Familie Redeker über den Mauerfall : „Wir dachten, das ist ein Scherz“

Ein netter Abend im Restaurant mit Arbeitskollegen aus „Westdeutschland“ – und hinterher ist die Welt völlig verändert. Renate und Jürgen Redeker wollten nicht glauben, dass die Mauer offen ist.

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Jürgen und Renate Redeker mit ihrer Tochter Hannah, aufgenommen am 18. Oktober 2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin Mitte.
Jürgen und Renate Redeker mit ihrer Tochter Hannah, aufgenommen am 18. Oktober 2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin Mitte.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Als die Mauer gefallen ist, waren meine Eltern in einem besonderen Restaurant, wo Leute Scherze machen. Ein Mann, der Scherze machte, sagte zu meinen Eltern, dass die Mauer gefallen ist. Meine Eltern dachten, dass das nicht stimmt.“

Aus dem Aufsatz von Hannah Redeker.

Mitten auf der Straße, dort wo jetzt die Autos fahren. Renate Redeker zeigt von Westen in Richtung Brandenburger Tor. „Dort bin ich damals auf die Mauer geklettert“, sagt sie voller Stolz. Es war eisig kalt, erinnert sie sich. Die Menschen haben gefroren und das „Unfassbare genossen“. Die Mauer vor dem Brandenburger Tor war etwa vier Meter breit. So bot sie genug Platz für Tausende Berliner aus dem Osten und Westen. Eine Jubelstimmung, emotionsgeladener als bei der Fußball-Weltmeisterschaft. „Die Leute haben sich gegenseitig hochgehoben und hochgezogen“, erinnert sich die 49-Jährige. Ihre Hose sei dabei kaputtgegangen. „Ganz lange habe ich sie als Trophäe aufgehoben.“ Doch zum Brandenburger Tor schaffte es Renate Redeker erst am 10. November, denn dass die Grenzen offen waren, hatten sie und ihr spätererMann Jürgen Redeker da noch gar nicht mitbekommen.

Mauerpanoramen
Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner und Arwed Messmer. Die Bildunterschriften beziehen sich auf Protokolle der DDRGrenzregimenter zu Mauer-Rufen aus dem Westen. Grenzübergang Chausseestraße. Ein 35- bis 40-jähriger Westberliner legt in Höhe Sicherungslinie einen Brief und zwei Zigaretten auf das Geländer und ruft dem Posten zu: "An Walter Ulbricht weiterleiten!" Der Posten gibt zwei Warnschüsse ab, der Mann täuscht ein Getroffensein vor und krümmt sich mit den Worten zusammen: "Ich sterbe für Deutschland."Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: BArch-DVH 60 Bild-GR33-03-063 bis 073, o. Angabe, Rekonstruktion und Interpretation Arwed Messmer
02.08.2011 13:33Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner...

Keiner glaubte dem Kellner, dass die Mauer offen ist

Am Abend des 9. November 1989 besuchten sie gemeinsam mit Arbeitskollegen ein Restaurant in der Zitadelle Spandau. Es war ein mittelalterliches Lokal, die Zitadellen-Schänke, die es immer noch gibt. „Gegessen wurde mit den Händen und getrunken aus Hörnern“, erinnert sich Jürgen Redeker. Das Personal war verkleidet und machte dauernd Scherze. Deshalb wollten sie auch dem Kellner nicht glauben, der ihnen vergnügt erzählte: „Die Mauer ist offen“. „Wir haben das nicht ernst genommen, dachten es ist ein Witz“, sagen sie beide. „Es war viel zu unwahrscheinlich“, sagt der Familienvater rückblickend. Der Kellner sei noch mehrmals zu ihnen an den Tisch gekommen; versuchte sie zu überzeugen: „Die Mauer ist wirklich offen“, sagte er immer wieder. Keiner am Tisch glaubte ihm, schon gar nicht die westdeutschen Arbeitskollegen einer Zweigstelle, die gerade erst die Transitstrecke passiert hatten, um nach Berlin zu kommen.

Damals waren die Redekers noch kein Paar, sondern Arbeitskollegen. Ihre Tochter Hannah, die die 6. Klasse der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Wilmersdorf besucht, kam erst – als viertes Kind – 14 Jahre später auf die Welt. Die Elfjährige schmunzelt, wenn sie die Geschichte noch einmal hört. Sie hat sie für ihren Schulaufsatz für den Tagesspiegel-Wettbewerb aufgeschrieben. Jetzt lehnt sie sich an ihren Vater – im Rücken das Brandenburger Tor. Dass unweit von hier sich Soldaten gegenüberstanden und Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen sind, das kann sie sich nicht vorstellen. „Die Menschen sind doch eigentlich frei“, sagt sie. Eine Mauer, die die Stadt trennt, passt nicht zu ihrem Bild, das sie von Berlin hat.

Auf der Strecke nach München ging nichts mehr

Nach dem Essen in der Zitadelle machten sich die Redekers am Abend des 9. November in getrennten Autos auf den Heimweg. „Auf den Straßen sind uns plötzlich Trabis entgegengekommen, immer mehr“, erinnern sie sich. Da wussten sie, dass es kein Scherz war. Zu Hause schaltete Renate Redeker sofort den Fernseher ein. Bis spät in die Nacht guckte sie die Nachrichtensondersendungen: Die Pressekonferenz mit SED-Politbüromitglied Günter Schabowski und jubelnde Menschen in einer Dauerschleife. „Ich konnte nicht fassen, was da los war.“

Jürgen Redeker trat am nächsten Morgen eine Dienstreise nach München an. Auf weniger als der Hälfte der Strecke blieb er stecken. „Da ging nichts mehr. Die Transitstrecke war voll mit Trabis“, erzählt er. Sie wollten die Ausfahrt nach Hof in den Westen nehmen. Zwei, drei Stunden stand er im Stau, plauderte mit den DDR-Bürgern. Sie redeten über Autos. „Auf einmal fand ich mich am Steuer eines Trabis wieder“, sagt Redeker. Die Ostdeutschen kletterten in seinen Mercedes-Dienstwagen. Einen Trabi kennt Hannah nur aus dem Mauermuseum. Mit ihrer Schulklasse hat sie außerdem einen Ausflug in den Tränenpalast gemacht, der ehemaligen Ausreisehalle der DDR an der Friedrichstraße. Ihre Lehrerin hat viel unternommen, um sich mit Hannah und ihren Klassenkameraden auf die Spuren der Mauergeschichte zu begeben. Doch die Emotionen von damals wieder aufleben zu lassen, bleibe eine schwierige Aufgabe, sagen die Eltern von vier Kindern aus eigener Erfahrung.

Den Aufsatz von Hannah Redeker und viele weitere können Sie hier nachlesen. In unserer Serie "20 Wende-Geschichten" erzählen Berliner Schulkinder, wie ihre Eltern den Mauerfall erlebt haben.

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