Finale des "Science Slam" im Postbahnhof : Wissenschaft in fünf Minuten

Sie hat die Haar schön, aber nur, um über Echthaarschmuck als Liebesbeweis zu philosophieren. Victoria Kau ist mit ihrem Beitrag eine der Finalisten eines Wissenschafts-Wettstreits, dem Science Slam, im Postbahnhof.

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Victoria Kau forscht über Digitales und Analoges.
Victoria Kau forscht über Digitales und Analoges.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ja, Victoria Kau hat die Haare schön: Blonde, kinnlange Locken umrahmen wellig das Gesicht der 27-jährigen Kulturwissenschaftlerin. Aber um ihre Haare geht es hier eigentlich gar nicht, sondern vielmehr um aus Echthaar gefertigten Schmuck aus der Biedermeierzeit: Mit ihrem Forschungsgegenstand steht Victoria Kau heute Abend beim Science-Slam-Finale im Fritzclub auf der Bühne, Titel ihrer Performance: „Du hast die Haare schön!“. Bei dem Wissenschafts-Wettstreit, einer Abwandlung der Poetry Slams, treten Wissenschaftler gegeneinander an: Wer dem Publikum sein Forschungsthema innerhalb von fünf Minuten auf die unterhaltsamste Weise näherbringen kann, gewinnt.

Inzwischen nervt es die Absolventin der Humboldt-Universität ein bisschen, dass alle immer gleich anfangen, den Haar-Schlager aus dem Jahr 2005 zu trällern, wenn sie von ihrem Slam-Beitrag erzählt. Das Thema sei schließlich viel komplexer: „Im 19. Jahrhundert war der Echthaarschmuck der ultimative Liebesbeweis und ein ganz persönliches Erinnerungsstück, etwa wenn ein Mädchen dem Geliebten ein Armband aus ihrem eigenen Haar schenkte, bevor er in den Krieg zog“, erklärt die Kreuzköllnerin Kau.

Heute dagegen poste man Fotos auf Facebook zur Erinnerung an Partys oder Urlaube. Inwiefern sich die Erinnerungskultur vom Analogen hin zum Digitalen ändert, hat Victoria Kau in ihrer Seminararbeit am Beispiel des Haarschmucks untersucht. Und damit hofft sie ihre sechs Konkurrenten aus Berlin und Brandenburg bei dem vom RBB organisierten Science Slam zu schlagen. Unter den Finalisten ist auch Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz und Robotik an der FU, der am Beispiel einer führerlosen Taxifahrt durch Berlin die Funktionsweise von Robotern erklärt. Um die Gemeinsamkeiten von Bauchspeicheldrüsen und Hipstern geht es im Slam von Nuria Cerdá-Esteban, Doktorandin am Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin.

Stein des Weisen. Victoria Kau forscht über Digitales und Analoges.
Stein des Weisen. Victoria Kau forscht über Digitales und Analoges.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Geisteswissenschaftler werden ja oft belächelt, weil ihre Forschungsthemen nicht in eine Formel passen und ihre Arbeit gar nicht als Wissenschaft ernst genommen wird“, erzählt die gebürtige Kölnerin Victoria Kau, die fürs Masterstudium nach Berlin zog. Umso mehr freut sie sich, dass sie jetzt Gelegenheit hat, einmal einem breiteren Publikum zu zeigen, was Kulturwissenschaftler so machen. Sie interessiert sich vor allem für das Spannungsfeld zwischen Analogem und Virtuellem: Einerseits gibt es den Trend zur Digitalisierung; Fotos werden nicht mehr in Alben geklebt, sondern existieren überwiegend als Dateien auf dem PC, E-Mails ersetzen Briefe, SMS und Whats-App-Nachrichten Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht. Andererseits boomen Nähkurse und Flohmärkte.

„Dinge selber machen, sie in die Hand nehmen: Das Interesse an Altem und Traditionellem wächst wieder“, so Kau. Strick- oder Heimwerkeranleitungen aus dem Internet seien die Schnittstelle der beiden Bereiche. Solche Trends zu untersuchen, ist ihr Ding. Eine Promotion dazu kann sich die Hobbystrickerin – per Youtube-Tutorial hat sie es sich selbst beigebracht – durchaus vorstellen. „Geisteswissenschaftliche Themen sind überall, oft ohne dass wir es merken“, sagt Kau, die derzeit als Freiberuflerin arbeitet.

Der Science Slam ist übrigens eine urdeutsche Erfindung, die ersten Veranstaltungen fanden 2006 in Darmstadt und Braunschweig statt. „In anderen Ländern, etwa den skandinavischen, kommt der Science Slam erst allmählich an, allerdings überwiegend im kleineren Rahmen, zum Beispiel in Unis“, erklärt Julia Offe, mittlerweile Koryphäe auf dem Gebiet. Die Molekularbiologin hatte sich während der Promotion oft die Nächte im Labor um die Ohren geschlagen und sich gefragt, ob tatsächlich nur drei Profs von ihren Mühen und den Ergebnissen erfahren sollten. In Braunschweig lernte sie das Konzept kennen und holte den Slam kurzerhand in ihre Heimatstadt Hamburg. Seit 2009 betreibt sie eine Homepage und organisiert inzwischen deutschlandweit regelmäßig Slams.

Der RBB-Science-Slam wird live im Fernsehen übertragen, das Publikum wählt telefonisch, online oder per QR-Code übers Smartphone den Sieger. Nervös? „Klar, aber das muss auch so sein“, findet Kandidatin Kau, „ich bin halt eine kleine Rampensau.“ Nicht nur eine mit schönen Haaren, sondern auch ’ner Menge im Kopf.

Fritzclub im Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Friedrichshain, Einlass 20.45 Uhr, Karten: 6,50 Euro, www.rbb-ticketservice.de, Tickethotline 611 013 61. RBB-Übertragung ab 22 Uhr. Die Science-Slam-Seite: www.scienceslam.de

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