Flüchtlinge in Berlin : Wer saniert jetzt die Turnhallen?

Aus 15 Sporthallen sind schon Flüchtlinge ausgezogen – aber nun streiten sich Landessportbund und Land um die Beseitigung der vielen Schäden.

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Flüchtlinge in Berliner Turnhallen.
Flüchtlinge in Berliner Turnhallen.Foto: picture alliance / dpa

Da sind, nur so als Beispiel, diese riesigen Flecken im Teppichboden. Die Rudolf-Harbig-Halle, diese Spezialhalle für Spitzen-Leichtathleten in Charlottenburg, hat diesen speziellen Boden. Dort sind jetzt Flecken, kein Wunder, monatelang haben dort ja mehrere Hundert Flüchtlinge gelebt.

Die Flüchtlinge sind weg, die Flecken sind noch da, sie müssen aber verschwinden, sonst kann man keinen Sport treiben. Und die Flecken sind einer dieser Gründe, wegen denen sich Klaus Böger „wirklich ärgert“. Böger ist Präsident des Landessportbundes (LSB), der LSB betreibt die Harbig-Halle, aber auch das direkt daneben liegende Horst-Korber-Zentrum, und solche Flecken „kann nur eine Spezialfirma entfernen“.

Leider aber, sagt Böger, sehe das Berliner Immobilien-Management (BIM) das anders. Das BIM soll hauptverantwortlich die Halle wieder in der ursprünglichen Zustand zurückversetzen. In jene Halle, die sie vor dem Einzug der Flüchtlinge mal war. Aber zu den Flecken – und jetzt wird Böger richtig böse – da habe das BIM nur gesagt: „Mein Gott, das wird halt sauber gemacht.“ Sauber gemacht? „Unser Gutachter sagt, das müsse umfassend saniert werden“, erklärt Böger.

Die Flecken also stehen stellvertretend für ein Gesamtproblem. „Es gibt einen Grundsatzbeschluss des Berliner Senats, dass alle Sporthallen, in die Flüchtlinge eingezogen sind, nach deren Auszug wieder in jenen Zustand versetzt werden, in dem sie vor dem Einzug war, und dass sie wieder funktionsfähig sind“, sagt Böger. „Aber für das BIM heißt funktionsfähig, dass man dort so Sport treiben kann, wie das BIM denkt, dass es passt.“

Streit über die Höhe der Schäden

41 Sporthallen in Berlin sind derzeit noch mit Flüchtlingen belegt, 4500 Menschen haben dort noch ihre Betten. Betroffen von der Hallensituation sind noch mehrere Dutzend Sportvereine. 15 Hallen sind wieder freigezogen. Das heißt aber nicht, dass dort auch wieder Sport getrieben werden kann. Die Realität sieht derzeit ziemlich trist aus. Katrin Ebbinghaus, die Sprecherin der Senats-Gesundheitsverwaltung sagt: „Wir haben wieder eine Halle dem Sport übergeben, in Hellersdorf.“ Diese geringe Zahl erbost Böger ebenfalls. Bei ihm landen die Proteste von Sportvereinen. die immer noch keinen normalen Trainingsbetrieb anbieten können.

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Sauer ist Böger auch, dass der LSB erst vor wenigen Tagen ein dringend erwartetes Schreiben erhalten hat. Die rechtsverbindliche Zusage, dass der LSB Sanierungsarbeiten ausschreiben darf. „Es hat mich fast wahnsinnig gemacht, dass diese Zusage nicht gekommen ist“, sagt Böger. Ohne dieses Schreiben konnte mit der Sanierung nicht begonnen werden. Böger vermutet „ein Bermudadreieck in der zuständigen Senatsverwaltung, da sind die Verantwortlichkeiten nicht geklärt“.

Es geht ja Reparaturen im Millionenbereich. Denn nicht bloß die Harbighalle ist betroffen, auch das Horst-Korber-Zentrum war monatelang Wohnort von Flüchtlingen. Korber-Zentrum und Harbig-Halle sind Trainingsorte vieler Spitzensportler- und Mannschaften.

Wie hoch die Sanierungskosten für beide Hallen sind, darüber gab es schon den nächsten Streit. Der Gutachter des LSB (Böger: „Zum Glück hatten wir einen eigenen“) taxierte die Schäden auf insgesamt 3,7 Millionen Euro, das BIM rechnete mit viel weniger. Nach mühsamen Gesprächen trafen sich beide Seiten bei 3,1 Millionen Euro.

2,5 Millionen Euro für Sanierung

Sascha Langenbach, der Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsfragen (LAF), das mit dem BIM zusammenarbeitet, sagt dazu: „Nach der Begutachtung von freigezogenen Hallen durch die BIM bzw. beauftragte Gutachter findet grundsätzlich ein Einigungsgespräch mit dem jeweiligen Träger der Halle statt, sei es der Bezirk oder, wie im vorliegenden Fall, der LSB. Ziel des Einigungsgesprächs ist dabei eine einvernehmliche Lösung zur Instandsetzung der in den vergangenen Monaten als Notunterkünfte genutzten Hallen.“ Es sei absolut üblich, im Sinne dieses Zieles Gespräche über den Bedarf der Sanierung zu führen. Die Kompromiss-Bereitschaft bei all diesen Gesprächen „sei sehr, sehr hoch und es wurden jeweils für alle Seiten gut tragbare Ergebnisse erzielt“.

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Und was den Antrag zur Freigabe der Sanierungsgelder betrifft: Diesen Antrag habe das LAF auch erst Ende vergangener Woche erhalten. „Somit können die Mittel nun sukzessive freigegeben werden, beginnend mit den notwendigen Geldern zur Ausschreibung der anstehenden Arbeiten durch ein vom LSB beauftragtes Ingenieurbüro“, teilte der LAF-Sprecher mit. Die Finanzverwaltung habe für die Sanierung zunächst 2,5 Millionen Euro freigegeben.

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Korber-Zentrum erst 2018 wieder nutzbar

Doch von „sehr, sehr hoher Kompromissbereitschaft“ ist zumindest auf Seiten des LSB nicht die Rede. Zumindest gab es vorher erregte Diskussionen. Streit, sagt jedenfalls Böger, habe es auch um die Fliesen gegeben. Unter Fliesen in den Duschräumen habe sich Schimmel breit gemacht. Während der LSB alle Fliesen deshalb habe abreißen wollen, habe das BIM dies entspannter gesehen. Von Abriss keine Rede. Jetzt habe man sich geeignet, einen Teil der Fliesen abzuschlagen, sagt Böger.

Aber auch die Lüftungsanlage im Korber-Zentrum muss teilweise saniert werden. „Das Gesundheitsamt hat uns gesagt, wenn das nicht repariert wird, machen wir die Halle dicht“, sagt LSB-Direktor Heiner Brandi. In der Harbig-Halle ist der Boden auch noch „stark durchnässt“, und im Korber-Zentrum „sind verschiedene Stellen im Schwingboden gebrochen“. Da müsse man den kompletten Boden sanieren.

Brandi warnt schon mal. „Es kann sein, dass die jetzt veranschlagten 3,1 Millionen Euro nicht reichen. Im schlimmsten Fall sind es 3,6 Millionen.“ Diese Zahl jedenfalls halte der LSB-Gutachter für realistisch. Und der sei Sachverständiger für Baupreise.

Böger ist jetzt „gespannt, wie die Kosten zu finanzieren sind“. Er hat aber zumindest klare Vorstellungen, wer sie nicht finanziert. „Das wäre ja ein tolles Ding, wenn der Sport dass selber bezahlen müsste.“ Der Sport muss auf jeden Fall noch einige Zeit auf zwei seiner wichtigsten Hallen in Berlin verzichten. „Wenn wir optimistisch sind“, sagt Böger, kommen wir in der Saison 2017/18 oder im Winter 2018 in die Hallen.“

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