• Flüchtlinge im Flughafen Tempelhof in Berlin: Messe fordert Millionen an Schadensersatz für Verdrängung

Flüchtlinge im Flughafen Tempelhof in Berlin : Messe fordert Millionen an Schadensersatz für Verdrängung

Auch die Marathon-Messe leidet unter der Nutzung der Hangars in Tempelhof für Flüchtlinge. Das will sie sich bezahlen lassen.

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Die Messe findet 2016 nicht mehr in den Hangars des Flughafens Tempelhof statt.
Die Messe findet 2016 nicht mehr in den Hangars des Flughafens Tempelhof statt.Foto: dpa

Jürgen Lock wird jetzt doch mal eine Spur lauter, eine Spur aggressiver. Er kann nicht anders, er redet übers große Geld. Jürgen Lock, der Geschäftsführer der SCC Event GmbH, erklärt aufgebracht, dass er Millionen Euro fordert. Als Schadensersatz, als Ausgleich dafür, dass er vor einer Situation steht, „die nicht zu handeln ist“. Er soll eine Messe organisieren für 100.000 Leute, für Ausdauerläufer, für Inlineskater, für Rollstuhlfahrer, für Freizeitsportler aus der ganzen Welt, aber der Ort, wo diese Masse bisher geprüft, gekauft, gefachsimpelt hat, diesen Ort darf er nicht mehr nutzen.

Die Hangars und das Vorfeld des Tempelhofer Flughafens sind besetzt. Flüchtlinge werden dort untergebracht. Und Leute wie Jürgen Lock fühlen sich verraten und verkauft. „So kann man mit Mietern nicht umgehen. Man kann doch nicht einfach sagen: So, jetzt schaut mal wie ihr klarkommt.“

33 Veranstaltungen hatte die Tempelhof Projekt GmbH 2016 in den Hallen und auf dem Vorfeld des Tempelhofer Felds geplant. Darunter sind der Deutsche Pflegetag, die Formula E, Bread & Butter, Next Organic oder Connectium. Alles abgesagt, jedenfalls auf diesem Gelände. Auch das Musikfestival Lollapalooza soll stattfinden, nur wo – das ist nicht so richtig klar. Die Veranstalter sind verunsichert, die Folgen sind heftig. Am Beispiel der SCC Event GmbH kann man sie gut nachzeichnen.

Berlin Vital ist die größte Marathonmesse der Welt

SCC Event veranstaltet den Halbmarathon und den Berlin-Marathon, insgesamt starten dabei fast 80 000 Menschen. Und Teil dieser Rennen ist die Messe Berlin Vital, eine Marketing- und Verkaufsplattform für diverse Unternehmen, Schuhhersteller, eine Autofirma, Nahrungshersteller, Aussteller dieser Art. Jeder Starter musste bisher in den Hangars seine Startnummer abholen, eine clevere Regie, die Kunden wurden quasi automatisch an die Stände der Sponsoren und Firmen geleitet. „Wir“, sagt Thomas Steffens, Pressesprecher von SCC Event, stolz, „sind die größte Marathonmesse der Welt.“

Bilder vom Tempelhofer Feld
Viel Beton, und trotzdem schön: Auf dem Tempelhofer Feld finden alle Freizeitsportler, Spaziergänger und Griller ihren Frieden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: Kai-Uwe Heinrich
08.05.2011 19:24Viel Beton, und trotzdem schön: Auf dem Tempelhofer Feld finden alle Freizeitsportler, Spaziergänger und Griller ihren Frieden.

Möglicherweise nicht mehr lange. Berlin Vital benötigt nicht bloß 25.000 Quadratmeter Fläche, sie benötigt vor allem ein Dach. Das ist Locks Kernproblem. „In Berlin gibt es keine adäquaten Hallen in dieser Größenordnung.“ Jedenfalls keine, die für ihn infrage kommen. Berlin Vital war mal in Spandau, im früheren Siemens-Kabelwerk. Nach einem Jahr flüchteten die SCC-Verantwortlichen von diesem Ort. Besucher, die zur Messe wollen, aber permanent im Stau stehen, sind kein prickelnder Anblick.

Jahrzehntelang war Berlin Vital auch auf dem Messegelände am Funkturm, aber dort musste sie vor ein paar Jahren raus, deshalb zog sie ja nach Tempelhof.

Aber die Messe am Funkturm ist nicht mal theoretisch eine Lösung. „Die Flächen dort sind auf Jahre vermietet“, sagt Lock. „Ich kann doch nicht acht Monate vor einer Veranstaltung kommen und sagen, ich brauche Hallen mit 25 000 Quadratmeter Größe.“

Der Mietvertrag von SCC Event mit der Tempelhof Projekt GmbH läuft bis 2018, Lock dachte, er hätte Planungssicherheit. Stattdessen hat er Hektik. „Da kommt ja auch niemand und sagt, wir helfen euch.“

Pläne des Senats

Das stimmt nicht ganz. Die Tempelhof Projekt GmbH habe ihm vorgeschlagen, er solle doch eine Traglufthalle bauen. Irgendwo vor den Hangars. Für Lock war das freilich nicht mehr als ein schlechter Scherz. „Wo soll man denn da bauen?“

Seine Teams sind jetzt in der Stadt unterwegs, um wenigstens das Schlimmste zu verhüten. Für den Halbmarathon benötigt er weniger Messegelände als für den Marathon, beim Halbmarathon kommen weniger Leute. Aber bisher haben sie nichts Passendes gefunden. Lock wundert es nicht, er kennt ja die Situation in der Stadt.

Was er nicht kennt, sind die Pläne des Senats. Wie lange sind denn die Hangars gesperrt? 2016 nur? Oder auch 2017? Was soll er denn jetzt seinen Sponsoren sagen? Die betrachten ja Berlin Vital als wichtigste Plattform. Die ist viel wichtiger als die Rennen, auch wichtiger als der Marathon, der im Fernsehen live übertragen wird. Bei Berlin Vital können die Firmen ihre Produkte präsentieren und verkaufen. „Man muss doch auch mal sehen, welche wirtschaftliche Bedeutung diese Messe hat“, sagt Lock. „Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran.“ Für den weltberühmten Berlin-Marathon ist das jedenfalls „ein absoluter Imageverlust“.

Radikallösung ärgert ihn

Diese Radikallösung, die ärgert ihn maßlos. Einfach mal alle Veranstalter aus den Hangars drängen, ohne Rücksicht aus Verluste. So etwas gehe gar nicht. Natürlich, das betont er aber auch, müsse den Flüchtlingen geholfen werden, „das weiß ja jeder, der einigermaßen klar im Kopf ist“. Aber warum so eine Hilfe nicht ein Kompromiss sein kann, das versteht er nicht. „Warum kann man nicht in einem Teil der Hangars Flüchtlinge unterbringen und in den anderen Hangars die Geschäfte weiterlaufen lassen?“ Das habe ihm noch niemand erklärt.

Und selbst wenn er die Millionen von der Tempelhof Projekt GmbH erhalten sollte, den Schadenersatz für die Verdienstausfälle, ist er nicht wirklich zufrieden. Er muss sie ja teilweise gleich weitergeben. „Wir werden doch selber von unseren Sponsoren in Regreß genommen.“

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