werden Meyer und Albeski auch 2015 starten.

Wahrscheinlich wird es ja ein eher familiäres Fest. „Den defensiven Mittelfeldspieler der Engländer kenne ich seit acht Jahren“, sagt Fußballer Moschico Saban. Und weil bei den Spielen alles zentral stattfindet, konnte er in spielfreien Stunden mal kurz einem deutschen Tennisspieler gleich neben dem Fußballplatz zuschauen. Aber manchmal dürfen sich die Sportler auch als echte Stars fühlen: Als Saban während der Euro Games 2011 in Wien mit ein paar Kollegen in der Innenstadt flanierte, wurde die Gruppe plötzlich von mehreren weiblichen Teenagern angesprochen. „Hey“, sagten sie, „seid ihr nicht die deutschen Fußballer bei der Makkabiade?“ Saban und die anderen nickten. „Können wir ein Foto mit euch machen?“, fragten die Mädchen. Saban muss lachen. „Das war für uns schon ein Wow-Gefühl.“

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