Fahrradfahren in Berlin : Warum stehen Touristen immer auf Radwegen?

Nicht alle Berlin-Touristen erkennen den Sinn von Radwegen. Über frustrierte Radfahrer und unwissende Touristen am Potsdamer Platz.

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Touristen stehen aus Unwissenheit auf dem Radweg am Potsdamer Platz - Ecke Leipziger Straße in Berlin-Mitte.
Touristen stehen aus Unwissenheit auf dem Radweg am Potsdamer Platz - Ecke Leipziger Straße in Berlin-Mitte.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ein typischer Morgen am Potsdamer Platz. Es ist 10 Uhr, und in den Hotels werden gerade die  Reste des Frühstücks abgeräumt, nun drängt alles nach draußen. Die Berlin-Touristen warten, gucken, fotografieren und stehen herum – und das ziemlich oft auf Radwegen. Die Folge: Dauergeklingel frustrierter Radler, die jeden Morgen und jeden Abend auf dem Weg ins Büro abrupt abbremsen müssen, weil plötzlich wieder ein abgelenktes Touristenpaar mit Stadtplan in der Hand auf den Radweg tritt.

Und woran liegt’s? „Bei uns fährt kaum einer Rad“, erzählt ein Ehepaar aus Texas, noch immer leicht irritiert über jenen Radler, der sie eben verscheucht hat. „Und in Texas haben wir auch keine Radwege, wir kennen so was gar nicht.“ Ähnlich überrascht wirkt ein junges Paar aus Landsberg am Lech in Oberbayern. „Die Radler kommen hier von überall her, so was gibt es bei uns gar nicht“, sagt der Mann. Eben standen sie auf dem Radweg, „wir haben gar nicht darauf geachtet, wo wir eigentlich lang laufen, und da wurden wir beinahe umgefahren“, erzählt der 31-Jährige. Seinen Terrier nimmt er jetzt an die kurze Leine.

Manchmal kracht es auch auf den Radwegen

Das sind Alltagsszenen, wie es sie überall in der Stadt gibt, aber natürlich vor allem dort, wo vermehrt Touristen anzutreffen sind. „Andauernd hören wir hier Bremsenquietschen und Geklingel. Und manchmal kracht es auch“, berichtet der Besitzer des Cafés Coffee & Cookies in der Stresemannstraße, nur ein paar Schritte vom Potsdamer Platz entfernt. Der Gastronom versteht nicht, warum der Radweg, der vor seinem Lokal entlangführt, nicht auf die Straße verlegt wird. „Da ist doch viel weniger los als auf dem Gehweg“, sagt er. Vor dem Schaufenster rollt in diesem Moment gemächlich eine Truppe Menschen auf Segways vorbei. Die zwei Radler dahinter wollen überholen, nutzen den Gehweg, Fußgänger schimpfen – es ist ziemlich eng.

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ADFC will Radwege auf die Straße verlegen

Nikolas Linck, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), argumentiert im Sinne des Café-Besitzers. „Wir fordern, dass Radwege statt neben Gehwegen auf die Straße verlegt werden. Dort wäre auch die Gefahr, von rechts abbiegenden Autos übersehen zu werden, viel geringer“, sagt Linck. Er verweist auf die Radfahrkurse, die der Club anbietet, „um Radler zu sensibilisieren für die vielen Risiken im Stadtverkehr“. Ähnlich argumentieren auch die Fußgänger-Lobbyisten vom Verein Fuss. „Fahrverkehr gehört auf die Fahrbahn“, sagt Fuss-Sprecher Stefan Lieb, der für eine Änderung der jetzigen Situation plädiert. „Solange Fahrradfahrer und Passanten sich einen Weg teilen, wird es immer zu Zwischenfällen kommen“, sagt Lieb. Radfahrer seien aber auch in der Pflicht und müssten vorausschauend fahren, weil sie viel schneller seien als Fußgänger. Ärger gibt es immer wieder auch auf Radwegen, die an BVG-Bushaltestellen vorbeiführen. Da kommen sich Fahrgäste und heranrauschende Radler oft in die Quere. Beim Ein- und Aussteigen müssen Radler allerdings Rücksicht nehmen.

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