• Flüchtlingsunterbringung in Berlin : Wohnungen für Flüchtlinge kosten zwei Milliarden Euro

Flüchtlingsunterbringung in Berlin : Wohnungen für Flüchtlinge kosten zwei Milliarden Euro

Rund 100.000 Geflüchtete werden wohl in Berlin bleiben. Ein Forscher hat Kosten und Strategien zu deren Unterbringung geprüft.

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Notunterkünfte helfen nur vorübergehend - langfristig müssen die Geflüchtete eine Wohnung in Berlin finden.
Notunterkünfte helfen nur vorübergehend - langfristig müssen die Geflüchtete eine Wohnung in Berlin finden.Foto: dpa

Knapp 2,2 Milliarden Euro kostet es, Wohnungen für die rund 120.000 Geflüchteten bereit zu stellen, die in Berlin bis zum Jahr 2017 leben werden. Damit diese dauerhaft ein Dach über dem Kopf bekommen, muss das Land knapp 23.000 Wohneinheiten schaffen mit einer durchschnittlichen Fläche von jeweils 80 Quadratmetern.Dies geht aus einer Studie des Maklerhauses Aengevelt hervor, das auf aktuelle Zahlen des Bundes zur Zuwanderung zurückgreift.

Tempohomes helfen nur vorübergehend


Die dauerhafte Unterbringung von Geflüchteten wird auf Jahre hinaus zu der großen Herausforderung der Stadt. In Berlin herrscht ohnehin schon Wohnungsnot und die Zahl der Wohnungslosen explodiert. Das Land beginnt zurzeit mit dem Bau der ersten Container-Unterkünften, „Tempohomes“ genannt. Vier davon sollen etwa am Flughafen Tempelhof aufgestellt werden, um die überfüllten Hangars im Flughafen Tempelhof zu entlasten. Insgesamt 15.000 Menschen werden einen Schlafplatz finden in den Tempohomes. Allerdings sind die Container-Unterkünfte nicht dauerhaft als Wohnung geeignet, sondern für einen Zeitraum von drei Jahren eingeplant.

Mufs sind in Bau, aber nur für 24.000 Menschen


Langfristig sollen Geflüchtete eine eigene Wohnung finden oder wenigstens in Modularen Unterkünften unterkommen, in so genannte Mufs. Grundstücke für diese industriell vorgefertigten Plattenbauten sind gefunden, die ersten beiden Mufs mit Platz für 900 Menschen sind in Bau – insgesamt sollen 24.000 Flüchtlinge sollen in Mufs unterkommen. Das reicht bei weitem nicht aus, um auch nur annähernd den Bedarf an Wohnraum für die Neu-Berliner zu decken, wie die nun vorgelegte Studie zeigt.

Im nächsten Jahr beginnt der Familiennachzug


„Wenn wir die Mufs abziehen, bleibt ein Bedarf von 17.000 Wohnungen“, sagt Walter Zorn von Aengevelt, der die Untersuchung durchgeführt hat. Grundlage seiner Berechnung sind ein rechnerischer Bedarf von 15 Quadratmetern pro Person, was beim Ein-Raum-Wohnungen für allein Geflüchtete eher wenig ist, für Familien mit Kindern dagegen aufgeht. Greift der Forscher aber mit gut 120.000 in Berlin verbleibenden Flüchtlingen zu hoch? Zorn meint nicht, er beruft sich auf Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie auf den „Königsteiner Schlüssel“, nach dem Bund und Länder die Geflüchteten verteilen. Und „wer eine geringe mutmaßliche Anerkennungsquote zum Maßstab nimmt, setzt eine unmittelbare Abschiebung von Tausenden voraus“. Bisher komme es aber nur vereinzelt zu Abschiebungen. Vorerst blieben die meisten Geflüchteten im Lande, 50.000 waren es 2015. In diesem Jahr sei mit 35.000 Geflüchteten zu rechnen, noch einmal so viele im kommenden Jahr, wobei dann der Familien-Nachzug den Zuzug prägen.

Kosten von 1200 Euro je Quadratmetern


Auch bei den Kosten für die Schaffung des Neubaus geht der Forscher „konservativ“ vor: mit 1200 Euro je Quadratmeter legt er einen eher moderaten Durchschnittswert zugrunde: nur rund 30 Prozent der erforderlichen Wohnungen enstehen demnach im Neubau, weitere 30 Prozent könnten durch die gründliche Sanierung von Altbauten entstehen, wiederum dreißig Prozent durch weniger aufwendige Sanierung und die verbleibenden zehn Prozent nach Schönheitsreparaturen bestehender Wohnungen.

Umbau von Bürohäusern in Wohnhäuser wäre möglich


Aber woher sollen die vielen Wohnungen kommen? Darauf gibt die Studie keine Antwort. Der Umbau leer stehender Bürobauten sei eine Möglichkeit, wobei die darin entstehenden Wohnungen eher schlechten Standard bieten würden. Immer noch sind viele Flüchtlinge in Notunterkünften untergebracht, zum Beispiel in Turnhallen. Diese sollen nach den Plänen des Senats bis Ende dieses Jahres wieder frei werden. Die darin bisher untergebrachten rund 9000 Flüchtlinge ziehen in die im Bau befindlichen Container-Wohnungen sowie in andere Notunterkünfte wie die Messehalle am ICC um.

90 Notunterkünfte sind noch belegt


Mittelfristig muss auch die Messehalle wieder für den Geschäftsbetrieb frei werden und auch die anderen 90 Notunterkünfte, darunter 58 Turnhallen, eignen sich nicht zur langfristigen Unterbringung von Menschen. Modularbauten und Container zusammen würden Platz für knapp 40000 Menschen bieten – gerade mal ein Drittel der Geflüchteten.

Bis zu 3000 Geflüchtete finden schon heute keine Wohnung


Laut Senatsverwaltung für Soziales blieben 2015 rund 55000 Geflüchtete in Berlin. In diesem Jahr kamen weitere 11000 Menschen. Von Januar bis April konnten 1234 Personen in 513 Mietwohnungen wechseln. Doch mindestens 3000 Menschen leben noch in Unterkünften der Sozialverwaltung, obwohl sie sich selbst auf dem Markt versorgen müssten, aber keine Wohnung finden. Außerdem explodieren in den Bezirken die als „wohnungslos“ gemeldeten Menschen: Deren Zahl stieg von Ende 2014 auf Ende 2015 von 10000 auf 17000. Der größte Teil dieses Anstiegs dürfte auf anerkannte Flüchtlinge zurückzuführen sein.

40000 Geflüchtete leben noch in Unterkünften des Senats


Zurzeit leben noch 40000 Geflüchtete in Senats-Unterkünften: davon 25000 in 98 Notunterkünften, 12500 in 46 Gemeinschaftsunterkünften, 2600 in den Erstaufnahmestellen. Für die mittelfristige Unterbringung sind Gemeinschaftsunterkünfte am ehesten geeignet, weil sie separate Einzel- und Doppelzimmer bieten sowie Gemeinschaftsküchen für die eigenständige Verpflegung. Darin verfügen die Geflüchteten über neun Quadratmeter pro Person, in Doppelzimmern sind es 15 Quadratmeter pro Person.

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