Flüchtlinge in Berlin : Spielen verboten

Nicht nur in Hellersdorf sind Flüchtlinge nicht sonderlich willkommen. In Wittenau wurde ein Spielplatz gesperrt. Doch es gibt auch positive Beispiele aus Berlin.

von
Auf diesem Spielplatz sind die Kinder aus dem nahen Flüchtlingswohnheim nicht willkommen.
Auf diesem Spielplatz sind die Kinder aus dem nahen Flüchtlingswohnheim nicht willkommen.Foto: Thilo Rückeis

„Aber der Spielplatz gehört doch uns, nicht den Kindern“, ruft die alte Dame, schätzungsweise 70 Jahre alt, als könne sie nicht glauben, was hier passiert. Ihr gegenüber steht eine jüngere Dame, und wäre sie fies, würde sie die ältere Dame fragen, wann sie denn das letzte Mal wippen war oder in der Sandkiste saß. Aber sie ist nicht fies, sondern sagt stattdessen, dass Kinder nun mal gerne auf Spielplätzen spielen – egal, wem die gehören.

Und so stehen die zwei da am Eichborndamm in Wittenau, an diesem Donnerstag Anfang August, nebenan feiert das vor einigen Monaten eröffnete Flüchtlingsheim einen „Tag der offenen Tür“, und die junge Dame fragt, ob die alte Dame denn wisse, was einige Kinder erlitten hätten. Aber darum gehe es nicht, sagt die Seniorin. Sondern um Eigentum und die Frage, wer hier schaukeln darf.

Flüchtlingskinder dürfen in Wittenau nicht auf den Spielplatz

Die Mehrheit der Eigentümer hat entschieden: „Privatgrundstück“ steht auf der Metalltafel neben der Wippe, Flüchtlingskinder unerwünscht. Also wurde der Jägerzaun abgerissen und durch einen Metallzaun ersetzt, sicher einen guten Meter hoch, „aber mit den Zacken nach unten montiert“, wie ein weiterer Anwohner betont. Woran liegt es, dass in einem Bezirk die Anwohner Sturm laufen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen, in anderen Bezirken es hingegen kaum Probleme zu geben scheint?

92 Erwachsene und 111 Kinder leben hier in Wittenau. Zum Tag der offenen Tür ist Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke gekommen, ebenso Bezirksstadtrat Andreas Höhne (SPD). Ein „holpriger Start“ sei das gewesen, sagt Höhne, froh darüber, dass die Befürchtungen vieler Nachbarn mittlerweile verschwunden seien. Von den Anwohnern aber lässt sich kaum jemand blicken. Zur ablehnenden Haltung hat aus Sicht von Flüchtlingsinitiativen auch der Reinickendorfer Baustadtrat Martin Lambert (CDU) eine Menge beigetragen. Im Schaufenster einer Kneipe neben dem Flüchtlingsheim hängt immer noch ein Brief, geschrieben von Lambert im Mai „an die Anwohnerinnen und Anwohner“. Darin erklärt Lambert, dass „der Bezirk alles versucht, negative Einflüsse zu unterbinden“. Auch veröffentlichte Lambert – als Ansprechpartner für die Bevölkerung – die privaten Handynummern zweier Mitarbeiterinnen eines Unternehmens, das im Bezirk ein anderes Heim betreibt. Daraufhin klingelte oft das Telefon, unterdrückte Nummern, auch nachts, vielleicht zehn Tage lang wurden die beiden beschimpft und beleidigt, erzählt eine von ihnen. Später habe sie Lambert um Entschuldigung gebeten. Aber sein Brief hängt noch in der Kneipe.

In Mariendorf kümmern sich Sozialarbeiter um die Flüchtlinge

Ortswechsel, Berliner Süden, Marienfelde. „Natürlich, ohne politische Unterstützung aus dem Bezirk funktioniert das nicht“, sagt Uta Sternal, Leiterin des größten Berliner Flüchtlingsheimes in der Marienfelder Allee. Etwa 300 Erwachsene, 300 Kinder leben hier. Die dreigeschossige Siedlung mit begrünten Innenhöfen, einem Spielplatz und einem Bolzplatz wurde in den 50er Jahren gebaut. Damals kamen die Flüchtlinge noch aus der DDR, teilweise waren tausende Menschen hier untergebracht, sagt Sternal. Nach dem Fall der Mauer kamen Russlanddeutsche und andere Spätaussiedler, und im Herbst 2010 wohnte hier das erste Mal seit fast 60 Jahren kein Flüchtling. „Eigentlich waren die Anwohner darüber ganz froh“, sagt Sternal, „es hieß, hier sollten normale Wohnungen entstehen.“ Aber dann übernahm der Internationale Bund als freier Träger die Gebäude, die Flüchtlingszahlen stiegen schließlich wieder. Bei einer Anwohnerversammlung habe man offene Fragen geklärt, seitdem sei Ruhe, sagt Sternal. „Man darf nicht abblocken, sondern muss offen sein.“

Dafür aber braucht es ausreichend Personal. Ein Sozialarbeiter muss sich hier um etwa 85 Flüchtlinge kümmern, zu viel, findet Sternal, obwohl man damit immer noch besser aufgestellt sei als so mancher gewerblich organisierte Betreiber. „Gut wäre ein Verhältnis von 1 zu 60“, sagt sie. Mit dem Betreiben von Flüchtlingsunterkünften lässt sich mittlerweile Geld verdienen, je sparsamer der Einsatz von Personal, desto größer der Gewinn. Aber je weniger Personal, desto geringer auch die Möglichkeiten für die Flüchtlinge, sich zu integrieren, sagt Sternal.

Der Spielplatz soll demnächst abgeschlossen werden

Zurück in Wittenau: Um Geld geht es auch hier. Das Flüchtlingsheim, der Lärm der Kinder, die angeblich steigende Kriminalität führe dazu, dass die Immobilienpreise sinken, wird behauptet. Gegen den Lärm soll der Zaun helfen. Meistens.

Es ist 14.56 Uhr, als die auf der Metalltafel festgelegte Ruhezeit gebrochen wird. Zwei Jungs, vielleicht fünf Jahre alt, stoßen die Tür zum Spielplatz auf und schaukeln. „Sehen Sie, da kommen die schon wieder“, sagt ein Anwohner. Die Jungs klettern aufs Gerüst, einer setzt sich auf die Wippe, der andere in die Sandkiste. Sie lachen, erzählen etwas in einer Sprache, die hier niemand versteht. Ein Junge nimmt eine Handvoll Sand, lässt ihn auf den Gehweg rieseln. Dann laufen die zwei davon, um 15.02 Uhr kehrt wieder Ruhe ein. Die Tür zum Spielplatz lassen sie auf. „Die Türschlüssel haben wir leider noch nicht“, sagt der Anwohner.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

85 Kommentare

Neuester Kommentar