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Königlich bequem : Warum fahren die Berliner kaum Hollandräder?

21.03.2012 14:57 UhrVon Maartje Somers
Königin Juliana galt als radelnde Monarchin der Niederlande. Das Hollandrad gilt als bekanntester Exportartikel, doch in Berlin ist dieser Radtyp kaum verbreitet.Bild vergrößern
Königin Juliana galt als radelnde Monarchin der Niederlande. Das Hollandrad gilt als bekanntester Exportartikel, doch in Berlin ist dieser Radtyp kaum verbreitet. - Foto: Picture Alliance

Viele Berliner flitzen mit krummem Rücken auf Trendrädern durch die Straßen. Dabei kann man sich auf einem Rad auch königlich gelassen bewegen. Eine Neu-Berlinerin aus den Niederlanden wundert sich.

Was ist mit den Berliner Radfahrern los? Fast alle sind sie vornüber gebeugt unterwegs, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Ihre Drahtesel sind schnelle, fragile Räder. Berliner Radfahrer sind virtuos und auch ein bisschen ängstlich im Straßenverkehr unterwegs – wie auf einem Slalomlauf. Es geht auch anders. Man kann sich auf einem Rad auch aristokratisch bewegen. Man kann fürstlich erhobenen Hauptes den Blick über die Autos schweifen lassen, dabei stabil und geschützt im Verkehr mitschwimmen.

„Auf einem Hollandrad sitzt man aufrecht, mit erhobenem Kopf. Man sieht die Umwelt“, sagt Andreas Janssen, Geschäftsführer Deutschland der klassischen niederländischen Marke Gazelle – seit 65 Jahre verkauft Gazelle Hollandräder nach Deutschland.

„Das Hollandrad ist wie ein Panzer“, sagt Heiko Hass vom Fahrradladen Radlust in Kreuzberg. „Es ist wie ein Mercedes“, lobt Andreas Janssen.

Ich bin Holländerin und gerade in Berlin angekommen. Ich denke an mein „omafiets“, so nennen die Holländer das Hollandrad. Es hat einen speziellen Wiegerahmen, dessen Halbkreis so schön die Rundungen der Räder spiegelt. Bleischwer, klassisch und groß ist mein Rad. Vorne hat es eine robuste Kiste für Lebensmittel, einen Kindersitz für meine Tochter und es hat noch einen Extra-Sitz, damit ich auch noch einen Klassenkameraden mitnehmen kann. Praktisch ist auch der riesige Fahrradständer, damit das Rad nicht kippt, schon gar nicht mit zwei Kindern und vielen Einkäufen.

Warum ist aber das Hollandrad, mit seinen 28 Zoll-Rädern, seinem gebogenen Lenker, seinem wetterfest geschlossenen Kettenkasten und Kleiderschutz kein Renner? Das ist mir ein Rätsel. Die niederländischen Fahrradproduzenten tun zwar ihr Bestes und exportieren jedes Jahr 440 000 Fahrräder nach Deutschland. Trotzdem sind mir in Berlin bisher kaum Hollandräder begegnet.

Ist es vielleicht zu plump und gefällt den Berlinern deshalb nicht? Ist es zu schwer, um es mit in die S-Bahn oder U-Bahn nehmen zu können? Vielleicht taugt es nicht recht für die vergleichsweise weiten Entfernungen in Berlin? In Amsterdam ist alles ganz nah, Brücken sind unsere höchsten Berge, die wir auch ohne Gangschaltung überwinden können. Berlin scheint seiner Neueinwohnerin fast unendlich weit und groß. Manchmal gibt es Hügel.

Trotzdem finden sich einzelne Berliner, die sich in das Hollandrad dauerhaft verliebt haben. Mindestens zwei Spezialläden gibt es in Berlin, die auffälligerweise sehr unterschiedlich sind. Radlust in Kreuzberg entstand in den achtziger Jahren als Werkstätte in der Hausbesetzer-Szene. Später hat man angefangen, „garantiert ungeklaute“ Räder aus Holland zu holen. Jetzt gibt’s bei Radlust fast nur glänzend neue klassische und Retro-Modelle, aber die Atmosphäre ist noch die gleiche. Geschäftsführer Heiko Hass selbst hat fünf Räder, sagt er. „Aber wenn ich mein Kind mitnehme, fahre ich immer mit meinem Hollandrad.“ In Mitte gibt es seit 1998 den Laden Zweitrad, zuerst mit gebrauchten Rädern, nun aber fast nur mit klassischen Modellen aus Holland. „Mit ihnen lässt sich in aufrechter Sitzposition und in vernünftiger Kleidung fahren“, schreibt Geschäftsinhaber Ulrich Gries auf seiner Website.
Die Kunden? Das sind vor allem Familien, sagt Heiko Hass, und Leute, die sich zu einem zeitlosen Modell hingezogen fühlen. „Aber auch Menschen mit Rückenschmerzen. Und lange, riesige Menschen. Was soll jemand von zwei Metern mit 26-Zoll-Rädern anfangen?“

„60 Prozent unserer Kunden sind Frauen“, sagt Ulrich Gries, der im Sommer schon mal 100 Hollandräder pro Monat verkauft. Die beiden Geschäftsführer loben das Rad auch, weil es wartungsarm ist. „Solide, altmodische Technik“, sagt Hass. „Ganz einfach.“ Allerdings könnte man sagen, dass das Rad seit dem neunzehnten Jahrhundert im großen Ganzen nicht viele Veränderungen erfahren hat. Damals begannen auch Frauen zu radeln. Auf Grund der guten Sitten - und wegen ihrer langen Röcke – brauchten sie einen niedrigen Einstieg. So entstand der typische Wiegerahmen, der heute in Holland bei Frauen, Studenten (auch Männern) bis hin zum den Königinnen populär ist.
Das nostalgische Hollandrad ist also in den Niederlanden wie in Deutschland etwas Spezielles. Warum, das weiß Heiko Hass von Radlust: „Es gibt so viele Trends und Novitäten, so viele Rennräder und Bonanza Bikes. Ein Hollandrad ist langsamer. Man beruhigt sich darauf. Auf einem Hollandrad gibt es keinen Stress.“

Was halten Sie von der Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH), dass bei unverschuldeten Unfällen Radfahrer ohne Schutzhelm Anspruch auf vollen Schadenersatz haben?

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