Verkehrssicherheit : Nußbaum spart an den Radwegen

Obwohl sich die Zahl tödlicher Unfälle seit Jahren erstmals wieder erhöht hat, will der Finanzsenator eine Million Euro weniger für Baumaßnahmen ausgeben. Der Fahrradclub ADFC protestiert.

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Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene Radfahrer.
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Foto: Henning Onken
04.04.2011 19:47Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene...

Die Zahl der Verkehrstoten soll wieder sinken – dies hat sich die Polizei vorgenommen. Erstmals seit fünf Jahren war die Zahl der Opfer 2011 höher gewesen als im Jahr zuvor. Von den insgesamt 54 Verkehrstoten waren 40 Fußgänger und Radfahrer. Besonders unfallträchtige Stellen sollten umgestaltet und die Infrastruktur verbessert werden, forderte die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers am Freitag bei der Vorstellung der Unfallbilanz 2011.

Doch gerade hier will das Land Berlin sparen. Im Entwurf für den Doppelhaushalt 2012/2013 ist die Summe für die Sanierung von Radwegen halbiert worden. Der Fahrradclub ADFC protestiert „im Interesse der Sicherheit“ dagegen. Mit den bisher zwei Millionen Euro im Jahr konnte „wenigstens ein Teil der gravierendsten Mängel an Radwegen behoben werden“, heißt es in einem Schreiben an Berliner Abgeordnete. Im neuen Doppelhaushalt sind pro Jahr nur noch eine Million eingeplant, viel zu wenig, wie Bernd Zanke vom ADFC meint.

Dabei berichtete der Chef der Verkehrspolizei, Markus van Stegen, dass sich auch mit wenig Geld die Sicherheit an unfallträchtigen Ecken messbar erhöhen lässt. So hatte es in Dahlem an der Kreuzung Königin-Luise-Straße/Podbielskiallee in vier Jahren zehn Unfälle mit Radlern gegeben. Nachdem dort Radspuren markiert worden sind, habe es seit mehreren Monaten keine Unfälle mehr gegeben. „Kleine Maßnahmen haben große Wirkung“, sagte van Stegen. Von den 54 Toten waren 29 zu Fuß und elf mit dem Rad unterwegs, also die sehr große Mehrheit.

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Böse Falle in der Potsdamer Straße, Tiergarten: "Als Radfahrer ist man plötzlich gefangen zwischen einem Baugerüst (rechts) und einem Bauzaun (links)", schreibt uns Tim Lossen. Als er versuchte, die unausgeschilderte Falle auf der Straße zu umgehen, wurde er prompt angehupt. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von Berliner Radwegen an leserbilder@tagesspiegel.de!
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1 von 389Foto: Tim Lossen
24.08.2016 15:29Böse Falle in der Potsdamer Straße, Tiergarten: "Als Radfahrer ist man plötzlich gefangen zwischen einem Baugerüst (rechts) und...

„Ich kenne die Opferperspektive“, sagte Polizeichefin Koppers und berichtete von drei eigenen Fahrradunfällen in den vergangenen zehn Jahren: „Ich habe unfreiwillig einen Salto über eine geöffnete Autotür hinter mir, bin von einem abbiegenden Auto erfasst oder von einem BVG-Bus so an den Bordstein gedrängt worden, dass ich quer über den Bürgersteig geflogen bin.“

Statistisch werden Radfahrer vor allem von abbiegenden Fahrzeugen getötet, sechs von den elf starben auf diese Weise. Von den 7400 Radlerunfällen wurden 1250 durch Abbieger verursacht; 150, weil Radfahrer eine rote Ampel missachteten. Der ADFC spitzte dies gestern zu: „Offensichtlich ist es für Radfahrer gefährlicher, bei Grün zu fahren als bei Rot.“ Die Polizeipräsidentin appellierte eindringlich, Ampeln zu beachten. Sie berichtete, dass sie oft die Einzige sei, die mit dem Rad an der Ampel hält – und dafür mitunter noch von anderen Radlern beschimpft werde.

Auch für Autofahrer seien rote Ampeln häufig nur noch eine „Anregung“, anzuhalten (Koppers). Gut 30.000 Fahrer wurden im vergangenen Jahr geblitzt, in 3370 Fällen war es länger als eine Sekunde rot. Ampelmissachtungen sind mittlerweile an vielen großen Kreuzungen die Hauptunfallursache.

So krachte es beispielsweise auf der Osloer Straße Ecke Prinzenallee in Wedding 20 Mal, weil Autofahrer bei Rot fuhren, auf der Kreuzung Bundesallee/Hohenzollerndamm waren es 16 Unfälle. Dass die Zahl der erwischten Rotfahrer um 25 Prozent zurückgegangen ist, lag vor allem daran, dass viele Geräte monatelang defekt waren. Wie berichtet, will Berlin keine neuen stationären Blitzgeräte an Ampeln aufstellen, sondern die vorhandenen modernisieren.

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