Evangelische Kirche : Gemeinden finanzieren Pfarrerstellen aus Privatmitteln

Spenden, Stiftungsgelder und Erbschaften: Immer mehr evangelische Gemeinden finanzieren zusätzliche Pfarrstellen aus privaten Mitteln. Doch das darf nicht die Unabhängigkeit der kirchlichen Arbeit gefährden.

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Kinder und Kirche. Irene Ahrens-Cornely, Pfarrerin der Zehlendorfer Gemeinde zur Heimat, arbeitete zunächst ehrenamtlich.
Kinder und Kirche. Irene Ahrens-Cornely, Pfarrerin der Zehlendorfer Gemeinde zur Heimat, arbeitete zunächst ehrenamtlich.Foto: Thilo Rückeis

Alles begann damit, dass Marlis Häner im Seniorenheim mehrere blaue Säcke abholte. Darin befanden sich die Hinterlassenschaften eines verstorbener Mannes. Häner ist Anwältin und Vorsitzende des Gemeindekirchenrats in der Auen-Gemeinde in Wilmersdorf. Sie sortierte die Unterlagen und fand verschiedene Konten, Rücklagen, Lebensversicherungen. Am Ende kam sie auf mehrere Millionen Mark. Der Mann wollte, dass die Gemeinde alles erbt. „Ich hab’s nicht geglaubt“, sagt Häner. Dieser bescheidene Mann, der als Angestellter bei einer Krankenkasse arbeitete und sich höchstens mal ein Lachsbrötchen und einen Sherry gönnte, dieser Mann hatte der Gemeinde ein Vermögen hinterlassen. Er wollte, dass mit seinem Geld Angebote für Senioren gefördert werden. Und so richtete die Gemeinde 2001 eine zusätzliche Pfarrstelle mit dem Schwerpunkt Seniorenarbeit ein. Sie kostet 72 000 Euro im Jahr – inklusive einer weiteren Teilzeit-Stelle.

Einer alleine schafft es nicht

Was in der „Aue“ begann, hat Nachahmer gefunden. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stand allerdings nicht eine Erbschaft am Anfang. Sondern Personalmangel. Nach dem Verteilungsschlüssel der Landeskirche steht der Gedächtniskirche mit ihren 3000 Gemeindemitgliedern ein Pfarrer zu. Einer alleine schafft es nicht, sich um Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zu kümmern und um die Touristen sowie nebenbei noch Gottesdienste zu besonderen Anlässen und Gedenktagen zu planen. Der Gemeindekirchenrat richtete deshalb 2007 eine zweite Stelle ein. Pfarrerin Cornelia Kulawiks Gehalt speist sich aus Spenden, aus Einnahmen, die der Verein der Freunde mit den Ständen auf dem Vorplatz erzielt, und Geldern aus der Stiftung „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“.

Auch die Marienkirche am Alexanderplatz steht in den Touristenführern. Sie ist eine der ältesten Kirchen. Hier gibt die Gemeinde ebenfalls eigene Mittel dazu und beschäftigt drei Pfarrer und einen theologischen Referenten. Die Landeskirche finanziert nur eineinhalb Pfarrstellen.

13 Jahre ehrenamtlich als Pfarrerin

Pfarrerin Irene Ahrens-Cornely öffnet in Zehlendorf die Tür zum Gemeindehaus der Kirche zur Heimat. Das Haus mutet herrschaftlich an, auf den zweiten Blick fällt das abgetretene Parkett auf. Geld haben sie hier nicht zu verschenken. Sonst hätte Irene Ahrens-Cornely nicht 13 Jahre ehrenamtlich als Pfarrerin gearbeitet. Mitte der 90er Jahre war sie mit der Ausbildung fertig. Damals musste die Landeskirche sparen und hatte mehr Pfarrer als Stellen. Weil sie in Zehlendorf aufgewachsen ist, den Pfarrer der Kirche zur Heimat schätzte und ihren Beruf sehr mag, arbeitete sie erst mal für Gotteslohn. Sie konnte sich das leisten, weil ihr Ehemann als Arzt genügend verdient, um die Familie zu ernähren. Ahrens-Cornely engagiert sich vor allem für Kinder. Sie rief eine Krabbelgruppe ins Leben, veranstaltet Kinderbibelwochen zuerst mit 50, heute mit 120 Kindern, und organisiert Familienwochenenden. Das alles kommt gut an in der Gemeinde – so gut, dass ein Zehlendorfer Unternehmer-Ehepaar die Stiftung „Kirche im Dorf“ gründete und seit 2011 eine halbe Pfarrstelle für sie bezahlt.

Auch Karina Nippes Pfarrstelle im Brandenburgischen Ruhlsdorf finanziert zur Hälfte eine Stiftung. Dahinter steht Helga Hagitte, heute 85 Jahre alt, die als Pfarrerstochter im Pfarrhaus in Ruhlsdorf aufgewachsen ist. Nach der Wende sanierte sie von ihrem Vermögen zunächst die verfallene Kirche und richtete dann die Pfarrstelle ein.

In Zukunft werden die Kirchen immer weniger Geld haben

Es ist wichtig, dass Privatleute Kirchengemeinden unterstützen. In Zukunft werden die Kirchen immer weniger Geld zur Verfügung haben. Doch wie langfristig ist das private Engagement? Alle hier vorgestellten Modelle sind zeitlich begrenzt auf sechs oder zehn Jahre. Wie es weitergeht, ist nicht überall klar. Was ist mit der Rente? Die Landeskirche bildet Rücklagen für ihre Pfarrer – bisher auch für die privat finanzierten. Deshalb kann eine Gemeinde einen Pfarrer nur in Absprache mit der Landeskirche beschäftigen.

Stifter wollen Einfluss nehmen auf das, was mit ihrem Geld gemacht wird. Das ist legitim – aber nicht unbedingt, was sich Pfarrer oder die anderen Gemeindemitglieder wünschen. „Die Akzente der Arbeit verschieben sich“, sagt Ahrens-Cornely. Sie ist sehr froh, dass die zweite Hälfte ihrer Stelle im Kirchenkreis verankert ist. „Das gibt mir eine inhaltliche Freiheit der Stiftung gegenüber.“ Die Unabhängigkeit ist auch Pfarrerin Kulawik von der Gedächtniskirche wichtig. Sie weiß nicht, wer die Großspender sind, die zu ihrem Gehalt beitragen. „Das will ich auch nicht wissen“, sagt sie – um nicht in Versuchung zu kommen, einige zu bevorzugen, nur weil sie viel Geld haben.

Kein finanzieller Ausgleich unter den Freikirchen

Der Kirchensteuersystem garantiere am ehesten die Unabhängigkeit der kirchlichen Arbeit, das betont Landesbischof Markus Dröge. „Das sollte man sich klar machen, wenn man über die Abschaffung der Kirchensteuer diskutiert.“

Die Freikirchen beteiligen sich nicht am Kirchensteuersystem. Da kommt das Geld direkt von den Gemeindemitgliedern. Bei den Baptisten sind die Gemeinden völlig autonom und stellen selbst den Pfarrer ein. Wenn er ihnen nicht zusagt, können sie ihn entlassen. „Sonntags steht man dann vor seinen Arbeitgebern“, sagt Pastor Martin Schäfer. Das sei nicht immer witzig, „weil jeder meint, er wüsste, wie ich meinen Job zu machen habe“. Manchmal würde er das landeskirchliche Gehalt vorziehen. Die Gemeindemitglieder entscheiden auch selbst, wie viel sie spenden. Gemeinden mit gut situierten Baptisten können sich in der Regel mehr leisten als Gemeinden mit vielen Bedürftigen. Wenn das Geld nicht reicht, könne man halt keinen Pfarrer anstellen, sagt Schäfer. Einen finanziellen Ausgleich zwischen den Gemeinden gebe es nicht. Die Schöneberger Gemeinde Zum Heilsbronnen sammelt seit Jahren Notgroschen für magere Zeiten – falls die Kirchensteuer dramatisch sinkt, falls die Landeskirche die Pfarrstelle streicht. Sie haben schon über 650 000 Euro zusammen, aber die Not ist noch gar nicht so groß. Die Kirchensteuereinnahmen sind dank der guten Konjunktur sogar gestiegen. Im Gemeindekirchenrat diskutieren sie nun, wie und wann sie eine Pfarrstelle damit einrichten könnten. „Das Geld auf der Bank liegen zu lassen, ist sicher keine Option“, heißt es.

In der katholischen Kirche in Deutschland ist es übrigens bislang undenkbar, dass Gemeinden ihren Pfarrer selbst finanzieren. „Das hängt damit zusammen, dass sich der Bischof verpflichtet, für den Priester aufzukommen, den er weiht“, sagt der Sprecher des Berliner Erzbistums. Wenn in einer Gemeinde eine neue Pfarrstelle eingerichtet werde, dann immer auf Anregung von oben.

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